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„Angemessene, ernste Konsequenzen“

Nach Einschätzung der US-Regierung ist Russland „wahrscheinlich verantwortlich“ für den Giftanschlag auf den ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter Julia in Großbritannien. Den Verantwortlichen, „sowohl denen, die das Verbrechen begangen haben, als auch denen, die es in Auftrag gegeben haben“, müssten „angemessene, ernsthafte Konsequenzen“ drohen, so US-Außenminister Rex Tillerson am Dienstag.

Die US-Regierung habe „volles Vertrauen“ in die britischen Ermittlungen und die Einschätzung, dass Russland wahrscheinlich verantwortlich für die Nervengiftattacke sei, sagte Tillerson. Man gehe von versuchter Ermordung aus. Die beiden Verbündeten würden ihre Reaktionen weiterhin „eng abstimmen“.

Miltiärpersonal in Schutzanzuügen

AFP/Adrian Dennis

Immer noch dauern die Ermittlungen am Tatort in Salisbury an

EU sichert Großbritannien Solidarität zu

Auch die Europäische Union sagte Großbritannien ihre Unterstützung zu. „Wir sind sehr besorgt wegen der Situation, auch wegen der Erkenntnisse, die Großbritannien bisher hat“, sagte EU-Kommissionsvizepräsident Valdis Dombrovskis am Dienstag in Brüssel. „Natürlich kann Großbritannien diesbezüglich auf die Solidarität der EU zählen.“

Der französische Präsident Emmanuel Macron versicherte May in einem Telefonat seiner „Solidarität“, wie die britische Regierung mitteilte. Die beiden hätten „die vielen Muster aggressiven russischen Verhaltens“ diskutiert und die Notwendigkeit eines konzertierten Vorgehens der Verbündeten.

NATO äußert „große Besorgnis“

Die NATO zeigte sich unterdessen „sehr besorgt“ über den Einsatz von Nervengift von militärischer Qualität. Großbritannien sei ein hoch geschätzter Verbündeter, und „dieser Zwischenfall“ sei für die NATO Anlass für „große Besorgnis“, sagte NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Dienstag. Der Einsatz eines jeden Nervenkampfstoffs sei „abscheulich“ und „völlig inakzeptabel“. Die NATO stehe in der Angelegenheit mit den britischen Behörden in Kontakt.

May von Russlands Schuld überzeugt

Die britische Premierministerin Theresa May hatte zuvor am Montag in einer Rede vor dem Parlament in London mitgeteilt, der Anschlag sei mit einer Sorte Nervengift ausgeführt worden, die in Russland entwickelt worden sei. Das verwendete Gift aus der Gruppe der Nowitschok-Substanzen sei „von militärischer Qualität“. Offizielle Stellen in Russland hätten den Anschlag entweder direkt in Auftrag gegeben oder ihn zumindest ermöglicht. Moskau müsse sich bis Dienstagabend gegenüber der Organisation für das Verbot chemischer Waffen äußern, sagte May.

Die Erkenntnisse ließen nur zwei Schlüsse zu, so die Premierministerin: Entweder der Anschlag sei ein direkter Angriff des russischen Staats auf Großbritannien gewesen, oder die russische Regierung habe die Kontrolle über das Nervengift verloren, das damit in die Hände Dritter geraten sei. Bis Dienstagabend erwarte sie sich aus Moskau eine Antwort, welche der beiden Varianten zutreffend sei.

Moskau sieht „antirussische Propaganda“

Moskau hat jegliche Beteiligung an dem Attentat abgestritten und London antirussische Propaganda vorgeworfen. Die russische Botschaft in Großbritannien hatte noch kurz vor Mays Rede die Regierung in London vor einem „gefährlichen Spiel“ mit der Öffentlichkeit gewarnt. Kreml-Sprecher Dimitri Peskow hatte gesagt, der Fall Skripal sei „nicht unser Problem“. Skripal habe für einen der britischen Geheimdienste gearbeitet, und der Fall habe sich in Großbritannien zugetragen.

Sergej Skripal

APA/AP/Misha Japaridze

Sergej Skripal befindet sich weiter in kritischem Zustand (Archivbild)

Das russische Außenministerium sprach von einer „Zirkusnummer“ im britischen Parlament. „Der Schluss ist klar - es ist eine reguläre informationspolitische Kampagne, basierend auf Provokationen“, so Außenamtssprecherin Maria Sacharowa. Sie sprach von „Märchen“, die in London verbreitet würden. Der russische Präsident Wladimir Putin wies Fragen des britischen Rundfunksenders BBC zu dem Fall zurück: Die Briten sollten der Sache „erst auf den Grund gehen, und dann werden wir darüber diskutieren“.

Vorwürfe sind „absolutes Hirngespinst“

Ein „absolutes Hirngespinst“ nannte Leonid Sluzki, Vorsitzender des Duma-Komitees für internationale Angelegenheiten, die Vorwürfe aus Großbritannien. „Die Position Londons bei der Ermittlung nach der Vergiftung Skripals spiegelt die jüngsten westlichen Trends: keine Beweise, aber an allem ist Russland schuldig.“ Als Grund für das Verhalten Londons wollte Sluzki nach russischen Medienberichten eine mögliche Beeinflussung der Präsidentenwahl nicht ausschließen.

May beschuldigt Russland

Der Vergiftungsfall könnte zu einer internationalen Krise werden. Für die britische Premierministerin May ist es höchst wahrscheinlich, dass Russland dafür verantwortlich ist.

Für den früheren Geheimdienstchef Nikolai Kowaljow gehören derartige Anschläge im Auftrag einer Regierung zur Vergangenheit. Den letzten derartigen Auftragsmord habe es 1940 gegeben, als der bei Stalin in Ungnade gefallene Leo Trotzki im mexikanischen Exil mit einem Eispickel getötet wurde. „Seitdem hat es nichts Ähnliches gegeben“, sagte der frühere Leiter des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB.

Sanktionen möglich

Damit dürfte sich das Verhältnis zwischen London und Moskau weiter verschlechtern. Wenige Stunden zuvor hatte May eine Krisensitzung des Nationalen Sicherheitsrats geleitet. Daran nahmen Vertreter aus Politik, der Geheimdienste und Streitkräfte teil.

Beobachter hielten es für möglich, dass Großbritannien nach Ablauf des Ultimatums Strafmaßnahmen gegen Russland verhängt. Nach Informationen der „Times“ bereitet die britische Regierung Sanktionen gegen Russland vor. Sie habe unter anderem die Ausweisung von Diplomaten und die Annullierung von Visa von Russen mit Verbindungen zum Kreml geprüft.

Vater und Tochter weiter in Lebensgefahr

Der 66-jährige Russe Skripal und seine 33-jährige Tochter Julia waren am 4. März in Salisbury südwestlich von London bewusstlos auf einer Bank aufgefunden worden. Den britischen Strafverfolgungsbehörden zufolge wurden sie Opfer eines Mordversuchs mit einem Nervengift. Ihr Zustand wird als weiterhin lebensbedrohlich, aber stabil bezeichnet.

Skripal, ein Oberst des russischen Militärgeheimdiensts, war 2006 in Russland wegen des Vorwurfs der Spionage für Großbritannien zu 13 Jahren Haft verurteilt worden. Er soll russische Agenten an den britischen Geheimdienst MI6 verraten haben. Im Zuge eines Gefangenenaustauschs zwischen Russland und den USA kam er 2010 nach Großbritannien.

Nervengift in Restaurant

Insgesamt mussten 21 Menschen im Krankenhaus behandelt werden, darunter auch ein Polizist. Er ist bei Bewusstsein und ansprechbar. Hunderte Beamte der britischen Anti-Terror-Einheit ermitteln mit Unterstützung der Streitkräfte im Fall Skripal. Am Wochenende entdeckten sie in einer Pizzeria und in einem Pub in Salisbury Überreste des verwendeten Nervengifts. Besuchern beider Lokale wurde geraten, vorsichtshalber ihre persönlichen Gegenstände zu waschen.

Die späte Warnung der Behörden würde öffentlich heftig kritisiert. Auch der ehemalige Leiter des Regiments für chemische, biologische, radiologische, nukleare Kampfstoffe sprach von Versäumnissen. Seine Abteilung bei der britischen Armee wurden vor einigen Jahren aus Kostengründen geschlossen.

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