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„Verhinderbar nein, minimierbar ja“

Wenn man ein bestimmtes Lebensmittel kauft, sollte es an sich eine Selbstverständlichkeit sein, dass man auch das bekommt, was vorne draufsteht. Ist es aber nicht, vielmehr erschüttern mehr oder weniger spektakuläre Fälle von Lebensmittelbetrug das Vertrauen von Verbraucherinnen und Verbraucher immer wieder aufs Neue.

Betrug und Missbrauch mit Lebensmitteln hat es wohl immer schon gegeben, das Bewusstsein, dass man dagegen auch etwas tun kann, ist allerdings erst in letzter Zeit gewachsen, sagt dazu Franz Ulberth, der im belgischen Geel die für Lebensmittelsicherheit und -betrug zuständige Abteilung der Gemeinsamen Forschungsstelle (Joint Research Centre, JRC) der EU leitet.

Außenansicht eines Labors

ORF.at/Peter Prantner

In Geel wird Pionierarbeit in Sachen Lebensmittelforensik betrieben

Gewachsen sei in Europa aber auch, zumindest was die Lebensmittelsicherheit betrifft, ein sehr ausgereiftes Prüfsystem. Damit verweist Ulberth auf eine der Kernaufgaben seiner Abteilung, nämlich die „Bereitstellung von Werkzeugen“ für die Lebensmittelkontrollbehörden der EU-Mitgliedsstaaten. Unter Federführung aus Geel gibt es EU-weit harmonisierte und standardisierte Untersuchungsmethoden - doch auch hier stellen sich immer wieder neue Fragen.

„Riesenaufwand“ dank „Nutella-Krise“

Darauf verweist die anhaltende Aufregung in dem weitläufig als „Nutella-Krise“ bezeichneten Fall rund um Markenprodukte, die offenbar nicht in allen EU-Mitgliedsländern mit den gleichen Zutaten angeboten werden. Verstöße gegen das Lebensmittelrecht gibt es nach bisheriger Erkenntnis zwar keine, ein „Riesenaufwand“ wird dennoch weiter betrieben.

In Geel wurde dazu nun im Rahmen des erst heuer der Öffentlichkeit vorgestellten Wissenszentrums für Lebensmittelbetrug und -qualität ein Prüfverfahren ausgearbeitet, mit dem man nun endgültig klären will, ob es hier zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist. Oberstes Dogma bleibt das Messen mit gleichen Maßstäben, denn „was wir nicht wollen, ist, dass die Behörde in Land A sagt, das ist Konsumententäuschung, und in einem anderen Mitgliedsland kommt die Behörde beim gleichen Produkt zu einem gegenteiligen Schluss“.

Wissenschaftler bei der Arbeit

ORF.at/Peter Prantner

Ulberth (l.) im Kreis seiner Mitarbeiter

Kissingers rotes Telefon

Gänzlich außer Frage steht der Betrugsvorwurf beim Pferdefleischskandal, der vor rund fünf Jahren bei den Lebensmittelbehörden ebenfalls für Hochbetrieb sorgte. Wie der von der Wiener Universität für Bodenkultur (BOKU) kommende und dort nach wie vor aktive Österreicher Ulberth rückblickend dazu sagt, „war man auf EU-Ebene nicht perfekt darauf vorbereitet, um mit dieser Sache ordnungsgemäß umzugehen“.

Gefehlt habe etwa ein etablierter Weg, Informationen auf offiziellem Weg auszutauschen, und das in direkter Folge gegründete Wissenszentrum soll nun auch helfen, hier künftig „effektiver vorzugehen“. Ganz nach den Worten des ehemaligen US-Außenministers Henry Kissinger beschäftige man sich laut Ulberth auch beim JRC intensiv mit der Frage: „Wen soll ich in Europa anrufen, wenn das rote Telefon klingelt?“

Beispiele wie das anstehende Projekt, bei dem man nun alle zuständigen und kompetenten Stellen in den einzelnen EU-Mitgliedsländern erfassen und auf einer interaktiven Karte darstellen will, aber auch eine bereits laufende, internationale Medienbeobachtung zur Früherkennung möglicher Fälle von Lebensmittelbetrug zeigen: In Geel wird auch außerhalb des Labors nach Lösungen gesucht.

„Vielleicht nicht der Erfolgsbringer“

Grundsätzlich geht es um Fragen wie: „Wo sind Lücken, welche Schritte sollen unternommen werden, um diese Lücken zu schließen, und wo sehen wir die Chancen, um effektiver gegen Betrugsfälle vorzugehen?“ Und zwar immer mit einem technischen, wissenschaftlichen Hintergrund. Man sei aber weder eine Behörde mit polizeilicher Befugnis noch die Staatsanwaltschaft und wolle schon gar nicht den eigentlichen Ermittlern in die Quere kommen. Sehr wohl wolle man diesen Beweise zuliefern, man sei somit, „aber das muss man jetzt unter Anführungszeichen setzen“, durchaus eine Art „CSI Lebensmittelbetrug“.

Als ganz wesentlichen Punkt, um Konsumentinnen und Konsumenten vor Lebensmittelbetrug zu schützen, betrachtet Ulberth nichtsdestotrotz die Kontrolle an Ort und Stelle. Aus diesem Grund seien im Rahmen der neuen EU-Kontrollverordnung die amtlichen Prüfbehörden in den EU-Mitgliedsländern auch angehalten, neben dem Sicherheitsaspekt verstärkt die Frage nach der Echtheit von Lebensmitteln zu beachten.

Dass die reine Analytik hier vielleicht nicht der Erfolgsbringer ist, sei laut Ulberth naheliegend. So seien komplett engmaschig durchgeführte Analysen allein mit Blick auf die zur Verfügung stehenden Mittel nicht möglich. Fälschen könne man jedenfalls alles, und gerade bei Betrug wisse man nie genau, „womit und wo betrogen wird“.

Wein, Olivenöl und Honig

„Verhinderbar wahrscheinlich nein, minimierbar ja“, lautet ganz in diesem Sinn die Antwort auf die Frage, wo die Grenzen im Kampf gegen Lebensmittelbetrug liegen. Somit gilt es, Lebensmittelbetrügern zumindest ihr Handwerk so schwer wie möglich zu machen, und „wenn jemand weiß, da ist ein Hund im Garten, wird er sich überlegen, ob er da reingeht oder nicht, auch wenn das jetzt ein Chihuahua ist“, wie Ulberth bildlich dazu sagt.

Wissenschaftler bei der Arbeit

ORF.at/Peter Prantner

Im Labor kann Missbrauch durchaus aufgedeckt werden - häufig übersehen wird der dahinterstehende Aufwand

Für eine „sinnvolle und zielführende“ Vorgangsweise gilt es aber auch, Prioritäten abzustecken. Ein besonderes Augenmerk richtet die EU-Lebensmittelforensik hier auf die „Aushängeschilder der europäischen Landwirtschaft“. Als das Vorzeigeprojekt schlechthin erscheint dabei die Europäische Weindatenbank. Deren Aufbau habe zwar Jahre gedauert und „war mit einem bestimmten Aufwand verbunden“, aber „die gibt es jetzt“.

Europäische Weindatenbank

Bereits seit 1991 werden Daten von Weinen der EU-Mitgliedsländer in einer Datenbank gespeichert. Dafür werden jedes Jahr Traubenproben entnommen und daraus in kleinem Maßstab Wein hergestellt, der dann für das jeweilige Anbaugebiet repräsentative Analysedaten liefert. Neben unzulässiger Behandlung mit Wasser oder Zucker kann damit auch Etikettenschwindel aufgedeckt werden.

Ähnliche Ziele werden - mit noch offenem Ausgang - beim Olivenöl verfolgt. Auch hier will man unter normierten Bedingungen möglichst breitflächig bestimmte Daten erheben, um dann beispielsweise eindeutig die Herkunft klären zu können. Im Gegensatz zum Wein, wo im Prinzip fünf Datenpunkte ausreichen, ist die Ausgangslage hier aber „viel komplexer, und da muss man erst sehen, wie man das organisiert“.

Bio oder nicht?

Abseits dieser beiden „Paradeprodukte“ gibt es „auch im Honigbereich ein verstärktes Interesse“. Dazu kommt ein gerade angelaufenes „interessantes Projekt“ mit Gewürzen und damit einem Produkt, bei dem man „beim Import aufpassen muss“. Die gelegten Schwerpunkte seien aber nicht in Stein gemeißelt - vielmehr könne sich das, „je nachdem wie sich eine Situation entwickelt“, auch schnell wieder ändern.

Generell, so Ulberth, gibt es vermehrte Betrugsfälle bei Produkten, die zur „Luxuskategorie“ gehören, bzw. dort, wo ganz im Gegensatz dazu die Gewinnspanne extrem niedrig ist. Letzteres sei „überraschend, aber auch verständlich“, denn dort wird ein Hersteller „möglicherweise jede Möglichkeit ausnutzen, um dann doch noch irgendwie Gewinn zu machen“. Unregelmäßigkeiten seien schließlich auch bei Bioprodukten und damit in einem derzeit am meisten wachsenden Lebensmittelbereich „nicht ausgeschlossen“.

Hier offenbaren sich auch durchaus ernüchternde Grenzen der analytischen Möglichkeiten. So seien, zumindest „wenn man die Vorgeschichte kennt“, zwar Unterschiede zwischen konventionell angebauten und biologischen Produkten durchaus nachweisbar. Auch ob ein Produkt in einer hydroponischen Anlage und somit in Gewächströgen mit Nährlösung angebaut wurde, könne mit analytischen Methoden geklärt werden. Wenn man allerdings einen beim Gemüsehändler gekauften Kohlkopf im Labor überprüfen will, ob dieser nun bio ist oder nicht, „dann kann man auch eine Münze werfen“.

Wissenschaftler bei der Arbeit

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Wurde Honig mit Zucker gestreckt? Fragen wie diese werden in den JRC-Labors beantwortet

„Unmögliches“ Himbeerjogurt

Tücken zeigt die Forensik auch anderswo. Der Nachweis, wie viele Himbeeren nun genau in einem Jogurt sind, sei auf analytischem Weg „extrem schwierig, wenn nicht sogar unmöglich“ zu klären - es muss hier somit wohl weiterhin den Angaben des Herstellers vertraut werden.

Andere Dinge, wie etwa das Wässern von Milch, könne man dagegen auch wieder „sehr einfach und sehr effektiv kontrollieren“. Bei gewässertem Wein sei es dann schon wieder „um vieles schwieriger, und wenn zwei Jahrgänge gemischt werden, die geografische Herkunft und die Traubensorte nicht korrekt gekennzeichnet sind, um vieles, vieles schwieriger“.

Nicht für Fischkauf zuständig

Es fällt im Gespräch mit ORF.at schließlich das Beispiel Fisch, wo an sich bereits sehr gute Testsysteme entwickelt worden seien, um unterschiedliche Arten auseinanderzuhalten. Dennoch gebe es nach wie vor „in einem nicht ganz unerheblichen Ausmaß“ Hinweise, wonach hochpreisiger Fisch durch billigen ersetzt wird, und ob sich auf dem Teller nun die bestellte Bach- oder doch eine Regenbogenforelle befindet, bleibt für Laien schwer nachzuvollziehen.

Auch hier zeigt sich: Es gibt noch einiges zu tun, und gefordert sind ungeachtet der von der EU-Forschungsstelle angebotenen Hilfestellungen die an sich zuständigen Prüfbehörden: Von Geel aus werde man jedenfalls nicht „durch die Lande ziehen und Fische einkaufen und prüfen, ob diese korrekt bezeichnet sind“.

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