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Berlin und die Folgen einer Debatte

Die möglichen Fahrverbote für Dieselfahrzeuge in Deutschland werden wohl Auswirkungen für ganz Europa haben. Nicht so sehr, weil einzelne Länder es den Deutschen nachtun werden. Aber die größte Autonation Europas entscheidet mit dem Umgang mit reinen Verbrennungsmotoren im städtischen Verkehr mit darüber, wie rasch Hersteller auf die Euro-6d-TEMP-Norm reagieren können oder es schaffen, für bestimmte Modelle Nachrüstungsoptionen anzubieten.

Und manche Hersteller haben ohnedies entschieden, die Dieselfrage samt den damit einhergehenden Problematiken beim Verbrennungsmotor mit Nein zu beantworten. Fiat will sich aus der Dieselproduktion verabschieden, Toyota, wo man als Erstes auf massentaugliche Hybridfahrzeuge gesetzt hat, will Dieselwagen noch im Verlauf des Jahres komplett aus dem Verkauf nehmen. Eine Frage, die mit strategischer Marktpositionierung zu tun habe, erläuterte auch jüngst der Wiener Motorenexperte Bernhard Geringer von der TU Wien gegenüber ORF.at (siehe Bericht „Die Dieselfrage und die Fakten“).

Die Feinstaubbelastung konnten die Hersteller über die Jahre in den Griff bekommen. Beim Thema Stickoxid wird dem Diesel, auch bei der Euro-6-Norm, im Regelbetrieb ein schlechtes Zeugnis ausgestellt, wie etwa deutsche ADAC-Tests belegen.

Ladenhüter Dieselauto?

Das Dieselauto ist kein Verkaufsschlager mehr. Jetzt macht der Branche auch in Wien das mögliche Fahrverbot in deutschen Städten zu schaffen.

Ein mögliches Nachrüstungsszenario

Laut „Spiegel“ arbeitet die deutsche Regierung an einer Förderrichtlinie, die die Nachrüstung von Dieselfahrzeugen - was wohl nur die Euro-6-Klasse im Allgemeinen sinnhaft betreffen kann - schmackhaft machen soll. Die Idee: Der geltende NOx-Grenzwert von 80mg/km soll ergänzt werden um einen Zonengrenzwert im Realbetrieb, der zwischen 200 und 300 mg liegen soll.

Wer im Realbetrieb sein Auto in diesem Emissionskorridor bewegen kann, der soll auch weiterhin mit einem Diesel in Städte einfahren können. Stuttgart und zuletzt auch Düsseldorf erwägen ja Fahrbeschränkung wegen der steigenden NOx-Belastung, und nicht wegen der Feinstaubwerte.

Pragmatische Überlegungen

Der Hintergrund der Überlegung der deutschen Regierung könnte auch ein rein pragmatischer sein: Sollten Besitzer von Fahrzeugen der Euro-5-Klasse (Diesel, die schon mit Partikelfiltern ausgestattet sind) vom Fahrbetrieb in bestimmten Städten ausgeschlossen sein, dann könnten Besitzer von Euro 5 gegen die Euro-6-Fahrzeug-Verwendung klagen, so der „Spiegel“ mit Verweis auf den ADAC-Juristen Markus Schäpe, weil die jüngeren Euro-6-Fahrzeuge bei den NOx-Emission gleich schlecht abschnitten wie Dieselfahrzeuge bei Euro 6 vor der Euro-6d-TEMP-Norm.

Grafik zeigt die Pkw-Bestandsstatistik in Österreich

Grafik: ORF.at; Quelle: ÖAMTC/Statistik Austria

Die meisten Zulassungen bei Euro 4 und Euro 5

Blickt man auf die Zulassungsstatistik in Deutschland - und zum Vergleich auch nach Österreich -, dann sieht man, dass das Gros der Fahrzeuge, die zugelassen sind, in die Euro-5-Norm fallen. In Deutschland sind es 5,9 Mio. Dieselfahrzeuge in der Schadstoffklasse Euro 5. In Österreich fallen bei einem Dieselgesamtbestand von 2,8 Mio. Fahrzeugen 887.000 in die Klasse Euro 5. 751.000 Dieselfahrzeuge sind in der Klasse Euro 4 zugelassen. Vergleichsweise gering dazu die Zahl der nachrüstbaren Diesel in der Euro-6-Klasse. In Deutschland sind es 2,7 Mio., hierzulande 327.000. Unter Euro 6 ist eine Nachrüstung des Diesel mit Kosten ab 3.000 Euro aufwärts ein deutlich zu kostspieliges Verfahren (siehe Bericht „Die Dieselfrage und die Fakten“).

Wer hat ein „sauberes“ Auto?

„Auf der sicheren Seite und vergleichsweise sauber unterwegs sind Autofahrerinnen und Autofahrer nur mit Elektro-, Brennstoffzellen-, Hybrid- oder Gasautos oder Benzinern (bei Direkteinspritzern mit Partikelfilter)", schreibt das deutsche Umweltbundesamt in seinem Dieselfaktencheck: „Bei Diesel-Pkw sind nur modernste Euro-6d-TEMP- oder Euro-6d-Fahrzeuge im praktischen Fahrbetrieb nach RDE (Real Driving Emissions) relativ sauber.“ Und einmal mehr gelte: Kleine Autos seien schadstoffärmer und umweltfreundlicher als große.

Worauf können Konsumenten schauen?

Für Konsumenten, die im Moment einen Neuwagen anschaffen oder umsteigen wollen, empfiehlt sich sowohl für den Ottomotor als auch für den Diesel ein genauer Blick auf die Abgasnorm. Die Euro-6d-TEMP-Norm erfüllen noch nicht alle derzeit auf dem Markt befindlichen Neufahrzeuge. Und nur mit dieser Norm gibt es für reine Verbrennungsmotoren beim Ottomotor die Garantie der Mikropartikelreinigung und beim Diesel die Garantie, dass man neben der Partikelreinigung auch die NOx-Werte durch ein System miteinander kommunizierender SCR-Kat-Systeme im Griff hat.

Der ADAC hat aktuell die verfügbaren Fahrzeuge in der Euro-6d-TEMP-Norm bei Verbrennungsmotoren gelistet: Knapp unter 80 Modelle erfüllen im Moment diese Norm.

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