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Sorge um Nationalstolz in Südkorea

Wenn am Freitag die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang beginnen, blickt die Welt nach Südkorea. Diese internationale Bühne will sich heuer auch der kommunistische Norden nicht entgehen lassen und schwenkte rechtzeitig auf einen Annäherungskurs ein. Diktator Kim Jong Un will die Beziehungen zum Süden verbessern. Dort ist die Charmeoffensive allerdings umstritten.

Kim Jong Un überraschte am Mittwoch sogar damit, seine Schwester zu den Spielen nach Südkorea zu schicken. Damit soll zum ersten Mal ein Mitglied der seit drei Generationen in Nordkorea herrschenden Kim-Dynastie nach Südkorea reisen. Nordkorea habe Südkorea darüber informiert, dass Kim Yo Jong als Mitglied einer hohen Delegation anreisen werde, teilte das Vereinigungsministerium in Seoul mit.

Delegationen aller Art

Die 30-Jährige trägt den Angaben des Ministeriums zufolge den Titel einer Vizedirektorin des Zentralkomitees der Arbeiterpartei. Nach Berichten der südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap ist sie auch stellvertretende Leiterin der Abteilung für Propaganda und Agitation. Südkoreas Präsident Moon Jae In wird Kims Schwester am Samstag sogar treffen, hieß es aus offiziellen Quellen.

Kim Jong Un hatte bereits in seiner Ansprache am Neujahrstag zugesagt, eine Delegation zu den Winterspielen zu entsenden. Bei Gesprächen vereinbarten beide Seiten später, dass auch 22 nordkoreanische Sportler an den Wettkämpfen teilnehmen.

Kim Yo Jong

Reuters/Damir Sagolj

Kim Yo Jong, die 30-jährige Schwester des nordkoreanischen Diktators, soll den Süden besuchen

Nordkorea schickte aber nicht nur Sportler, um den Bruderstreit zu befrieden. Südkorea erlaubte entgegen geltender Sanktionen kürzlich die Einfahrt eines nordkoreanischen Schiffes mit einem 140 Mann starken Orchester an Bord. Der erste von zwei Auftritten in Südkorea ist für Donnerstag geplant.

Gemeinsames Hockeyteam

Auch eine Jubelgruppe mit mehr als 200 Cheerleadern wurde unter der Leitung von Sportminister Kim Il Guk nach Südkorea entsandt. Die Cheerleader sollen bei den Spielen in Pyeongchang Athleten aus dem Norden, aber auch aus dem Süden unterstützen. Ihre Ankunft am Mittwoch war ein Medienereignis in Südkorea. Die Cheerleader waren dem Vernehmen nach sorgfältig ausgewählt worden. Die nordkoreanischen Behörden überprüften die Familien der jungen Frauen, deren Aussehen und Loyalität zur Staatspartei.

Nordkoreanische Cheerleader in Pyeongchang

APA/AFP/Ed Jones

Jubeltruppe auf diplomatischer Mission: Am Mittwoch wurden mehr als 200 Cheerleader in Südkorea empfangen

Auch sportliche Kooperationen wurden zwischen beiden Seiten vereinbart. Das Eishockeyteam der Damen wird aus Spielerinnen aus Nord- und Südkorea bestehen, wobei mindestens drei Athletinnen aus dem Norden pro Spiel eingesetzt werden. Es wird dies das erste Antreten eines gemischten Teams auf olympischer Ebene sein.

Eine gemeinsame Flagge

Bei anderen internationalen Wettkämpfen gab es schon zweimal gemeinsame Teams: Jeweils 1991 schlossen sich Vertreter beider Staaten bei den Tischtennis-Weltmeisterschaften und bei der Junioren-WM im Fußball zusammen. Für Nordkorea wird es ein Comeback bei Winterspielen sein, nachdem zu den Sotschi-Spielen vor vier Jahren keine Athleten aus dem abgeschotteten Land entsendet wurden. Nordkoreanische Sportler werden in insgesamt fünf Sportarten antreten: Neben den zwölf Eishockeyspielerinnen kommen weitere zehn Athleten im Eiskunstlauf, Shorttrack, Eisschnelllauf, Langlauf und im alpinen Skilauf zum Einsatz.

Koreaner schwenkt die Vereinigungsflagge

APA/AFP/Kim Doo-Ho

Anlass für Debatten: Eine Flagge für ein Korea

Eine besondere symbolische Bedeutung wird heuer auch der Einmarsch der Delegationen bei der Eröffnungsfeier haben. Norden und Süden werden gemeinsam unter einer „Vereinigungsflagge“ und der Bezeichnung „Korea“ mit jeweils einem Fahnenträger aus beiden Staaten einmarschieren. Die Fahne zeigt eine hellblaue Silhouette der Halbinsel auf weißem Grund. Es ist das erste gemeinsame Einlaufen der beiden Nationen bei sportlichen Großereignissen seit elf Jahren. Insgesamt ist es der vierte gemeinsame Einmarsch bei Olympischen Spielen nach den Sommerspielen in Sydney (2000), Athen (2004) bzw. den Winterspielen von Turin (2006).

Debatten über Nähe zum Kriegsgegner

Viele Fortschritte, die sich in kürzester Zeit ergaben. Zuvor drehte sich stetig die Eskalationsspirale, angefacht einerseits durch das Raketenprogramm Kim Jong Uns und andererseits durch die Amtsübernahme von US-Präsident Donald Trump, der auf einen Konfrontationskurs setzt. Die koreanische Halbinsel befindet sich seit 1953 im formellen Kriegszustand. Am Ende des Koreakriegs wurde zwar ein Waffenstillstand geschlossen, aber kein Friedensvertrag unterzeichnet.

In Südkorea ist auch die neue Annäherungspolitik nicht unumstritten und Gegenstand heftiger Debatten. Die konservative Opposition kritisiert den gemeinsamen Einmarsch und befürchtet eine Verletzung des Nationalstolzes. Besonders die gemeinsame Flagge wird abgelehnt. „Dass wir Gastgeber von Olympia geworden sind, geht auf die langen Bemühungen aller Menschen hier zurück. Wir haben es uns verdient, unser Nationalsymbol der Welt zu zeigen“, sagte der Chef der Volkspartei, Ahn Cheol Soo.

Auch die Bevölkerung ist gespalten. Die englischsprachige Zeitung „The Korea Herald“ zitierte eine Umfrage: Für die weiß-blaue Flagge sind 40 Prozent, 50 Prozent sind dagegen.

Präsident sieht „kostbare Chance“

Bei der Anreise der Künstlerdelegation am Dienstag hatten sich Hunderte Menschen am Hafen von Donghae versammelt, um gegen den Norden zu demonstrieren. Sie trugen unter anderem Plakate mit durchgestrichenen Gesichtern Kim Jong Uns. „Wir befinden uns im Kriegszustand, und wir laden die Prostituierten unseres Feindes ein“, sagte einer der Demonstranten zur Nachrichtenagentur AFP. Die Demonstranten skandierten auch „Wir sind gegen die Olympischen Spiele von Pjöngjang“. Sie werfen der nordkoreanischen Führung vor, die am Freitag beginnenden Winterspiele gekapert zu haben.

Südkoreas Präsident Moon Jae In jedoch will die Zusammenarbeit mit Nordkorea dazu nutzen, eine dauerhafte Entspannung zu erreichen. Das Tauwetter in den innerkoreanischen Beziehungen sei eine „kostbare Chance“, um Verhandlungen zwischen den USA und Nordkorea über dessen Atomwaffen auf den Weg zu bringen. „Wir brauchen Weisheit und Anstrengungen, um die Dialogchancen nach den Olympischen Spielen zu bewahren, damit die innerkoreanischen Gespräche zu Gesprächen zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea sowie zu anderen Formen des Dialogs führen können.“ Allerdings wird bisher bezweifelt, dass Nordkorea auch an Gesprächen über sein Atom- und Raketenprogramm interessiert ist.

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