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Flucht zwei Jahre lang geplant

Dem Elternpaar in Kalifornien, das seine 13 Kinder jahrelang unter menschenunwürdigen Bedingungen gefangen gehalten hat, droht Gefängnis bis ans Lebensende. Bei einer gerichtlichen Anhörung wurden der 57-jährige David Allen Turpin und seine 49-jährige Frau Louise Anna Turpin am Donnerstag formell der Folter und der Kindesmisshandlung beschuldigt. Beiden droht eine 94-jährige Haftstrafe.

Die Eltern wurden unter anderem in zwölf Fällen der Folter, in sechs Fällen der Kindesmisshandlung und in sechs Fällen der Misshandlung von abhängigen Erwachsenen beschuldigt. Das sagte der Staatsanwalt des Verwaltungsbezirks Riverside, Mike Hestrin, am Donnerstag. Der Staatsanwalt gab am Donnerstag überdies einen Einblick in das erschreckende Leben der 13 Geschwister.

Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft

APA/AFP/Frederic J. Brown

Staatsanwalt Hestrin schilderte das qualvolle Leben der Kinder

Hestrin sprach davon, dass die Kinder über einen langen Zeitraum hinweg misshandelt worden seien. Sie seien regelmäßig geschlagen und auch gewürgt worden. Die Geschwister hätten nur einmal im Jahr duschen dürfen. Wenn sie beim Händewaschen Wasser an die Haut oberhalb des Handgelenks ließen, seien sie bestraft worden. Die Eltern hätten ihren Kindern dann vorgeworfen, mit Wasser zu spielen, so der Staatsanwalt.

Sadistisches Verhalten

Laut den Ausführungen Hestrins agierte das Ehepaar geradezu sadistisch: Die Turpins hätten ihren Kindern nur eine Mahlzeit pro Tag erlaubt. Das Paar habe aber manchmal Essen gekauft und in Sichtweite der Kinder platziert. Oft hätten sie nicht einmal auf die Toilette gehen können, weil die Eltern ihnen die Fesseln nicht abnehmen wollten. Der letzte Arztbesuch eines Kindes läge mehr als vier Jahre zurück, sagte der Staatsanwalt. Den Geschwistern würde grundlegendes Wissen fehlen. So wüssten sie etwa nicht, was ein Polizeibeamter sei.

Die jugendliche Tochter, die schließlich entkommen konnte, hatte ihre Flucht laut Hestrin seit zwei Jahren geplant. Die 17-Jährige konnte sich am Sonntag selbst befreien und den Notruf wählen. Als die Polizei in dem Haus ankam, fand sie die Geschwister im Alter zwischen zwei und 29 Jahren teilweise mit Vorhängeschlössern an ihre Betten gekettet. Sie waren stark unterernährt, weshalb die Polizei sie zunächst allesamt für minderjährig hielt. Später stellte sich heraus, dass sieben von ihnen erwachsen sind.

Motive im Dunkeln

Das Ehepaar wies die Anschuldigungen bei dem Gerichtstermin allesamt zurück. Die Eltern hätten auf nicht schuldig plädiert, teilte die Staatsanwaltschaft in Riverside mit. Der nächste Gerichtstermin wurde für Ende Februar festgesetzt.

Die Angeklagten vor Gericht

APA/AP/Frederic J. Brown

Das Ehepaar plädierte am Donnerstag auf nicht schuldig

Zu möglichen Motiven des Paares für die Misshandlung der Kinder machte der Staatsanwalt keine Angaben. Die Eltern seien auf Nachfrage „nicht in der Lage gewesen, einen überzeugenden Grund dafür anzugeben, dass ihre Kinder in dieser Weise festgehalten wurden“, zitierte die „Los Angeles Times“ bereits am Mittwoch einen Polizeisprecher. Laut einem „Time“-Bericht war die Mutter über den Polizeieinsatz am Sonntag regelrecht überrascht. Sie habe nicht verstanden, warum die Polizei in ihr Haus gekommen sei, zitierte die Zeitschrift einen Ermittler.

Langwierige Rückkehr ins Leben

Die Geschwister werden noch lange Zeit psychologische Hilfe nötig haben. Angesichts der langen Phasen von „Hunger und Misshandlung“ bedürften sie langfristig psychologischer und psychiatrischer Behandlung, sagte die Leiterin der Abteilung für die Behandlung von Missbrauchsopfern an den Kliniken der Riverside University, Sophia Grant, am Dienstag.

Mark Uffer, Leiter des Regionalkrankenhauses von Corona, wo die erwachsenen Opfer aus dem Haus behandelt wurden, bezeichnete den Zustand der Patienten als „stabil“. „Ich glaube, sie sind hoffnungsvoll, dass ihr Leben nach diesem Vorfall besser wird.“ Sie seien jetzt in einer „sehr sicheren und geschützten Umgebung“.

Privatschule nie von Behörden kontrolliert

Laut Berichten unterhielten die Eltern in ihrem Zuhause die private „Sandcastle Day School“, in der sie ihre Kinder unterrichtet hätten. Diese wurde nie von den Behörden kontrolliert.

Als Direktor der Schule soll seit 2010 der 57-jährige Vater registriert gewesen sein. Laut Unterlagen wurden dort derzeit sechs Kinder unterrichtet. Behörden zufolge soll es sich bei den Schülern ausschließlich um Kinder des tatverdächtigen Ehepaares gehandelt haben. Die Schule wird in den Unterlagen laut „Los Angeles Times“ sowohl als religiös als auch als nicht religiös bezeichnet.

Heimschulung kaum reguliert

Private Schulen werden in Kalifornien kaum reguliert. Die Schulen müssen sich lediglich registrieren und jährlich eine Liste mit Schülerzahlen, Angestellten und Informationen über die Schulleitung schicken. Einem Sprecher der kalifornischen Bildungsministeriums zufolge habe die „Tragödie“ die Angestellten „krank gemacht“.

Man sei über die Rettung der Kinder und die Ermittlungen erleichtert. Laut geltenden Gesetzen sei die Behörde aber nicht dazu verpflichtet, Privatschulen zu kontrollieren. Das sorgt bei Kritikern für Empörung: Hätten die Kinder eine öffentliche Schule besucht, wäre ihr Martyrium vielleicht früher entdeckt worden. Die Direktorin der Sozialfürsorge des Bezirks sagte, bei der Rettung habe es sich „um die erste Gelegenheit“ für ein Eingreifen in die Familie gehandelt.

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