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Was in der Nacht ans „Licht“ kommt

Sprache gehört zu jenen Fähigkeiten, die Menschen zu dem macht, was sie sind. Und manche von uns hören auch im Schlaf nicht auf, zu reden. Bei denen, die dabei zu unfreiwilligen Zuhörerinnen und Zuhörern werden, sorgt das für Verwunderung und Belustigung. Wohl auch, weil nächtliche Sprecherinnen und Sprecher sich sehr oft kein Blatt vor den Mund nehmen.

Dion McGregor schaffte, was sich viele wünschen: im Schlaf berühmt werden. Zwar brachte es der 1994 gestorbene Singer-Song-Writer nicht zum ganz großen Weltruhm - für Kultstatus unter Kennern reichte es aber. Das lag weniger daran, dass Barbra Streisand seinen Song „Where Is The Wonder“ interpretiert, sondern an einer Schallplatte, die in den 1960er Jahren in kleiner Auflage gepresst wurde.

Darauf zu hören: McGregors Schlafmonologe, aufgezeichnet von seinem Freund Michael Barr. Auf „The Dream World of Dion McGregor“ spricht er von einem „Senfkrieg“, zählt Diätvorschriften auf und führt absurde Dialoge mit einem ganzen Panoptikum an Charakteren.

Wenig erforschtes Phänomen

Somniloquie lautet der medizinische Fachbegriff für das Phänomen, das vor allem Eltern gut kennen. Jedes zweite Kind spricht regelmäßig im Schlaf. Mit der Pubertät scheint die nächtliche Gesprächigkeit aber bei vielen abzunehmen oder zu verschwinden. Nur noch rund fünf Prozent aller Erwachsenen geben an, häufig im Schlaf zu sprechen. Womöglich liegt die - Achtung Wortspiel - Dunkelziffer aber deutlich höher. Diejenigen, die im Schlaf Wörter und Laute von sich geben, bekommen ja selbst nichts davon mit. Es muss also schon jemand wach daneben liegen, um einen schlafenden Redner als solchen zu erkennen.

Angst vor unerkannter Somniloquie braucht freilich niemand haben. Denn medizinisch gesehen ist das Phänomen harmlos. Vielleicht liegt es auch daran, dass das Sprechen im Schlaf bisher weitgehend unerforscht blieb. Noch gibt es keine letztgültig anerkannte Erklärung, warum wir im Schlaf Laute, Wörter und manchmal sogar ganze Sätze von uns geben. Mediziner gehen aber davon aus, dass Stress und Alkohol den schlafenden Rededrang ebenso erhöhen können wie Depressionen und Fieber.

232 Menschen beim Schlafen zugehört

Einen kleinen Einblick in das nächtliche Sprechverhalten gaben vor Kurzem französische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Das Forschungsteam zeichnete den Schlaf von 232 Probandinnen und Probanden auf und analysierten deren nächtliches Sprechverhalten. Ende 2017 publizierten sie ihre Beobachtungen im wissenschaftlichen Fachmagazin „Sleep“.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sie tatsächlich Bettgeflüster und -gemurmel zu hören bekamen, war für die Forscherinnen und Forscher relativ hoch: Zu den Nächten im Schlaflabor hatten sie nicht beliebige Einladungen ausgesprochen. Vielmehr hatten die meisten der untersuchten Personen bereits mit Schlafstörungen zu tun gehabt.

Viel Nein im Schlaf

Mehr als 880 „Sprachepisoden“ hätten sie beobachtet, schreiben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in dem „Sleep“-Artikel. Die Mehrheit davon war allerdings schlicht unverständlich. Bei fast 60 Prozent handelte es sich um Gemurmel, Schreie, Geflüster und Lachen - von den Forscherinnen und Forschern als „nonverbale Äußerungen“ zusammengefasst. Zugleich konnten sie aber auch „3.349 verständliche Wörter“ zählen. Das häufigste davon: „Nein.“

Überhaupt scheint die Verneinung für unser schlafendes und zugleich sprechendes Hirn eine ziemlich große Rolle zu spielen. Bei mehr als 20 Prozent aller Sätze handelte es sich laut der Studie um Verneinungen. Noch öfter wurden allerdings Fragen gestellt. Mit über einem Viertel aller Formulierungen suchten die Schlafenden nach Antworten.

Es darf geflucht werden

Und dann ist da noch die Sache mit dem Fluchen. Die Psychoanalyse geht bereits seit mehr als hundert Jahren davon aus, dass im Schlaf das Unbewusste ans „Licht“ kommt. Laut Psychoanalytikern ist, wenn wir schlafen, unser „Über-Ich“, also die moralische Kontrollinstanz, ausgeschaltet. Dafür habe das „Es“ freies Spiel - die Ansammlung an Unbewusstem und Trieben, gewissermaßen das Kanalsystem unserer Persönlichkeit, so die Annahme.

Tatsächlich enthielten in der französischen Untersuchung fast zehn Prozent aller Äußerung Schimpfwörter und Beleidigungen. Die Probandinnen und Probanden fluchten und schimpften also beinahe in jedem zehnten Satz - Männer übrigens noch mehr als Frauen. Laut den Forscherinnen und Forschern machte es dabei einen Unterschied, in welcher Schlafphase sich die Personen befanden. In der REM-Phase dauerten die Beschimpfungen länger und waren zumeist an ein Gegenüber gerichtet. Abseits der REM-Phasen hatte hingegen das unbestimmte Fluchen die Oberhand.

Komplexe Dialoge

Die vielleicht interessanteste Beobachtung des Forschungsteams betraf aber gar nicht so sehr das „Was“ des Gesprochenen als vielmehr das „Wie“. Die Studie stellte fest, dass die Schlafsprechenden zumeist nicht nur grammatikalisch korrekte Sätze bildeten. Sie machten beim Sprechen auch Pausen - so als hörten sie einem fiktiven Gegenüber zu; ein Hinweis darauf, dass das Sprachzentrum im Hirn während des Schlafs hochaktiv ist und ganze Dialoge durchspielt.

Wenn wir im Schlaf sprechen, handle es sich zumeist um „ein vertrautes, angespanntes Gespräch mit unhörbaren anderen, das auf einen Konflikt hindeutet“, schreibt das Forschungsteam in den Schlussfolgerungen der Studie.

Dass das bisweilen wirklich lustig sein kann, beweist der Twitter-Account Sir Lord Dick Pat. Zwei Jahre lang postete eine junge Amerikanerin das, was ihr Freund im Schlaf von sich gab. „Aber der Gremlin hat mein Geld", ist dort zu lesen, oder: "... aber ich will Mary Poppins sein“. Mehr als 24.000 Menschen folgten dem Best-Of der Somniloquie. Die Beziehung ging mittlerweile in die Brüche. Das macht die nächtlichen Aufzeichnungen zwar auch ein bisschen traurig - aber nicht weniger unterhaltsam.

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