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„Wahrscheinlich als chemische Waffe“

Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) hat den Einsatz von Giftgas bei einem Angriff in Syrien im Februar bestätigt. Eine Erkundungsmission sei zu dem Ergebnis gekommen, dass in der Stadt Sarakib am 4. Februar Chlorgas aus Zylindern freigesetzt worden sei, teilte die Organisation am Mittwoch in Den Haag mit.

Das Chlorgas sei „wahrscheinlich als chemische Waffe eingesetzt worden“, resümierten die Experten. Nach Luftangriffen der Regierungstruppen wurden in der nordwestlich gelegenen Stadt in der Provinz Idlib damals elf Menschen mit Atembeschwerden behandelt.

Zwei Männer werden mit Atemproblemen in einem Spital behandelt

APA/AFP/Omar Haj Kadour

Zwei Männer in einem Spital in Sarakib

Die Chemiewaffenexperten hätten festgestellt, dass Chlorgas aus zwei Zylindern freigesetzt worden sei, heißt es in der OPCW-Erklärung. Die Bewertung basiere auf der Untersuchung der Zylinder, in denen Chlorgas nachgewiesen worden sei, auf Zeugenaussagen und Umweltproben, die eine ungewöhnliche Konzentration von Chlor ergeben hätten. Zudem seien nach dem Angriff am 4. Februar zahlreiche Menschen in Krankenstationen wegen Atembeschwerden und anderen Symptomen behandelt worden, die typisch für den Kontakt mit Chlorgas oder anderen giftigen Chemikalien seien.

Die Aufgaben der OPCW

Die OPCW hat allerdings kein Mandat, Verantwortliche für den Einsatz von verbotenen Chemiewaffen zu benennen. Die OPCW ist verantwortlich für die Umsetzung der Chemiewaffenkonvention aus dem Jahre 1997. Sie ist eine unabhängige internationale Organisation, arbeitet aber eng mit den Vereinten Nationen zusammen.

Die OPCW soll die von den Vertragsstaaten angegebenen Bestände an C-Waffen und Produktionsanlagen überprüfen, den Staaten bei der Vernichtung der Waffen technische Hilfe leisten und die Zerstörung der Bestände kontrollieren. Die OPCW, die ihren Hauptsitz im niederländischen Den Haag hat, wurde 2013 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Fast alle Staaten der Welt sind Mitglied.

Die OPCW hatte im Auftrag der UNO schon früher in Syrien den Einsatz von Chlorgas und des Nervengifts Sarin nachgewiesen und dafür die syrische Regierung verantwortlich gemacht. Die Rebellen setzten nach OPCW-Erkenntnissen einmal Senfgas ein. Die syrische Regierung streitet den Einsatz von Giftgas ab und beschuldigt Rebellen, den Giftgaseinsatz inszeniert zu haben.

Giftgaseinsatz auch in Duma?

Der OPCW-Bericht zum mutmaßlichen Einsatz von Chemiewaffen im April in der Stadt Duma ist noch nicht veröffentlicht worden. OPCW-Inspektoren beendeten nach russischen Angaben Anfang Mai ihre Untersuchung in Duma. Russische Soldaten hätten den OPCW-Fachleuten ungehinderten Zugang zu allen gewünschten Objekten verschafft, sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Generalmajor Igor Konaschenkow, Anfang Mai in Moskau.

Sanitäter bringen einen Verletzten in ein Spital in Damaskus

APA/AFP

Der Bürgerkrieg in Syrien forderte bisher über 400.000 Menschenleben

Mehr als 40 Menschen getötet

In Duma im damaligen Rebellengebiet Ostghuta bei Damaskus waren am 7. April mehr als 40 Menschen mutmaßlich durch Gas getötet und Hunderte verletzt worden. Der Westen machte die syrische Regierung für die Attacke verantwortlich, Damaskus und Moskau wiesen den Vorwurf zurück. Die USA, Großbritannien und Frankreich feuerten eine Woche später Marschflugkörper auf Syrien ab, um Giftgasfabriken bzw. -lager zu zerstören, wie es hieß. Fachleute der OPCW waren am 14. April nach Damaskus geflogen, konnten aber erst mit einwöchiger Verzögerung nach Duma reisen und mit ihren Untersuchungen beginnen.

Moskau hat andere Erklärung

Laut dem russischen General sprachen die Fachleute in Duma mit möglichen Zeugen und besuchten zwei Wohnungen sowie ein Krankenhaus. Konaschenkow betonte, dass die Inspektoren auch ein von Russland entdecktes Labor und ein Chemikalienlager untersucht hätten. Auf diese zwei Orte stützt Moskau seine Gegenthese, bewaffnete Regierungsgegner hätten Zugang zu Gift gehabt. Russland hatte außerdem am OPCW-Hauptsitz in Den Haag angebliche Zeugen präsentiert, die einen Giftgasangriff verneinten.

Moskau erwarte nun einen „unparteiischen und professionellen Bericht“ der OPCW, sagte die Sprecherin des Außenministeriums, Maria Sacharowa. Ein Reporter des britischen Nachrichtenportals Independent stellte Ende April nach einer Besichtigung an Ort und Stelle und Zeugenbefragungen die westliche Behauptung infrage, wonach es in der ehemaligen islamistischen Rebellenhochburg Duma einen Giftgasangriff gegeben habe. Der langjährige Nahost-Kenner Robert Fisk fand nach eigenen Angaben keine Belege dafür.

Bereits mehrmals Giftgas eingesetzt

Im Lauf des siebenjährigen Syrien-Krieges mit mittlerweile über 400.000 Toten wurde mehrmals Giftgas eingesetzt. In den meisten Fällen wurde das syrische Militär als Angreifer ausgemacht. Deshalb setzten die USA und Russland 2013 und 2014 gemeinsam eine Vernichtung der Chemiewaffen von Präsident Baschar al-Assad durch. Trotzdem gab es auch 2017 einen Chemieangriff auf Regierungsgegner in der Stadt Chan Scheichun. Die USA reagierten mit dem Beschuss einer syrischen Militärbasis.

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