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Heroen der Wiener Moderne

Vor 100 Jahren sind mit Gustav Klimt, Egon Schiele und Kolo Moser die bedeutendsten Maler der Jahrhundertwende gestorben. Sie prägten die einmalige Kunstrichtung der Wiener Secession, die Touristen heute anlockt. Zahlreiche Ausstellungen würdigen 2018 die Heroen des Jugendstils. Vor allem der Allroundkünstler Kolo Moser ist in der öffentlichen Wahrnehmung wenig verankert.

Niemand hätte sich in der Nachkriegszeit für Egon Schiele interessiert, und für sein Faible für den Maler wäre er sogar verlacht worden, betonte Rudolf Leopold (1925 - 2010) im Lauf seiner Sammlerkarriere immer wieder. In der Tat galten die heute berühmtesten heimischen Maler in den 1950er Jahren nicht viel. Der Secessionismus wurde als ein exklusiv-abgehobener Stil betrachtet, eine Spielwiese für jüdische Künstler, Intellektuelle und das Großbürgertum.

Wien um 1900 in Amerika

Die erste Überblicksschau zum Wiener Fin de Siecle wurde vom Historischen Museum der Stadt Wien 1964 in drei Häusern organisiert: dem heutigen Wien Museum, der Secession und dem Künstlerhaus. Zu dieser Zeit wurde man langsam stolz, einst so avantgardistisch gewesen zu sein. „Wien um 1900“ hieß die damalige Schau und so titelt auch die Präsentation, mit der das Leopold Museum jetzt den Erinnerungsreigen um das Dreigestirn Klimt, Schiele und Moser startet.

GUSTAV KLIMT, "Tod und Leben", 1910/11, umgearbeitet 1915/16

Leopold Museum, Wien

Gustav Klimt: „Tod und Leben“, 1910/11, umgearbeitet 1915/16

Zentrale Impulse zu einer Neubewertung der Wiener Moderne kamen aus Übersee. Die Bücher „Wittgenstein’s Vienna“ von Allan Janik und Stephen Toulmin von 1973 sowie „Fin-de-siecle Vienna“ von Carl E. Schorske aus dem Jahr 1979 sind Evergreens. Die Autoren verknüpften die Blüte in den Künsten mit den Errungenschaften von Psychologie und Philosophie. Mitte der 1980er Jahre wurden Ausstellungen wie „Traum und Wirklichkeit“ im Künstlerhaus und „Vienna 1900“ im New Yorker Museum of Modern Art zu Blockbustern.

Besuchermagnet Jugendstil

„Zuerst muss eine Epoche geschaffen werden, dann kommt die Wertsteigerung“, sagte Kurator Ivan Ristic aus dem Leopold Museum in Hinblick auf Kunstmarkt und City Marketing. Wien Tourismus hat etwa für 2018 die textlastige Website „Schönheit und Abgrund“ lanciert. Ristic brachte schon in unzähligen Führungen Touristen die formalen Besonderheiten von Schieles Aktbildern und Klimts Landschaften näher. Im Erdgeschoß ist jetzt die Präsentation „Wien um 1900“ zu sehen, die Klimt und Moser sowie Oskar Kokoschka und Richard Gerstl in je einem Raum würdigt.

Nicht nur von Schiele, auch von dem jung durch Suizid verstorbenen Gerstl (1883 – 1908) verfügt das Leopold Museum über den weltweit größten Bestand. 2017 wurde der Frühexpressionist in der Frankfurter Schirn Kunsthalle und in der Neuen Galerie in New York bejubelt. Warum nicht auch im MuseumsQuartier? „Es ist etwas in Planung“, so Ristic. 2018 steht noch ganz im Zeichen der bekannten Museumshelden. Am 3. März startet die große Schiele-Schau.

Koloman Moser: Prunkkassette, 1906 Wiener Werkstätte

© MAK/Georg Mayer

Koloman Moser: Prunkkassette, Wiener Werkstätte, 1906

Hommage unter Decknamen

Die Jubiläumsschau erhält auch zeitgenössische Begleitung: „Schiele - Brus - Palme“ titelt die Präsentation. Günter Brus, der heuer seinen 80. Geburtstag feiert, schwärmte schon in den 1960er Jahren für Schieles kantige Körperwelten; auch Thomas Palme wird an der Schau teilnehmen. Im Juni zeigt das Leopold Museum Schieles großes Vorbild: Klimt war bei seinem Schlaganfall erst 56 Jahre alt. Schiele zeichnete den abgezehrten Kopf seines Freundes am Totenbett; im Herbst erlag er - nur halb so alt - der Spanischen Grippe.

Ausstellungshinweise

Leopold Museum:
„Wien um 1900. Klimt, Moser, Gerstl, Kokoschka“, 18.1. bis 10.6.
„Egon Schiele. Die Jubiläumsschau“, 23.3.bis 4.11.
„Schiele - Brus - Palme“, 3.3. bis 11.6.
„Gustav Klimt“, 22.6. bis 4.11.

Belvedere:
„Klimt ist nicht das Ende“, 23.3. bis 26.8.
„Egon Schiele“, 19.10. 17.2.2019

MAK:
„Kolo Moser“, 19.12. bis 22.4.2019

Lentos:
„1918 Klimt. Moser. Schiele“, 16.2. bis 21.5.

Klimts Gemälde „Der Kuss“ ist die Mona Lisa des Belvedere. Das Museum beschränkt sich jedoch nicht auf eine monografische Jubelschau, sondern wirft ab 23. März mit „Klimt ist nicht das Ende. Aufbruch in Mitteleuropa“ ein breites Licht auf die Strömungen nach dem Zusammenbruch der Monarchie. Werke von 80 Künstlerinnen und Künstlern rücken auch die lange unterschätzte Zwischenkriegszeit in den Fokus. Der Wunsch nach Internationalisierung war für Klimts „Enkel“ im Schrumpfgebilde Österreich zentral.

Umstrittene Kunstwerke

Vor 20 Jahren wurden in New York die Gemälde „Bildnis Wally“ und „Tote Stadt III“ beschlagnahmt. Der 12-jährige Rechtsstreit um die Bilder aus der Sammlung Leopold führte zu einer Wende in Österreichs Restitutionspolitik. Im Belvedere rollt ab 19. Oktober die Schau „Egon Schiele. Wege einer Sammlung“ die umfassende Historie jedes der präsentierten Bilder aus. Vorbesitzer, Erwerb, Motiv bzw. Porträtierter sind ebenso Thema wie Vorstudien sowie verwandte Werke. Das Highlight: Schieles „Wally“ als Leihgabe.

Egon Schiele: "Die Umarmung", 1917

Belvedere Wien

Egon Schiele: „Die Umarmung“, 1917

Während das Leopold Museum Moser als Maler würdigt, kommt im MAK auch der Designer zum Zug. Als maßgeblicher Proponent der Wiener Werkstätte entwarf er Gegenstände von der Brosche bis zum Schrank. „Gesammelte Schönheiten. 1918 - Klimt. Moser. Schiele“ titelt eine Ausstellung im Linzer Lentos Museum ab 16. Februar, für die 75 Gemälde und Grafiken des Triumvirats Klimt-Schiele-Moser aus mehreren Kollektionen zusammenkommen.

Wien 1900 im Ausland

„Ich mag keine Jubiläen“, begründete unterdessen Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder, warum er sein Schiele-Kapital bereits 2017 mit einer Schau verpulvert hat. Dafür können sich heuer das Moskauer Puschkin Museum, das Museum of Fine Arts in Boston und die Londoner Royal Academy über die tollen Grafiken aus Wien freuen und sich wiederum mit Leihgaben revanchieren.

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