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Viele Kandidaten, wenige Chancen

Am 18. März sind 109 Millionen Russen dazu aufgerufen, einen neuen Präsidenten zu wählen. Der Sieger steht schon heute so gut wie fest - Amtsinhaber Wladimir Putin kommt in Umfragen derzeit auf rund 70 Prozent der Stimmen und dürfte sich damit wohl seine vierte Amtszeit sichern. Trotzdem hat er sieben zugelassene Konkurrenten auf dem Wahlzettel. Allerdings wird nur wenigen von ihnen zugetraut, überhaupt die Grenze von fünf Prozent der Stimmen zu knacken.

Zu ihnen gehört der kommunistische „Erdbeermagnat“ Pawel Grudinin. Der Landwirt und Politiker ist Chef der Sowchose Lenin um Moskau, dem größten russischen Erdbeerproduzenten. Dort werden täglich rund 60 Tonnen Erdbeeren geerntet - trotz des Namens nach Prinzipien der Gewinnorientierung. Grudinin wird zwar von der Kommunistische Partei der Russischen Föderation (KPRF) unterstützt, er gilt aber als „roter Kapitalist“.

Pavel Grudinin

APA/AP/Alexander Zemlianichenko

Grudinin erreichte im Jänner in Umfragen eine Zustimmung von rund acht Prozent

Seine Forderungen lehnen sich an die Partei an: Weniger ausländische Investitionen, mehr Zentralisierung und eine stärkere Umverteilung von Reich zu Arm. Ansprechen will man damit nicht nur ältere Stammwähler, sondern auch jüngere Protestwähler. Er selbst geriet wegen Konten im Ausland zuletzt in die Kritik. Diese sind Präsidentschaftskandidaten untersagt, weswegen er beteuerte, sie geschlossen zu haben. Bei den vergangenen Wahlen waren die Kommunisten stets die zweitstärkste Kraft.

Dauerkandidat und It-Girl

Ebenfalls über fünf Prozent einsammeln dürfte der Rechtspopulist und Nationalist Wladimir Schirinowski, der für die Liberaldemokratische Partei (LDPR) antritt. Es wäre bereits seine sechste Kandidatur - bei der letzten Wahl kam er auf 6,2 Prozent der Stimmen. Aufgrund zahlreicher Ausfälle, Provokationen und extremer Positionen ist Schirinowki auch über Russlands Grenzen hinaus bekannt. Hierzulande sorgte er für Aufsehen, als er den Abzug sowjetischer Truppen aus Österreich 1955 im Zusammenhang mit Conchita Wurst als Fehler bezeichnet hatte. Seine Partei gilt als „systemnahe Opposition“.

 Vladimir Zhirinovsky

APA/AP/Alexander Zemlianichenko

Schirinowski tritt erneut an

Für internationale Aufmerksamkeit sorgt auch das Antreten der 36-jährigen Journalistin Xenia Sobtschak. Das einstige Glamour-Girl gibt sich heute als Kandidatin der Opposition und Vertreterin einer „demokratischen Erneuerung“. Allerdings existieren zwischen Sobtschak und Putin Bande, die für Misstrauen sorgen. Ihr Vater, einst Bürgermeister von Sankt Peterburg, galt als Mentor Putins. Kritiker mutmaßen, dass der Kreml Sobtschaks Kandidatur stützen könnte, um die Kandidaten der Kommunisten und der LDPR in Schach zu halten.

Zwischen liberal und „leninistisch-stalinistisch“

Den dritten Versuch startet der Wirtschaftswissenschaftler Grigori Jawlinski von der Jabloko-Partei. Es wäre bereits der vierte, hätte ihm die Wahlkommission bei der letzten Wahl im Jahr 2012 nicht das Antreten untersagt. Sie warf ihm vor, 25 Prozent der Unterstützungserklärungen gefälscht zu haben. Jawlinski ist seit Jahrzehnten Politiker, in der Sowjetunion arbeitete er an der Liberalisierung der Wirtschaft. Vor allem seine außenpolitischen Positionen widersprechen der derzeitigen russischen Politik - so sprach er sich gegen die Annexion der Halbinsel Krim und für einen Abzug der russischen Truppen aus Syrien aus.

International wenig bekannt und relativ neu in der Politik ist Boris Titov, derzeit Putins Ombudsmann für Unternehmerrechte, Geschäftsmann und Besitzer eines der prominentesten russischen Weingüter. Dass der Kandidat der Wachstumspartei gegen Putin nicht gewinnen könne, sei ihm vollauf bewusst, sagte Titov kürzlich zum britischen „Spectator“. Allerdings könne er durch sein Antreten den politischen Dialog in Russland beeinflussen und eine wirtschaftsliberale Agenda stärken. Er wolle nicht Putins „Erbe attackieren, aber die wirtschaftliche Richtung in Russland kritisieren“.

Wie Titov dürfte auch Sergej Baburin im einstelligen Bereich bleiben. Der Vizesprecher der Duma und langjährige Abgeordnete gilt laut BBC als Unterstützer von Putins Außenpolitik, geißelt allerdings die „neoliberale Mafia“ in der Regierung und die Korruption. Ebenfalls niedrig aussteigen wird wohl der 39-jährige Kommunist Maxim Suraikin, der für eine Abspaltung der Kommunistischen Partei antritt, sich selbst als „Leninist-Stalinist“ bezeichnet und eine vollständige Abkehr vom Kapitalismus sowie eine Rückkehr zur Sowjetunion fordert.

Kein Antreten für Nawalny

Seit Wochen muss sich der Kreml den Vorwurf gefallen lassen, mit der Vielfalt an Kandidaten nur den Anschein von Pluralität und Demokratie erwecken zu wollen - unter anderem weil mehrere Kandidaten enge Verbindungen zur Regierung haben. Faktor soll dabei auch die Angst vor einer geringen Wahlbeteiligung sein, die die Legitimität der Wahl untergraben könnte.

Auf diese hofft auch der Kreml-Kritiker Alexej Nawalny. Er wurde wegen einer umstrittenen Bewährungsstrafe aufgrund von Unterschlagung nicht zugelassen. Der Oppositionspolitiker bestreitet die ins Jahr 2009 zurückreichenden Vorwürfe und spricht von einem politisch motivierten Urteil. Seither ruft Nawalny regelmäßig zu einem Boykott der Wahl auf. Am Donnerstag äußerte er die Befürchtung, die Wahl unter Arrest verbringen zu müssen.

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