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Intrigen in der Kreml-Elite

Der Diktator ist tot, doch der Wahnsinn lebt weiter: In „The Death of Stalin“ beleuchtet der schottische Regisseur Armando Iannucci („Veep“) den Machtkampf in der Kreml-Elite nach dem Tod Josef Stalins im März 1953. Herausgekommen ist eine Filmsatire, die die Absurdität des Sowjetterrors greifbar macht - und in der Steve Buscemi als fluchender Nikita Chruschtschow brilliert.

Bereits in den ersten Szenen des Films macht er die Absurdität des latenten Terrors deutlich: Während der Radioübertragung eines Mozart-Klavierkonzerts erhält der diensthabende Redakteur des Radios einen Anruf. Er soll sich in exakt 17 Minuten telefonisch bei niemand Geringerem als Stalin persönlich melden.

Stehende Ovationen für den Diktator

Der Diktator wünscht sich einen Mitschnitt der Aufführung. Doch es existiert keiner. In Todesangst ordnet der Redakteur an, das Konzert wiederholen zu lassen. Pianistin Marija Judina (Olga Kurylenko) weigert sich, nochmals auf die Bühne zu gehen. Stalins Schergen haben ihren Vater und ihren Bruder ermordet. Erst ein üppiges Bestechungsgeld lässt sie ihre Meinung ändern.

Szene aus "Death Stalin"

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Die Mitglieder des Zentralkomitees vor dem leblosen Stalin

Als der Dirigent die Nerven verliert, wird für ihn mitten in der Nacht ein Ersatzmann organisiert. Und um für Atmosphäre im Saal zu sorgen, werden kurzerhand Frauen und Männer von der Straße als Publikum engagiert. Das Konzert beginnt mit stehenden Ovationen, die dem Staatschef und nicht dem Ensemble gelten.

Wettlauf um die Nachfolge

Am selben Abend feiert Stalin in seiner Datscha mit den anderen Mitgliedern des Zentralkomitees (ZK) der Kommunistischen Partei ein rauschendes Fest. Die versammelte Kreml-Elite - allesamt Herren in mittlerem und höherem Alter - trinken und scherzen. ZK-Sekretär Chruschtschow gibt den Dampfplauderer und unterhält die Runde mit mehr oder weniger gelungenen Witzen.

Szene aus "Death Stalin"

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Der berüchtigte Geheimdienstchef Lawrenti Beria und Stalins Stellvertreter Georgi Malenkow

Zu Hause angekommen diktiert er seiner Frau, was er gesagt hat. Eine Sicherheitsmaßnahme, schließlich reicht schon ein falsches Wort, um auf einer von Stalins berüchtigten Listen zu landen - was Lagerhaft oder die sofortige Exekution bedeuten kann. Am selben Abend erleidet der Diktator einen Hirnschlag. Stalin ist noch nicht einmal tot, als der Wettkampf um seine Nachfolge losgeht.

Tödliche Logik

„Absurd“ ist das Adjektiv, das den weiteren Verlauf der Ereignisse am treffendsten beschreibt. In rasantem Erzähltempo beschreibt Iannucci, wie die Kreml-Elite um die Wette um jenen Mann trauert, vor dem sie selbst in Todesangst gelebt hat. Auch das Buhlen um die Gunst von Stalins Kindern Swetlana (Andrea Riseborough) und Wassili (Rupert Friend) sorgt für groteske Szenen.

Szene aus "Death Stalin"

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Auch der Generalstabschef der Roten Armee, Georgi Schukow (Jason Isaacs) mischt in der Kreml-Intrige mit

„Ich wollte eine Tragikomödie machen, die durchgängig sowohl komisch als auch tragisch ist, oft in ein- und derselben Szene - denn genauso war es in der Wirklichkeit“, sagte der Regisseur. Für die „New York Times“ hat der Film mehr mit den Marx-Brothers als mit Karl Marx zu tun, lege aber dennoch die tödliche Logik totalitärer Systeme offen.

Szene aus "Death Stalin"

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Gegenspieler: Beria (links) und Chruschtschow. Im Hintergrund ist Pianistin Marija Judina zu sehen

Iannuci wurde in Großbritannien mit der Mockumentary-Serie „I’m Alan Partridge“ bekannt, in dem es um den gleichnamigen, fiktiven Moderator geht. Einen Ruf hat er zudem als Meister der Politsatire; er erfand die britische Serie „The Thick of It“ und die mehrfach prämierte US-Serie „Veep“, in der Julia Louis-Dreyfus die (fiktive) Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten spielt.

Ein Wagnis

Iannuccis Film basiert auf der Graphic Novel „La Mort de Staline“ von Fabien Nury und Thierry Robin. Von vielen der vorkommenden Figuren hat man im Geschichtsunterricht gehört: Neben Stalin (Adrian McLoughlin) und Chruschtschow sind es unter anderem Geheimdienstchef Lawrenti Beria (Simon Russell Beale), der Architekt von Stalins Terrorregime, Stalins Stellvertreter Georgi Malenkow (Jeffrey Tambor) und der ehemalige sowjetische Regierungschef und Außenminister Wjatscheslaw Molotow (Michael Palin).

Stalins letzte Stunden

Mit viel Witz nimmt Regisseur Ianucci in „The Death of Stalin“ die politischen Intrigen in der Sowjetunion der 1950er Jahre aufs Korn.

Statt mit falschem russischem Akzent werden in der Originalfassung verschiedene britische und amerikanische Dialekte gesprochen, was gemeinsam mit der klaustrophobischen Atmosphäre der sowjetischen 1950er Jahre reichlich bizarr daherkommt. Und doch funktioniert Iannuccis Versuch, die Absurdität des sowjetischen Terrors als Satire mit extratrockenem britischem Humor zu erzählen - was vor allem an der flotten Umsetzung und der Leistung des Ensembles liegt.

In Russland hätte der Film bereits im Jänner anlaufen sollen. Nach Protesten von Abgeordneten wurde er kurz vor der Premiere verboten. Die Betreiber eines Moskauer Kinos, die „The Death of Stalin“ trotzdem zeigten, wurden von einem Gericht zu einer Geldstrafe verurteilt.

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