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„Längste Brücke Russlands“

Russlands Präsident Wladimir Putin hat am Dienstag die Brücke zwischen der ukrainischen Halbinsel Krim und dem russischen Festland eingeweiht und für den Autoverkehr freigegeben. Putin setzte sich ans Steuer eines orange Lastwagens und fuhr die 19 Kilometer lange Strecke ab.

Das Staatsfernsehen übertrug die Fahrt am Dienstag live. Putin folgten zahlreiche Lastwagen in einer Kolonne. Die Brücke gilt als „längste Brücke Russlands“. Die Fertigstellung war ursprünglich Ende 2018 geplant, ab Mittwoch soll sie genutzt werden. Die Brücke über die Meerenge von Kertsch verbindet Russland mit dem beliebten Urlaubsziel Krim, denn Russland hat keinen direkten Landweg dorthin.

Krim-Brücke

Reuters/Pavel Rebrov

Die Brücke zur Krim als Schlussstein der Annektion

Die Kosten für den Bau belaufen sich Medienberichten zufolge auf umgerechnet rund drei Milliarden Euro. Den Bauauftrag erhielt der mit dem Kreml-Chef befreundete Unternehmer Arkadi Rotenberg, der vom Westen mit Sanktionen belegt ist.

Bruch des Völkerrechts

Russland hatte sich die Krim nach einem umstrittenen Referendum im März 2014 einverleibt. Die Ukraine sieht die Halbinsel weiter als Teil ihres Staatsgebiets. Der Westen verurteilt den Schritt Moskaus als Bruch des Völkerrechts. Die Krim ist Sitz der russischen Schwarzmeerflotte. Die Halbinsel mit etwa zwei Millionen Bewohnern ist in etwa so groß wie die Bundesländer Steiermark und Kärnten zusammen.

Brücke über die Straße von Kertsch zwischen Russland und Krim im Bau

picturedesk.com/Tass/Sergei Malgavko

Die Bauarbeiten an der Brücke über die Straße von Kertsch

Verdacht auf EU-Sanktionsverstoß

Sieben niederländische Unternehmen werden von Ermittlern des Landes verdächtigt, durch Beteiligung am Bau einer Brücke zwischen Russland und der Krim gegen EU-Sanktionen verstoßen zu haben. Die Generalstaatsanwaltschaft bestätigte Anfang Mai in Den Haag entsprechende Untersuchungen.

Die Unternehmen sollen mit Spezialgeräten, unter anderem besonderen Rammen, zum Bau der Brücke beigetragen haben. Seit September 2017 waren Ermittlungen gegen zwei niederländische Unternehmen wegen Verstoßes gegen die EU-Sanktionen gegen Russland bekannt. Den Angaben der Staatsanwaltschaft zufolge handelt es sich mittlerweile aber um sieben Firmen.

Über die Brücke führen eine vierspurige Autobahn sowie eine zweigleisige Eisenbahnstrecke, um die Menschen rasch über die Straße von Kertsch bringen zu können. Ab 2019 sollen täglich 40.000 Fahrzeuge und 94 Züge die Brücke passieren.

Alte Idee, neue Umsetzung

Die Idee, die beiden Ufer mit einer Brücke zu verbinden, ist nicht neu. Während des Zweiten Weltkriegs begann die deutsche Organisation Todt, eine paramilitärische Bautruppe, mit dem Bau, die nicht fertiggestellte Brücke wurde allerdings 1943 beim Rückzug aus der Sowjetunion gesprengt. Obwohl anschließend durch die Sowjets wieder als Eisenbahnbrücke aufgebaut, wurde sie durch Treibeis stark beschädigt und deshalb später wieder abgerissen.

Die unberechenbaren Wetterbedingungen an der Straße von Kertsch sind auch heute nicht zu unterschätzen. Eisschollen treiben im Frühjahr regelmäßig durch die Meerenge, die das Schwarze Meer mit dem Asowschen Meer verbindet. Starker Wind ist zwischen den Bergketten an den Ufern zudem keine Seltenheit, ebenso wenig wie Erdbeben. Durch die Meeresströmung entstand über die Jahre außerdem eine 80 Meter dicke Schicht an Schlamm auf dem Grund.

Als das russische Projekt erstmals vorgestellt wurde, habe sich kaum eine russische Firma freiwillig zur Umsetzung gemeldet, schrieb etwa die „New York Times“ („NYT“). Zu knapp bemessen sei der Zeitraum gewesen, zu groß und außergewöhnlich die technische Herausforderung. Jedoch: „Das ist heute alles eine Frage des Geldes“, so Michail Blinkin, Infrastrukturexperte eines Moskauer Instituts für Ökonomie gegenüber der „NYT“.

„Zeitplan kam vom Präsidenten persönlich“

Den Großteil von Russlands Infrastrukturbudget des vergangenen Jahres soll jedenfalls die Krim-Brücke verschluckt haben - obwohl das offiziell bestritten werde. Dafür würden andere Infrastrukturprogramme des Landes ignoriert.

„Der Zeitplan kam vom Präsidenten persönlich, deshalb wollte niemand das Risiko eingehen“, so der Brückenbauspezialist Oleg Skworzow zur „NYT“, der außerdem ein Beratungsgremium zum Bau der Brücke leitete. Zudem hatte Russlands Annexion der Krim zahlreiche internationale Sanktionen, etwa durch die EU und die USA, zur Folge. Die Angst vieler Bauunternehmen sei gewesen, Lieferungen von Baumaterial könnten nicht ankommen.

Enger Freund Putins bekam Auftrag

Den Sprung ins kalte Wasser wagte schließlich der russische Oligarch Arkadi Rotenberg mit seiner Firma Stroigasmontasch, die laut Angaben der „Süddeutschen Zeitung“ („SZ“) noch nie zuvor eine Brücke gebaut hatte. Rotenberg erlangte als Jugendfreund Putins aus St. Petersburg Bekanntheit. Später trainierten die beiden zusammen Judo.

Arkadi Rotenberg

Reuters/Sergei Karpukhin

Rotenberg gilt Insidern als einer der wenigen mächtigen Männer Russlands, denen Putin vertraut

Viele Spekulation gab es darüber, ob Rotenberg zu dem Auftrag gezwungen wurde oder nicht. Offiziell ist es aber eine große Ehre für den Bauherrn: „Es scheint, als sei dies das letzte große Projekt für mich, und ich mache es nicht, um Geld zu verdienen“, sagte er der russischen Tageszeitung „Kommersant“ im Jahr 2015. „Wenn Sie erlauben, es ist ein Beitrag zur Entwicklung des Landes.“

Rotenberg unter Beschuss durch Paradise-Papers

In den Augen vieler Kritiker ist Rotenberg ein Strohmann Putins, der außerdem unter Verdacht steht, eine Offshore-Firma - die Kanzlei Appleby - zugunsten Putins und seiner selbst betrieben zu haben. Somit habe er Sanktionen umgehen können, wie bereits 2017 durch die Aufdeckung der Paradise-Papers bekanntwurde. Das sei also nicht nur Putin und Rotenberg persönlich millionenfach zugutegekommen, sondern auch Stroigasmontasch im Bau der Krim-Brücke.

Doch die Krim-Brücke ist bei Weitem nicht das einzige Megaprojekt, an dem die Familie Rotenberg über die Freundschaft mit Putin beteiligt ist. Die rund 40 Milliarden Euro etwa, die in die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi investiert wurden, sollen ebenfalls zum Teil an die Rotenbergs geflossen sein. Boris Nemzow, ein 2015 ermordeter Kreml-Gegner und vehementer Kämpfer gegen Korruption, schätzte, dass etwa 15 Prozent des Olympiabudgets von 2014 in die Tasche von Rotenberg und seinem Bruder Boris gewandert sein sollen.

„Symbolischer wird’s nicht mehr“

Die Brücke über die Straße von Kertsch ist viel mehr als ein Infrastrukturprojekt. Es gehe dabei um ein russisches Leitbild der Korruption, um ein Symbol, das sich auf die Person Putin konzentriere, schrieb die „NYT“.

Kreml-Kritiker behaupten, dass Putins „Projekt Krim“ erst dann abgeschlossen sei, wenn auch die Brücke stehe: „Die Brücke zeigt auf die offensichtlichste Art und Weise die Verbindung zwischen Russland und der Krim, dass die Krim ein Teil Russlands ist - verbunden durch eine massive Brücke -, symbolischer wird’s nicht mehr“, sagte etwa die russische Politikwissenschaftlerin Ekaterina Schulmann gegenüber der Zeitung.

Halbfertige Brücke zur Krim

Reuters/Pavel Rebrov

Die Straßenverbindung auf der Krim-Brücke im Bau

Putin könne so der Welt zeigen, welch großartige Dinge er vollbringen könne. „Die Regierung ist vielleicht nicht imstande, für Sicherheit, ein funktionierendes Gesundheitssystem oder für Bildung zu sorgen, aber sie kann große Bauprojekte verwirklichen.“ Und auch der russische Infrastrukturexperte Blinkin zeigt sich gegenüber der „NYT“ überzeugt: „Politisch gesehen musste es zu einer realen Verbindung kommen. Wenn du eine Brücke irgendwohin baust, dann zeigst du damit, dass das Land dein ist.“

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