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„Unklar, was wie unterrichtet wird“

Ab Herbst sollen die umstrittenen Deutschförderklassen an Österreichs Schulen starten. Schülerinnen und Schüler, die „nicht ausreichend Deutsch sprechen, um dem Unterricht folgen zu können“, müssen dann 15 bis 20 Wochenstunden eigene Klassen besuchen. Im April präsentierte ÖVP-Bildungsminister Heinz Faßmann in einer Pressekonferenz Änderungen am ursprünglichen Entwurf.

So sollen doch nicht alle „außerordentlichen“ Schülerinnen und Schüler eine Deutschförderklasse besuchen, sondern nur jene, die neu ins österreichische Schulsystem einsteigen. Taferlklassler also und Kinder und Jugendliche, die gerade erst in Österreich angekommen sind. Bestehende Klassenverbände bleiben also bestehen.

„Deutliche Nachteile für Kinder und Jugendliche“

Diese Änderung werde an vielen Schulen und bei vielen Schülerinnen, Schülern und Lehrenden für Erleichterung sorgen, so Hannes Schweiger vom Arbeitsbereich Deutsch als Zweitsprache des Instituts für Germanistik der Uni Wien. Die geplanten Deutschförderklassen blieben dennoch „eine Hauruckaktion“. Es sei derzeit völlig unklar, was darin wie unterrichtet werden soll.

Die Frage, wie sprachliches und fachliches Lernen in sinnvoller Weise gestaltet werden soll, sei entscheidend dafür, dass Kinder und Jugendliche nicht zu sehr in Rückstand geraten, was die fachlichen Inhalte betrifft. Es bringe für Kinder und Jugendliche deutliche Nachteile für ihre Bildungslaufbahn, wenn sie ein Jahr verlieren. „Und de facto müssen sie die Schulstufe wiederholen, wenn sie zwei Semester in einer Deutschförderklasse sind“, so Schweiger.

„Nach wie vor segregatives Modell“

Auch Sabine Schmölzer-Eibinger, Leiterin des Fachbereichs Deutsch als Zweitsprache und Sprachdidaktik der Universität Graz, sieht in der Änderung nur bedingt eine Entschärfung: Bestehende Klassenverbände würden zwar nicht wie ursprünglich geplant zerstört, dennoch handle es sich nach wie vor um ein segregatives Modell, obwohl internationale Studien zeigen, dass integrative Maßnahmen für den Zweitspracherwerb bei Weitem erfolgversprechender sind.

Neu angekommene Schülerinnen und Schüler hätten durch die Deutschförderklassen nur eingeschränkte Möglichkeiten, sich in den Klassenverband einer Regelklasse zu integrieren und über soziale Kontakte mit deutschsprachigen Mitschülerinnen und Mitschülern auch sprachlich zu profitieren. Darüber hinaus gebe es derzeit keine wissenschaftlichen Belege für eine effiziente Deutschförderung im Rahmen von segregativen Maßnahmen wie den von der Regierung geplanten.

Bis zu 25 Kinder in Deutschklassen

Einer zweiten Änderung nach sollen Deutschklassen nun nicht mehr ab sechs „außerordentlichen“ Schülerinnen und Schülern pro Schulstandort – wie ursprünglich geplant – eingerichtet werden, sondern erst ab acht. Da der Unterricht in den Deutschklassen außerdem klassen-, schularten- und schulstufenübergreifend möglich sein soll, ergeben sich weniger Deutschklassen als zunächst geplant, nämlich rund 80 statt 230 – ein Eingeständnis der Regierung für „die praktische Nichtumsetzbarkeit“ des ersten Vorschlags, so Schmölzer-Eibinger.

Die Germanistin und Sprachwissenschaftlerin kritisiert zudem die für die Deutschklassen geltende reguläre Klassenschülerhöchstzahl. 25 Kinder ohne jegliche Deutschkenntnisse seien auch für zwei Pädagoginnen oder Pädagogen zu viel, vor allem, wenn es sich um Mehrstufenklassen handle.

„Soziale Interaktion fehlt“

Die von der Regierung geplanten Deutschklassen seien nicht nur für den ungesteuerten Deutscherwerb, sondern auch für das soziale Zusammenleben in der Schule nachteilig, kritisieren die Lehrenden und Forschenden des Fachbereichs Deutsch als Zweitsprache der Universität Graz in einer Stellungnahme. Das Kriterium „mangelnde Kenntnis der Unterrichtssprache“ bestimme und verursache Segregation innerhalb der Schulgemeinschaft.

Schulklasse

ORF.at/Zita Klimek

Die geplanten Deutschklassen sollen im kommenden Schuljahr starten

Die „tendenziell segregierende Wirkung“ der geplanten Deutschklassen kritisieren auch die Lehrenden und Forschenden des Arbeitsbereichs Deutsch als Zweitsprache des Instituts für Germanistik an der Uni Wien. „Sprache wird wesentlich durch soziale Interaktion erworben“, heißt es in einer Stellungnahme. Diese entstehe „vor allem dadurch, dass Schülerinnen und Schüler dazugehören, sich austauschen, miteinander spielen oder lernen wollen“.

Mit der geplanten Gesetzesänderung wird das „ausreichende Beherrschen der Unterrichtssprache“ zum Kriterium für die Schulreife. Das werde der Komplexität kindlicher Sprachentwicklung und der Lebenssituation mehrsprachig aufwachsender Kinder in keiner Weise gerecht, so die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Zudem würden bestehende Bildungsungerechtigkeiten dadurch verstärkt.

Mehr Unterstützung für Schulen

Kritisiert wird auch, dass „seriöse Grundlagen“ für die Umsetzung der geplanten Maßnahmen zur Sprachförderung – zumindest im Moment – nicht vorlägen, wie Curricula für die Deutschklassen und Verfahren zur Sprachstandsdiagnose, durch die entschieden wird, welche Schülerinnen und Schüler einer Deutschklasse zugeteilt werden. Der Start für die Deutschklassen im Herbst bringe für die Schulen „enorme organisatorische Schwierigkeiten“, da die Planung des kommenden Schuljahres auf der Basis der bisher gültigen Gesetze bereits erfolgt sei.

Bei der Umsetzung der Deutschklassen werde keine Rücksicht auf bereits bestehende Förderkonzepte an einzelnen Schulen genommen, ergänzen die Lehrenden und Forschenden der Uni Graz: „Seit Jahrzehnten aufgebaute, engagierte und an den individuellen Voraussetzungen und Bedarfen der Schülerinnen und Schüler orientierte Praxisarbeit wird mit einem Schlag zunichte gemacht“.

Statt separater Deutschklassen wird empfohlen, den Schulen umfassende Unterstützungsangebote zur Verfügung zur stellen, sowohl von Experten und Expertinnen aus dem Bereich der Forschung und der Didaktik als auch von Sozialarbeitern und Psychologinnen.

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