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Militärischer Schlagabtausch in der Nacht

Der Konflikt zwischen Israel und dem Iran hat sich in der Nacht auf Donnerstag gefährlich zugespitzt. Iranische Streitkräfte griffen erstmals von Syrien aus israelische Militärposten an, wie der israelische Armeesprecher Jonathan Conricus mitteilte. 20 Raketen hätten die Quds-Brigaden, die Eliteeinheit der iranischen Revolutionsgarden, auf die Golanhöhen abgefeuert.

Israels Luftwaffe habe daraufhin Dutzende iranische Militärziele in Syrien angegriffen. Die Quds-Brigaden hätten Raketen des Typs Grad und Fadschr-5 eingesetzt, sagte der israelische Armeesprecher. „Wir sehen diese iranische Attacke auf Israel als sehr schwerwiegend an.“ Keine der auf die Golanhöhen abgefeuerten Raketen habe ihr Ziel getroffen. Mehrere seien von der israelischen Raketenabwehr abgefangen worden. Es habe auch keine israelischen Opfer gegeben.

Nach Angaben von Verteidigungsminister Avigdor Lieberman habe seine Armee „nahezu die gesamte iranische Infrastruktur“ beschossen. Er hoffe, dass die „Episode“ nun vorbei sei und „jeder verstanden hat“. Bei den Angriffen wurden laut Aktivisten mindestens 23 Kämpfer getötet. Das erklärte die in Großbritannien ansässige oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

„Auf verschiedene Szenarien vorbereitet“

Die israelischen Luftangriffe in Syrien gehörten zu den „größten, die Israels Armee gegen iranische Ziele unternommen hat“. Man habe dem iranischen Militär schweren Schaden zugefügt, hieß es von israelischer Seite. Es seien Einrichtungen des Geheimdienstes, der Logistik, Militärposten, Lagerräume und Spähposten getroffen worden. Man habe auch das Gefährt zerstört, von dem aus die Raketen auf die Golanhöhen abgefeuert wurden. Es habe sich in 30 bis 40 Kilometern Entfernung von Damaskus befunden.

Raketen im Nachthimmel über Daraa in Syrien

Reuters/Alaa Faqir

Der Himmel über der südsyrischen Stadt Daraa in der vergangenen Nacht

Die syrische Luftabwehr habe israelische Flugzeuge beschossen, aber nicht getroffen. „Wir haben die Syrer gewarnt, sich nicht einzumischen, aber sie haben es trotzdem getan." Israel sei "auf verschiedene Szenarien vorbereitet“, sagte Conricus. „Wir sind nicht an einer Eskalation interessiert, aber weitere Versuche, Israel zu attackieren, werden eine schwerwiegende Reaktion zur Folge haben.“ Man habe Russland vor dem Angriff in Syrien informiert.

Hisbollah-Stützpunkte beschossen

Syrischen Angaben zufolge wurden mehrere Ziele getroffen. Darunter seien Einheiten der Luftverteidigung, eine Radarstation und ein Munitionslager gewesen, meldete die staatliche syrische Nachrichtenagentur SANA Donnerstagfrüh unter Berufung auf eine nicht näher genannte militärische Quelle.

Syriens Luftabwehr schoss demnach Dutzende israelische Raketen ab. Die meisten hätten ihr Ziel nicht erreicht, berichtete SANA. Der Beobachtungsstelle für Menschenrechte zufolge trafen die israelischen Raketen zudem Stützpunkte der libanesischen Hisbollah-Miliz südwestlich von Homs sowie in Maadamijat al-Scham westlich von Damaskus. Dort seien iranische, syrische und Hisbollah-Kämpfer stationiert.

Netanjahu besuchte Putin

Die Angriffe erfolgten einen Tag nach dem Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen mit dem Iran. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu hatte am Mittwoch auch den russischen Präsidenten Wladimir Putin besucht. Dieser hatte angesichts der zunehmenden Spannungen zwischen Israel und dem Iran zu einer Lösung des Konflikts aufgerufen.

Russishcer Präsident Putin und israelischer Präsident Netanjahu

AP/Sergei Ilnitsky

Netanjahu bei Putin: Russland wurde vor dem Angriff in Syrien informiert, heißt es aus Israel

Mit Hinweis auf Warnungen vor einem iranischen Angriff von Syrien aus hatte Israels Armee schon am Dienstag Reservisten mobilisiert. Die Armee hatte zudem Ortschaften auf den Golanhöhen angewiesen, die Luftschutzbunker zu öffnen. Israel hatte die Golanhöhen 1967 erobert und später annektiert. Die Armee wies die Einwohner der Golanhöhen am Donnerstag an, ihrer normalen Routine nachzugehen. Schulen und Kindergärten blieben geöffnet.

Tote bei Raketenangriff

Auch in der Nacht zuvor wurde ein mutmaßlicher israelischer Raketenangriff auf Ziele in Syrien gemeldet. Dabei kamen nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte mindestens 15 Menschen ums Leben. Der Angriff habe einem Waffenlager der iranischen Revolutionsgarden gegolten.

Teheran ist neben Russland und der libanesischen Schiitenmiliz Hisbollah wichtigster Verbündeter des syrischen Staatschefs Baschar al-Assad. Der Iran hat nach israelischen Angaben in den vergangenen Monaten seine militärische Präsenz im Land weiter ausgebaut. Israel wird für Luftangriffe in Syrien verantwortlich gemacht, bei der auch Iraner getötet wurden. Teheran drohte mit Vergeltung.

Assad: „Weltkrieg anderer Art“

Der syrische Staatschef Assad ist der Ansicht, dass in seinem Land ein Weltkrieg stattfindet, der aber andere Merkmale als die beiden früheren habe. „Er ist vielleicht kein voller Dritter Weltkrieg. Dennoch ist es bereits ein Weltkrieg, der auf einer anderen Art als der Erste und der Zweite (Weltkrieg, Anm.) stattfindet", sagte Assad in einem Interview der konservativen Athener Zeitung "Kathimerini“ am Donnerstag. 

Er äußerte die Hoffnung, dass es in seinem Land zu keiner direkten Konfrontation zwischen Russland und den USA komme. Dann würde nach Assads Ansicht die Situation „auf der ganzen Welt außer Kontrolle geraten“.

Macron und Merkel rufen zu Deeskalation auf

Angesichts der zugespitzten Lage riefen Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel zur Deeskalation auf. „Die Eskalationen der vergangenen Stunden zeigen uns, dass es wahrlich um Krieg und Frieden geht“, sagte Merkel am Donnerstag bei der Zeremonie zur Verleihung des Karlspreises an Macron in Aachen (Deutschland). Sie bezeichnete die Lage als „extrem kompliziert“ und rief alle Beteiligten zur „Zurückhaltung“ auf.

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