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Cesar Sampson als große Überraschung

Netta aus Israel hat den 63. Song Contest gewonnen - und in Form der krachenden Nummer „Toy“ in etwa das Gegenteil von Salvador Sobrals Siegertitel des vergangenen Jahres geboten. Cesar Sampson landete mit einer großartigen Darbietung auf dem sensationellen dritten Platz.

Mit viel Exzentrik, heftigem Beatgewitter und jeder Menge Selbstbewusstsein hat Netta den 63. Song Contest für Israel gewonnen. Das stimmliche und figürliche Schwergewicht hat von Beginn an zum engen Favoritenkreis gezählt.

Siegersong: Netta mit „Toy“

Mit dem Sieg in der der Tasche singt Netta noch einmal „Toy“.

Die hyperaktive Show konnte sowohl bei der Jury als auch beim Publikum groß punkten – ADHS in Musikform, das sich textlich um Selbstbestimmtheit dreht. Mit einer derartigen Energie, wie sie Netta heuer zu bieten hatte, ist bisher noch selten ein Song-Contest-Beitrag über die Bühne gegangen.

Netta

AP/Armando Franca

Exzentrische Song-Contest-Siegerin: Netta aus Israel

Doch für die größte Überraschung des Abends hat Cesar Sampson gesorgt, der für Österreich vom fünften Startplatz aus ins Rennen gegangen war und den sensationellen dritten Platz geholt hat. Der Linzer lieferte einen der unaufgeregtesten Beiträge des Finales ab, der im Vergleich zum restlichen Starterfeld jedoch große Tiefe und ein ungemein authentisches Auftreten zu bieten hatte. Ein von Soul und R ’n’ B inspirierter Song, der auch in vielen Jahren noch gut in den Ohren klingen wird.

Cesar Sampson

AP/Armando Franca

Cesar Sampson hat eine Sensation geschafft und belegt für Österreich den dritten Platz

Die Performance Sampsons verzichtete auf große Effekte, was ein überaus stimmiges Gesamtbild ergab, das insbesondere bei der Jurywertung groß punkten konnte. Wäre es nach den Experten gegangen, hätte Sampson gewonnen. Aus sieben Ländern gab es sogar die volle Punktezahl. Selbst aus dem Mutterland des Pop, Großbritannien, gab es für „Nobody but You“ die vollen zwölf Punkte.

Platz drei für Cesar Sampson mit „Nobody but You“

Überragender und überraschender Erfolg: Platz drei für Cesar Sampson.

Beats, Bombast und Beckenbodentraining

Mit viel Feuer, Hüftschwung und ethnischen Beats holte Eleni Foureira, die lange als Favoriten gehandelt worden war, den zweiten Platz. Die gebürtige Albanerin, die in Griechenland aufgewachsen ist, bot in der Lissaboner Altice Arena eine mitreißende Show in Form eines öffentlich zur Schau gestellten Beckenbodentrainings. Dass sich Foureiras Kreativteam sehr viel Inspiration bei Shakira geholt hat, war allerdings überdeutlich.

Eleni Foureira mit „Fuego“ wurde Zweite

In der vergangenen Woche mutierte sie zur Favoritin. Geworden ist es Platz zwei.

Großartig schlug sich auch Deutschland, das mit der getragenen Klavierballade „You Let Me Walk Alone“ von Michael Schulte auf dem vierten Platz landete. Der Song beschwört Familienwerte und richtet sich an Schultes verstorbenen Vater. Mit dem vierten Platz geht für Deutschland eine mehrjährige Durststrecke beim Song Contest zu Ende.

Tafel

ORF

Lockenkopf und Wuschelkopf

Die eindringlichste Botschaft des gesamten Abends hatte Italien zu bieten – sofern man des Italienischen mächtig ist. Der Lockenkopf Ermal Meta und der Wuschelkopf Fabrizio Moro setzten auf einen Song gegen den Terror und für die friedliche Koexistenz der Religionen. Wobei der vehemente Sprechgesang von „Non mi avete fatto niente“ das Anliegen sehr effektiv zu unterstreichen wusste, was den fünften Platz für eine etwas monotone Nummer bedeutet.

Der tanzende Schulbub aus Tschechien

Mikolas Josef aus Tschechien hatte eine auf internationales Niveau gestrickte Elektronummer namens „Lie to Me“ zu bieten und holte damit mit dem sechsten Platz für sein Land das beste Ergebnis aller Zeiten. Der Song bedient sich bei Funk und Jazz und lässt die Trompete sehr laut quietschen. Eine sehr tanzbare Nummer mit eigenwilligem Bühnenoutfit. Josef mimte den Schulbuben mit Rucksack, Streberbrille und sehr viel Gel im Haar.

SuRie

AP/Armando Franca

Wenig Glück hatte Großbritanniens SuRie, die auf dem drittletzten Platz gelandet ist

Auf Platz sieben liegt heuer Schweden, das mit „Dance Me Off“ von Benjamin Ingrosso die am perfektesten produzierte Nummer des Abends zu bieten hatte. Die mit größter Präzision gesetzten Beats mit vielen Soul- und Funkanleihen haben das Potenzial zum globalen Hit, dem allerdings auch große Glattheit attestiert werden darf.

Opernklänge aus dem Baltikum

Mit einem musikalischen Ausreißer in Richtung Opernfach sang sich auch Estland auf den achten Rang. Sängerin Elina Nechayeva ist im Normalfall in der Oper von Tallinn zu hören. „La forza“ bedeutete auch eine Materialschlacht hinsichtlich des Kostüms, für das Dutzende Quadratmeter Stoff verarbeitet wurden. Ein Auftritt, der opulent wie eine Oper war.

Ebenso eigenwillig waren die Dänen, die den Sänger Rasmussen ins Rennen geschickt haben, um einen auf Wikinger zu machen. Mit gesetzten Segeln als Bühnendekoration und einer Horde weiterer Wikinger präsentierte sich der Song „Higher Ground“ in martialischer Optik, was im Widerspruch zur Musik stand und Platz neun ergab.

Albanien als kleine Überraschung

Moldawien ließ dieses Jahr im Vorfeld angesichts der geringen Budgetmittel von sich reden. Umso effektiver die Umsetzung: In Bühnenkostümen in den moldawischen Landesfarben Blau, Gelb und Rot brachte das Trio DoReDos eine sympathisch-witzige Inszenierung auf die Bühne, was mitunter etwas altmodisch wirkte, jedoch im Gesamtkontext auch erfrischende Seiten mit viel Bombast hatte. Nach dem sensationellen dritten Platz im vergangenen Jahr wurde es heuer der zehnte Rang.

Für eine kleine Sensation sorgte Albanien, das von den Buchmachern zuletzt als eines der Schlusslichter des heurigen Jahres gesehen wurde. Doch Eugent Bushpepa landete mit der einfach gestrickten Rocknummer „Mall“ auf der Elf.

Erinnerungen an die 1980er

Mit einem Song über das gemeinsame Altwerden belegte Litauen mit Ieva Zasimauskaite und dem Song „When We’re Old“ den zwölften Rang. Zasimauskaites Ehemann nahm während des Auftritts die Rolle des Bühnenstatisten ein, um sich von seiner Frau während der Ballade anschmachten zu lassen - eine etwas unspektakuläre Darbietung.

Madame Monsieur

AP/Armando Franca

Sängerin Emilie vom Duo Madame Monsieur, das für Frankreich an den Start gegangen ist

Dahinter liegt Frankreich, das mit dem Duo Madame Monsieur und dem Song „Mercy“ angetreten war. Sängerin Emilie und ihr Ehemann, der Gitarrist Jean-Karl, wirkten, als seien sie direkt aus einem Pariser Dachatelier auf die Song-Contest-Bühne gespült worden. Ganz in Schwarz mit knallroten Sneakers und viel Lippenrot von Sängerin Emilie setzte es eine Frenchpop-Hymne mit nachdenklichem Charakter. Große Gefühle, die auch Erinnerungen an den großen französischen Pop der Marke France Gall aus den 1980er Jahren erinnert hat.

Beim zweiten Versuch gescheitert

Eine Spur sehr mystisch hatte es auch Bulgarien angelegt. Die Supergroup Equinox übte sich mit „Bones“ in düsteren Sounds und einer schwer zu deutenden Performance und ist damit auf der 14. gelandet. Das Kunststück, den Song Contest ein zweites Mal zu gewinnen, gelang Alexander Rybak aus Norwegen, der 2009 in Moskau siegreich gewesen war, nicht. Der durchaus Elan versprühende Song „How You Write a Song“ konnte sich letztlich auf dem 15. Rang platzieren. Rybak bediente sich allzu sehr bei seiner alten Erfolgsformel aus bubenhaftem Charme, Gesang und Gefiedel.

Kandelaber und Kontaktlinsen

Das zuletzt von den Wettbüros hoch gesetzte Irland konnte den geschürten Erwartungen doch nicht gerecht werden. Ryan O’Shaugnessy war mit der Beziehungsnummer „Together“ am Start, die erst im Lauf des Songs preisgibt, dass sich der Beitrag auch um die gleichgeschlechtliche Liebe dreht. Das hat auch sehr viel Kalkül bedeutet. Immerhin stand Irland nach einer vierjährigen Durststrecke wieder in einem Song-Contest-Finale – Platz 16 für eine Nummer mit inszeniertem Schneegestöber und romantischen Kandelabern.

In Fantasiewelten beheimatet war Melovin aus der Ukraine, der den Abend eröffnen durfte und dabei als Vampir einem Klavier entstiegen war. Sein Schmäh mit der Kontaktlinse erinnerte an die harmlose Faschingsvariante von Marilyn Manson, was nur für den 17. Rang gereicht hat. Waylon aus den Niederlanden, der bereits vor vier Jahren mit den Common Linnets auf der Bühne des Song Contest gestanden war, trat heuer als Solokünstler an – mit schablonenartigem Südstaatenrock kam Waylon auf der 18. Direkt dahinter liegt der serbische Beitrag von Sanja Ilic & Balkanika.

Die Wutbürger aus Ungarn

Schlecht abgeschnitten hat heuer Australien. Jessica Mauboy, einer der größten Popstars des Kontinents, intonierte auf sehr eindringliche Weise die Durchhaltenummer „We Got Love“ - ein äußerst beherzter und sympathischer Auftritt, der nicht über den 20. Platz hinauskam.

Ungarn beim ESC

AP/Armando Franca

Ungarn hat auf Lautstärke gesetzt und ist damit auf der 21. gelandet

Für die lauteste Darbietung des Abends sorgte mit großem Abstand Ungarn, die den 21. Platz belegen. „Viszat Nyar“ von AWS lieferten puren Krawall in Form wilder Crossover-Sounds und einem demonstrativ unsanften Umgang mit dem Instrumentarium.

Letzter Platz für die Gastgeber

Weit abgeschlagen liegt auch der Beitrag aus Slowenien von Lea Sirk. Einen Schmachtfetzen gesteigerten Ausmaßes hatte Portugals Nachbarland Spanien zu bieten. Der vom Duo Amaia und Alfred gesungene Titel „Tu Cancion“ wollte aber niemanden so recht vor dem Ofen hervorlocken – Balladenware von der Stange.

Kalt gelassen hat Europa auch der britische Beitrag von SuRie, der von einer auf die Bühne stürmende Person gestört wurde. Saara Aalto aus Finnland belegt den vorletzten Platz. Und das Gastgeberland Portugal, das durch Claudia Pascoal vertreten wurde, hat dasselbe Schicksal ereilt wie die Makemakes in Wien. Es landete auf dem letzten Platz - immerhin ohne die Schmach, ganz punktelos zu bleiben.

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