Themenüberblick

Vom Dichter zum Revolutionär

Wenn Karl Marx seinen 200. Geburtstag feiert, dann ist der Büchermarkt überschwemmt mit Veröffentlichungen, die einen vor knapp 30 Jahren aus der Mode gekommenen Denker neu erschließen wollen. Auffällig: Beinahe alle Cover präsentieren einen finsteren Mann, dessen Gesichtsausdruck aus den Monumenten des Realsozialismus abgeleitet scheint. Dass Marx einen mitunter verzweifelten Kampf der Etablierung führte, bevor er zum Vordenker der Kapitalismuskritik wurde, verwischt die Optik der Darstellung.

Wer Marx verstehen will, der kommt an einer Betrachtung von Biografie und historischen Entwicklungen des frühen 19. Jahrhunderts nicht vorbei. An der Lebens- und Etablierungsgeschichte des am 5. Mai 1818 in Trier geborenen Marx lassen sich nicht zuletzt das Ringen um die Neuordnung Europas nach dem Wiener Kongress und die Debatte um das Verhältnis von Religion und Grundrechten im modernen Staat ablesen.

Karl Marx, 200 Jahre nach seiner Geburt

Am 5. Mai 1818 wurde Karl Marx geboren. Anlässlich des 200. Jahrestags gibt es weltweit viele Gedenkveranstaltungen, allen voran in China und in der deutschen Stadt Trier, wo der Denker geboren wurde.

Wer heute sagt, dass die christlichen Religionen durch die Erfahrung der Aufklärung gegangen seien, der unterschlägt die Geschichte des frühen 19. Jahrhunderts und das heftige Tauziehen um die säkularen Grundlagen jedes modernen europäischen Staates. Marx, Sohn einer zum Protestantismus konvertierten jüdischen Familie, befand sich inmitten dieses Tauziehens und der entsprechenden Fehden.

Ursachen für ein verzerrtes Marx-Bild

Die Schwierigkeit, sich Marx quasi unbefangen zu nähern, liegt, wie zurzeit in vielen Publikationen betont wird, an der Mythologisierung, die Marx nicht erst seit der Russischen Revolution und in allen Staaten „realsozialistischer Prägung“ erfahren hat. „Die Mythologie, die Marx umgibt (...), begann schon in den 30 Jahren nach seinem Tod“, fasst Marx-Biograf Gareth Stedman Jones zusammen und verweist auf die „Erfindung“ des Terminus Marxismus durch Friedrich Engels, der diesen noch in den letzten Lebensjahren von Marx verwendete (erstmals mit dem Erscheinen der Schrift „Anti-Dühring“, 1878).

Zeichnung von Kar Marx, seiner Frau und Heinrich Heine in Paris

picturedesk.com/Ullstein Bild

Karl Marx mit Heinrich Heine und seiner Frau Jenny in Paris

Zudem wurde das Werk von Marx unter Zuhilfenahme zahlreicher Vereinfachungen systematisiert, erinnert die deutsche Linkspolitikerin Sarah Wagenknecht in einer beachtlichen Masterarbeit zu Marx und Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Immer wieder habe man Zitate aus dem Spätwerk, wo Marx keine dezidiert philosophischen Grundfragen gestellt habe, mit der Begrifflichkeit aus dem Frühwerk von Marx zu unterlegen gesucht.

Die Texte als Testament

Marx’ Texte habe man mitunter wie ein Versprechen gehandelt, so erinnert Stedman Jones an die Rezeption von Marx im späten 19. Jahrhundert, wobei dort, wo die Leistungen von Marx nicht den „mythischen Anforderungen“ entsprochen hätten, diese ausgeblendet oder versteckt worden sein. In Russland, wo Marx zu Ende des 19. Jahrhunderts wohl am höchsten in Konjunktur stand, stritt man sich am häufigsten über die Frage, ob die Marx’sche Analyse zum Industrieproletariat auch auf die Lage der russischen Bauern anzuwenden wäre.

„The World Isn’t Fair“

„When Karl Marx was a boy
He took a hard look around
He saw people were starving all over the place
While others were painting the town
The public spirited boy
Became a public spirited man
So he worked very hard and he read everything
Until he came up with a plan“

(Randy Newman, „The World Isn’t Fair“)

Immerhin hatte Marx zum Ende seines Lebens, als er selbst noch Russisch zu lernen begann, zugegeben, dass er vor der Heftigkeit der russischen Linken wohl eher als wankelmütiger Marxist gegolten hätte. Und Engels bekannte, dass verschiedene Gruppen der russischen Emigration Marx „auf die einander widersprechenste Weise interpretierten - als ob es sich um Textstellen aus dem Neuen Testament handeln würde“.

Der Versuch der Etablierung

Blickt man auf die Entwicklung des Marx’schen Denkens, so fällt vor allem der lange Positionierungsversuchs von Marx auf, der sich ja schon in der Geschichte seines Elternhauses vollzieht.

Marx wurde in eine Welt hineingeboren, in der sich die kurzen beruflichen Freiheiten für Juden im Gefolge der napoleonischen Besetzung des Rheinlandes und der zwischenzeitlichen Umsetzung des „Code Napoleon“ wieder einengten. Sein Vater Heinrich (eigentlich: Heschel) Marx konvertierte zum Protestantismus, um sich im preußisch gewordenen Rheinland seine Stellung als Advokat erhalten zu können.

„Die hohe Meinung hingegen, die wir von den Ideen haben, auf die unser Standpunkt gegründet ist, leiht uns einen höheren Standpunkt in der Gesellschaft, vergrößert unsere eigene Würde, macht unsere Handlungen unerschütterlich“, schrieb der 17-jährige Marx am Gymnasium in Trier in seinem Abituraufsatz „Betrachtung eines Jünglings bei der Wahl des Berufes“ und umriss ungewollt zwei Problemstellungen, die auftauchten. Einerseits die schwierige Etablierung des künftigen jungen Rechtswissenschaftlers zwischen dem Wunsch, einen Lehrstuhl zu ergattern oder zumindest Anwalt zu werden, und, grundsätzlicher, der Orientierungssuche des jungen Marx, der alles, was ihn umgab, begierig und mit dem Hang, alles überblicken zu wollen, aufsaugte, der aber im Schatten der frühen Liebe zu Jenny von Westphalen zunächst die Rolle des Dichters als Ziel anstrebte. Vor den systematisch historisch-philosophischen Texten steht bei Marx zunächst einmal ein Konvolut spätromantischer Gefühlsdichtung.

Karl Marx

Getty Images/Claudio Divizia

Als Marx zu Kapital wurde: Ein Hundert-Mark-Schein der DDR

Rechtfertigung vor dem Vater

Die erwartete Schwierigkeit, als Jurist Fuß fassen zu können, hielt Marx in zahlreichen Rechtfertigungsbriefen an seinen Vater Heinrich fest. Erhalten geblieben ist ein Schreiben aus dem Jahr 1837, das die Ansprüche des jungen Marx zur Gesamtdurchdringung von Systemen offenbart: „Am Schlusse des materiellen Privatrechts sah ich die Falschheit des Ganzen (...) und wiederum war es mir klar geworden, ohne Philosophie sei nicht durchzudringen. So durfte ich mit gutem Gewissen mich abermals in ihre Arme werfen und schrieb ein neues metaphysisches Grundsystem.“

Nach dem Studium im katholischen Bonn und dem Besuch von Vorlesungen bei August Wilhelm Schlegel zog es Marx nach Berlin, wo er mitten in die Verfassungsschlacht zwischen der historischen Rechtswissenschaft eines Friedrich von Savigny und den Vorlesungen und Thesen des an Hegels Denken linksseitig angedockten Eduard Gans hereingezogen wurde. Gestritten wurde nicht nur über die überzeitliche Gültigkeit der Ideen des römischen Rechts, die Savigny gerne mit den Gepflogenheiten des deutschen Mittelalters amalgarmierte.

Diskutiert wurde im Schatten des Firmaments Hegel (der ja bis zu seinem Tod 1831 in Berlin gelehrt hatte) das Verhältnis von Staat und Religion. Sah der späte Hegel das Christentum als die höchstentwickelte aller Religionen, weil es der Überzeugung folge, dass alle Menschen frei seien, und zugleich einen Sittlichkeitsrahmen für das Funktionieren einer Gesellschaft garantiere, so kam die Unterordnung der Religion unter das dem Menschen zugeschriebene Bewusstseinskonzept in den Jahren nach Hegels Tod deutlich unter Beschuss.

Der Mann aus der Rabbinerfamilie

Mit Plakaten „Wir sind Marx“ und mehreren Ausstellungen erinnert man zurzeit an den 200. Geburtstag von Karl Marx. Eigentlich entstammte der Revolutionär einer angesehenen Rabbinerfamilie.

Preußen und die Religionsfrage

Hatte Hegel eigentlich das protestantische Preußen als Überwinder der Schwächen der Französischen Revolution angesehen, so sollte eine Wende nach rechts in den Verfassungsdebatten nach Hegels Tod einerseits die überzeitliche Stellung der christlichen Religion über allen Gesetzeswerken verteidigen. Zugleich gab es für Preußen realpolitische Nöte durch die Expansion im katholischen Rheinland. Es musste den katholischen Würdenträgern erklären, dass nicht der Papst, sondern der König die oberste religiöse Autorität in einem Staat sei.

Im November 1841 trat mit Friedrich Schlegel jedenfalls der Verteidiger der christlichen Offenbarung in Berlin seine Professur an. Sein Ziel: die Überwindung des Hegelianismus. Und im Publikum saßen bei der Antrittsvorlesung der junge Anarchist Michael Bakunin, Engels und ein Däne, der auf den Namen Sören Kierkegaard hörte.

Die Berufschancen der „Heglinge“ schwinden

Für Marx, der in Berlin dem Kreis der Linkshegelianer um Bruno Bauer angehörte, tendierten die Chancen auf eine akademische Karriere nach seiner Dissertation über die „demokritische und epikureische Naturphilosophie“ gegen null. Zu sehr war er mittlerweile Teil der „Heglinge“, die sich für eine strikte Trennung von Staat und Religion einsetzten und die im Gefolge Ludwig Feuerbachs Religion als ein vom Menschen gemachtes Produkt deuteten. Als seinem Mentor Bauer 1842 die Lehrbefugnis entzogen wurde, blieb Marx als Ausweg der Journalismus.

Bei der frisch gegründeten „Rheinischen Zeitung“, die man als liberales, zugleich propreußisches Organ im katholischen Köln auf die Beine stellte, trat Marx mit einer Serie an Grundsatzartikeln hervor, die in ihrer republikanischen und atheistischen Grundausrichtung auch weit über die liberalen Verfassungspositionen zu den Fragen einer konstitutionellen Monarchie hinausgingen.

Cover der Rheinischen Zeitung

Public Domain

Der Versuch, im katholischen Rheinland eine propreußische, relativ liberale Zeitung zu etablieren, hielt sich gerade einmal ein gutes Jahr, bevor die Zensur die Schließung des Blattes befahl

„Der Staat ist aus der Vernunft begründet“

„Es gibt ein Dilemma, dem der gesunde Menschenverstand nicht widersprechen kann“, schrieb Marx im Juli 1842 in einem „leitenden Artikel“ und zielte damit direkt auf die christliche Doktrin des preußischen Staates: „Entweder entspricht der christliche Staate dem Begriff des Staates, eine Verwirklichung der vernünftigen Freiheit zu sein, dann genügt es, den Staat aus der Vernunft der menschlichen Verhältnisse zu entwickeln (...). Oder der Staat der vernünftigen Freiheit lässt sich nicht aus dem Christentum entwicklen, dann werdet ihr selbst gestehen, dass diese Entwicklung nicht in der Tendenz des Christentums liegt, dass es keinen schlechten Staat wolle, und ein Staat, der nicht die Verwirklichung der vernünftigen Freiheit ist, ist ein schlechter Staat.“

Man möge, so Marx als Bewunderer der griechischen polis, das Dilemma beantworten, wie man wolle, „gestehen“ müsse man, dass der Staat nicht aus der Religion, sondern aus der Vernunft zu begründen sei. Für Marx war die konstitutionelle Monarchie mit ihrem Gottesbezug, wie er 1842 an den Verleger Arnold Ruge schrieb, „ein Hybrid, der sich von Anfang bis zum Ende selbst widerspricht und sich selbst abschafft“.

#karlmarx #punschkrapferl #röda #steyr #bolschewistischekurkapelleschwarzrot

A post shared by Irene (@mizzi_meiz) on

Marx und die ökonomische Expansion Preußens

Wenn Marx nun als Journalist einerseits vom „wahren“ oder „rationalen“ Staat schrieb, so verfasste er einerseits eine Reihe von Grundsatzartikeln, die den heutigen Begriff eines Zeitungsartikels in der Länge in einem Vielfachen übersteigen. Aber Marx registrierte zugleich die Dynamik, die im aktuellen preußischen Staat unter der Oberfläche gärte: Staatsrechtlich versuchte man sich im Bewahren feudaler Strukturen, gleichzeitig ergab sich eine ökonomische Expansion neuen Ausmaßes, die wie in anderen Staaten vor 1848 einerseits die Beteiligung neuer politischer Kräfte aufs Tapet legte und zugleich auch die Frage nach den Bedingungen neuer wirtschaftlicher Rahmenbedingungen und Produktion stellte. Preußen verbreiterte seinen „Zollverein“ und produzierte in diesem Vorgang auch einige Verlierer, die von den Entwicklungen überrollt wurden.

Der Journalist Marx sah etwa in der prekärer werdenden Lage von Bauern an der Mosel, die er ja aus eigener Anschauung schon aus der Jugend kannte, konkrete Forschungsfelder, in denen er seine Artikel und Philosophie an den realen Gegebenheiten messen wollte. Anders als die historische Rechtsschule, die sich ja an die Effekte historischer Prozesse orientiert, sieht man im frühen Marx das starke Erbe der idealistischen Schule Hegels, die stets ideengeleitet argumentiert. Philosophie, so machte er programmatisch für seinen späteren Werdegang deutlich, muss sich an den zeithistorischen, realpolitischen Umständen messen lassen.

Große Poster von Marx, Engels und Lenin in Ulan Bator, Mongolei

Getty Images/Corbis/Richard Bailey

Parade in Ulan Bator vor den Porträts von Marx, Engels und Lenin

Eine „Philosophie der gegenwärtigen Welt“

„Weil jede wahre Philosophie“, schrieb er im Sommer 1842, „die geistige Quintessenz ihrer Zeit ist, muss die Zeit kommen, wo die Philosophie nicht nur innerlich durch ihren Gehalt, sondern auch äußerlich durch ihre Erscheinung mit der wirklichen Welt ihrer Zeit in Berührung und Wechselwirkung tritt. Die Philosophie hört dann auf, ein bestimmtes System gegen andere bestimme Systeme zu sein, sie wird die Philosophie überhaupt gegen die Welt, sie wird die Philosophie der gegenwärtigen Welt.“

Der, der hier im Alter von 24 Jahren schrieb und in jeder Argumentation einen beinahe literarischen Duktus und Rhythmus bediente, entspannte eine vor allem politische Philosophie, die sich ihrer Grundüberlegungen sicher gibt und die sich an Zeitfragen gnadenlos abarbeiten will. Ein wenig scheint hier der denkende und schreibende Berserker durch, der seine Gegner argumentativ und mit der permanenten Wiederholung der Losung niederringen will.

Bücher zum Marx-Jubiläum

ORF.at

Bücher zum Jubiläum. Eine Entdeckung können gerade die frühen Schriften von Marx bieten.

Deutlich wird an der Bauart schon seiner frühen Texte, wie sehr sie geeignet sind, Überzeugungskorpus für Gleichgesinnte zu werden. Nicht umsonst sollten sich Studentengenerationen ab den späten 1960er Jahren gerade auch an der Agitationskraft solcher Texte berauschen. Die Religion mag ja Opium für das Volk gewesen sein - für eine auserwählte Schar schien gerade die Rhetorik des Marx’schen Argumentationsmaterials Antriebs-, ja Rauschmittel für einen politischen Kampf.

Bücher zum Thema

  • Gareth Stedman Jones, Karl Marx. Die Biographie, Fischer.
  • Urs Marti-Brander, Die Freiheit des Karl Marx. Ein Aufklärer im bürgerlichen Zeitalter, Rowohlt.
  • Sahra Wagenknecht, Vom Kopf auf die Füße? Zur Hegelrezeption des jungen Marx, Aurora.

Der konterkarierte Marx

Für die breite Öffentlichkeit, abseits jeder Apologetik oder Beschuldigungsabsichten, empfiehlt sich gerade zum 200. Geburtstag von Marx ein Blick auf das Frühwerk - und nicht zuletzt auf die zeithistorischen Umstände, in denen Marx arbeitete. Gerade der frühe Marx trat für jene Freiheiten ein, die nicht zuletzt in den ersten Tagen der Russischen Revolution geopfert wurden.

„Lenin und Trotzki“, schrieb zu diesem Thema treffend der Dichter Maxim Gorki in seinen „Unzeitgemäßen Gedanken“ wenige Monate nach der Oktoberrevolution, „haben keinerlei Vorstellung von der Freiheit der Person und den Menschenrechten. Sie und ihre Gefährten sind bereits vom faulen Gift der Macht infiziert, davon zeugt schon ihre schändliche Einstellung zur Freiheit der Rede, der Person und zu allen Rechten, für deren Sieg die Demokratie gekämpft hat.“

„Indem das Volk freie Schriften als gesetzlos betrachten muss, so gewöhnt es sich, das Gesetzlose als frei, die Freiheit als gesetzlos und das Gesetzliche als das Unfreie zu betrachten“, schrieb Marx zum preußischen Zensurgesetz 1842. Sein Befund hätte auch auf Russland im November 1917 und manch anderen Staat gepasst, der ihm Götzenfiguren aufgestellt hatte.

Links: