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Mangelware Sonnenstunden

Der vergangene Winter ist hartes Brot für Sonnenhungrige gewesen: In großen Teilen Österreichs schien die Sonne um bis zu 30 Prozent kürzer als in einem durchschnittlichen Winter. Es war laut der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) der trübste Winter seit neun Jahren. Der Mangel an Sonnenstunden hat Folgen für den Organismus.

Ende März wurde die Uhr von 2.00 auf 3.00 Uhr gestellt. Und laut einer Akonsult-Befragung ist die Mehrheit für die Beibehaltung dieses Systems: 61 Prozent der Österreicher sind für die Zeitumstellung, so das Meinungsforschungsinstitut. Der Hauptgrund dafür sei die längere Dauer der Helligkeit.

Mit Sonnenlicht und Wärme kehren eigentlich die Frühlingsgefühle wieder. Der plötzliche Umstieg hat aber zunächst seine Tücken: Schläfrigkeit, Antriebslosigkeit und Kreislaufschwächen - die Frühjahrsmüdigkeit, die generell mit dem Wechsel der Jahreszeit einhergeht. Laut Umfragen leidet rund jeder Vierte Österreicher darunter. Der Organismus muss sich erst umstellen, sagt der Umweltmediziner Hans-Peter Hutter von der MedUni Wien gegenüber ORF.at. „Das dauert unterschiedlich lang. Manche brauchen nur ein oder zwei Tage, manche eine bis zwei Wochen“, so Hutter. Die Frühlingsgefühle kämen erst danach.

Hormone im Umbruch

Mitschuld an Beschwerden sind körpereigene Hormone wie Serotonin und Melatonin. Das Gute-Laune-Hormon Serotonin wird unter Lichteinfluss produziert. Je mehr und je länger der Körper natürlichem Licht ausgesetzt ist, desto mehr Serotonin kann er herstellen. Mit der Steigerung von Serotonin wird gleichzeitig die Produktion von Melatonin gedrosselt. Dieses gilt als „Schlafhormon“ und wird in der Dunkelheit ausgeschieden. Beide Hormone sind abhängig vom Licht: Dieses wird über das Auge zum Hypothalamus - dem wichtigsten Steuerzentrum des vegetativen Nervensystems - geleitet. Von dort aus werden Stimmung und Müdigkeit beeinflusst.

Grafik zur Frühlingsmüdigkeit

Grafik: APA/ORF.at; Quelle:APA

Nach den dunklen Wintermonaten ist die Konzentration von Melatonin im Blut hoch, der Serotonin-Speicher hingegen relativ leer. Der Wechsel läuft im Frühling nicht geregelt ab, dadurch gerät das System durcheinander, und das fordert seinen Tribut. „In der Übergangszeit gibt es dann ein Nachwirken der Symptome wie Müdigkeit oder Abgeschlagenheit“, so Hutter. „Außerdem ist unsere Schlafdauer im Sommer kürzer – eine halbe bis Dreiviertelstunde“. Das trage zusätzlich zum Müdigkeitsempfinden bei.

Einfluss des Blutdrucks

„Die Hormone sind unsere Steuerungsorgane, wenn sie nicht funktionieren, steht alles Kopf“, sagt die Ärztin und Psychotherapeutin Caroline Kunz. Neben den hormonellen Schwankungen sieht sie auch noch weitere Gründe für die Müdigkeit im Frühjahr: „Wenn die Temperaturen steigen, weiten sich die Blutgefäße und der Blutdruck sinkt. Bei Temperatursprüngen gehen die Gefäße auf, der Blutdruck sinkt und wieder umgekehrt. Auch das ist anstrengend für den Körper.“

Dazu komme auch noch die Zeitumstellung, die diese Prozesse noch begünstige: „Das bedeutet noch eine Stunde weniger Schlaf. Bei empfindlichen Menschen kann das zu höherer Tagesmüdigkeit führen. Wir wissen auch, dass es in diesen Tagen auch zu mehr Arbeits- und Verkehrsunfällen kommt“, so Kunz.

Auch Siegfried Kasper, der Leiter der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Universität Wien, kennt das Problem: „Ich habe jede Menge Patienten, die über Symptome der Frühjahrsmüdigkeit klagen. Das betrifft fast alle Menschen.“ Etwa vier bis fünf Prozent spüren die Auswirkungen so stark, dass sie im Alltag tatsächlich beeinträchtigt sind. „Wenn man vulnerabel ist, kann man hier nicht so schnell nachziehen. Die Biologie kommt nicht nach.“

Sonnenbrille unerwünscht

Um die Müdigkeit zu bekämpfen oder auch gar nicht erst aufkommen zu lassen, gibt es aber genügend Strategien: Schon im Winter das Sonnenvitamin D zuzuführen wird manchem Gähnen Einhalt gebieten. Sobald die Sonne da ist, empfehlen die Mediziner Bewegung im Freien, und zwar ohne Sonnenbrille. Gesunde Ernährung hilft, den Vitamin- und Mineralhaushalt in Ordnung zu bringen. Auch das kann helfen, Belastungen besser wegzustecken. Wichtig ist auch, den Kreislauf in Schwung zu bringen, etwa durch Kneippen, Fußbäder und Wechselduschen. Hutter warnt aber, auf den Ablauf der Symptome zu achten: „Wenn sie über Monate andauern, dann muss man es abklären lassen. Das wäre dann verdächtig.“

Mit der Zeitumstellung alleine haben ohnehin nicht so viele Menschen Probleme. Zwei Drittel stecken sie ohne Folgen weg. Der Rest überwindet Beeinträchtigungen nach einigen Tagen. Nur zwei Prozent schaffen es laut Akonsult erst nach Wochen.

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