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Leben und Sterben auf der Straße

Sein Buch „Gomorrha“ über die italienische Mafia hat ihn weltweit bekannt gemacht - nun hat der im Untergrund lebende Journalist und Schriftsteller Roberto Saviano seinen ersten Roman vorgelegt. In „Der Clan der Kinder“ geht es um die Kinder- und Jugendbanden der Camorra in Neapel. Brutalität, Machtspiele und Tote begleiten die jungen Heranwachsenden, die um Anerkennung in ihren Reihen kämpfen.

Gleich am Anfang taucht man in die grausame Welt der Jugendlichen ein. Ein Bursch wird von einer gleichaltrigen Gruppe verprügelt und muss schließlich die Exkremente seines Peinigers essen. Er hat es gewagt, die Fotos von dessen Freundin auf Facebook zu liken. „In Neapel gibt es keinen geschützten Weg zum Heranwachsen: Man wird schon in der Wirklichkeit geboren, mittendrin, entdeckt sie nicht erst nach und nach“, schreibt Saviano.

Leichen, Schüsse und Verhaftungen gehören zum Alltag der Jugendlichen. Nicht einmal die eigenen Eltern können sie davon abhalten, denn der Verdienst bei den Clans ist ein Vielfaches dessen, was sie verdienen, wenn sie einer gewöhnlichen Arbeit nachgehen.

Für Macht und Anerkennung wird auch getötet

Nicolas, auch Maraja genannt, steht im Mittelpunkt der Geschehnisse des Romans. Er ist intelligent, will sich nicht unterkriegen lassen und gleichzeitig mit neuen Turnschuhen angeben. Vor allem aber bewundert er die Anhänger der Clans in Neapel. Er lechzt nach ihrer Anerkennung und dem Geld, das sie für ihr Tun bekommen. In Nicolas’ Welt ist in den Augen der Mädchen ein Pusher - so werden die Drogendealer genannt, die die unterste Ebene eines Mafia-Clans bilden - mehr wert als ein gutmütiger Kellner. Er selbst möchte unbedingt jemand sein, zu dem die Leute aufschauen.

Buchcover von Roberto Savianos "Der Clan der Kinder"

Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG

Buchhinweis

Roberto Saviano: Der Clan der Kinder. Hanser Verlag, 416 Seiten, 24,70 Euro.

Wer ein Gebiet kontrolliert, hat das Sagen. Diese Machtposition ist jedoch sehr austauschbar. Einerseits durch ständige – oftmals auch tödliche Kämpfe der Clans untereinander, andererseits durch Verhaftungen der Polizei. Die ungeduldigen Jugendlichen wollen selbst aktiv werden. Unter dem Namen „Paranza“ schließen sie sich zusammen und besetzen ihr Territorium so, wie sie es gelernt haben: mit dem Verbreiten von Angst und dem Einsatz von Gewalt.

Ähnlichkeiten zu „Gomorrha“

Saviano wurde weltweit durch sein 2007 erschienenes Buch „Gomorrha“ bekannt. Darin berichtete er nicht nur über die italienische Mafia im Süden des Landes, sondern nannte auch Namen, weswegen er nun unter permanentem Personenschutz im Untergrund leben muss. Auch wenn „Der Clan der Kinder“ ein Roman ist, finden sich viele Parallelen zu seinem Sachbuch über die Camorra.

Der italienische Autor Roberto Saviano

APA/AFP/Christophe Simon

Autor Saviano lebt nach Morddrohungen im Untergrund

In „Gomorrah“ schilderte Saviano, wie er an einem Tatort auf einen Burschen namens Pikachu trifft. Schnell wird klar, dass es nicht die erste Leiche ist, die der Teenager gesehen hat, und dass er für einen der Clans arbeitet. Seine jugendliche Naivität und sein Stolz verleiten ihn gar dazu, Saviano eine Tour zu geben und anderen Mitgliedern vorzustellen. Nicht nur die Schilderungen des kleinen Pikachu ähneln den Erfahrungen und Handlungen von Nicolas im Roman, auch die Formulierungen und die Art, wie beide beschrieben sind.

Spannend, aber verworren

Während Nicolas und seine Bande darüber diskutieren, ob ihr Markenzeichen, das Erzengel-Flügel-Tattoo auf dem Rücken, erkennbar genug ist, müssen sie sich den alten Clanführern stellen, die ihre Gebiete wieder kommandieren wollen. Ihre Reaktionen auf Erniedrigungen und Fehler zeigen, dass es sich um „Kinder“ handelt, die verloren in der Erwachsenenwelt Orientierung suchen.

Saviano liefert detaillierte Beschreibungen, damit man die Welt der Teenager und ihre irrationalen Handlungen nachvollziehen kann. Das ewige Hin und Her der „Paranzas“ ist teilweise chaotisch und irreführend, und das ständige Sich-Aufspielen ihres Anführers Nicolas ist mit der Zeit schwer zu ertragen. Wie in einem Bann verfolgt man die von Saviano entworfene Szenerie - und scheint dennoch zu keinem Ende zu kommen.

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