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Wie der Vater, so der Sohn

Immer mehr Luxusmarken feiern große Erfolge im Sportschuhbereich. Zu den Populärsten gehören die französischen Modehäuser Balenciaga und Louis Vuitton. Ihre Bestseller sind Turnschuhe, die im Fachjargon als „Dad Sneakers“ bezeichnet werden. Sportliche Schleicher, die so unansehnlich sind, dass man sie eher im Schuhschrank der unmodischen Väter vermuten würde. Doch die „Töchter“ und „Söhne“ reißen sich gerade darum.

Es ist ein Anblick, an den man sich erst gewöhnen muss: Von der Form her erahnt man einen Laufschuh, aber die Silhouette ist wesentlich klobiger. Hier ein Stück Leder, dort ein bisschen Nylon, dazwischen ein Netzstoff - das alles in zu vielen Farben und als Draufgabe die vielfach geschichtete Sohle, die an orthopädisches Schuhwerk erinnert. Losgetreten hat diesen Trend das Luxuslabel „Balenciaga“, dessen Kreativdirektor Demna Gvasalia zu den wichtigsten Vertretern der „ugly fashion“ gehört.

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Ein Trend für Frauen und Männer

Für das Sneakermodell „Triple S“, das im Zentrum dieses Trends steht und ein „Dad Sneaker“ par excellence ist, muss man um die 700 Euro berappen. Sofern man überhaupt ein Paar ergattern kann. Alle Kollektionen waren bisher innerhalb kürzester Zeit ausverkauft - für Frauen und für Männer. Die wuchtigen Sneakers bekommt man nur über eBay oder andere Websites, die sich auf den Weiterverkauf von Luxusmode spezialisiert haben und das für einen um einiges höheren Preis. Ein Trend, der für Balenciaga sehr einträglich sein dürfte: Laut „Quartz“ erwartet der CEO der Kering-Gruppe, zu der das Label gehört, 2018 erstmalig einen Umsatz von einer Milliarde Euro.

Ganz aus dem Nichts kam dieser Hype nicht. Der „Guardian“ vermutet dahinter eine Mischung aus „Prada“ und „Dada“. Die Designerin Miuccia Prada erklärte vor einigen Jahren, dass „hässlich“ für sie „attraktiv“ und „aufregend“ sei. „Für mich ist das wesentlich interessanter als die bürgerliche Idee von Schönheit“, so Prada. Der rumänische Schriftsteller und Dada-Mitbegründer Tristan Tzara beschrieb das Konzept der Schönheit 1918 wiederum als eine Art langweilige Perfektion und als stagnierende Idee. Daraus ist laut „Guardian“ eine Anti-Haltung in der Mode geworden, die sich heute großer Beliebtheit erfreut.

Neben Balenciaga haben auch andere Luxusmarken wie Louis Vuitton den Mut zur Hässlichkeit als Trend aufgegriffen. Das Modell „Archlight“ des Pariser Modehauses, das vor allem für seine Logo-lastigen Taschen und Koffer bekannt ist, geht bei der Ausgestaltung der auswuchernden Sohle noch einen Schritt weiter. Das Design des Kreativdirektors Nicolas Ghesquiere ist trotz des stolzen Preises von 790 Euro aufwärts komplett ausverkauft.

Unansehnliche Schuhe auch für die Masse

Die „Dad Sneakers“ findet man aktuell nicht nur in Luxusboutiquen. Auch bei klassischen Sportswear-Marken sieht man immer mehr klobige Modelle. Der Trend gehe auf jeden Fall in Richtung älterer Silhouetten, sagt Annika Büser, die sich um die Public Relations des Sportswear-Händlers „Solebox“ kümmert, der auch in Wien eine Sneaker-Boutique mit ausgewählten Modellen betreibt. „Die 90er Jahre sind ein klarer Trend derzeit, und klobige, dicke Sohlen sehen wir auch sehr oft“, so Büser zu ORF.at.

Dabei setzen viele Marken ganz bewusst auf eine Limitierung der Stückzahlen. „Wenn solche exklusiven Modelle auf den Markt kommen, haben wir Schlangen vor unseren Boutiquen“, so Büser. Das Geschäft würden die Unternehmen und der Handel zwar mit den Modellen machen, die massenhaft produziert werden. Die limitierten Modelle sorgen aber für die notwendige Aufmerksamkeit in Sozialen Netzwerken und helfen Trends zu schaffen, meint Büser.

Designkollaborationen sehr erfolgreich

Zu den erfolgreichsten Modellen gehören Designkollaborationen, für die Luxusmarken mit klassischen Sportswear-Unternehmen zusammenarbeiten. Der auf Sneakers und Sportswear spezialisierte Modeblog „Highsnobiety“ widmete den teuersten Modellen des Jahres 2018 bereits einen ausführlichen Eintrag. Die Modeblogger analysierten nicht, mit welchen Preisen die gefragtesten Sportschuhe in den Einzelhandel kommen, sondern wie hoch die Preise beim Weiterverkauf sind. Die Kooperation von Virgil Abloh und Nike, ein „Nike Air Jordan 1“, ist demnach für 1.770 Dollar zu haben. Abloh ist der Gründer des derzeit sehr erfolgreichen Labels Off-White, das unter anderem Models wie die Kardashian-Schwester Kendall Jenner einkleidet.

Auch hier spielt Gvasalia wieder eine tragende Rolle. Der georgische Designer ist nicht nur für die Kollektionen von Balenciaga verantwortlich, er ist auch Mitbegründer des Labels Vetements, mit dem Gvasalia und sein Designteam mehrere unansehnliche Trends losgetreten haben. Dass viele Produkte aktuell wieder mit Markennamen übersät sind oder Frauen ihre Füße in Sockenstiefeletten stecken, geht auf das Konto von Vetements. Bei der Zusammenarbeit mit dem bekannten Sportschuhhersteller Reebok ist es gelungen, einiges davon miteinander zu verbinden und dabei möglichst „ugly“ zu bleiben.

My feet 👻👻

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Trend, der um sich greift

Dass Sportschuhe ein Markt sind, an dem Luxuslabels mitverdienen können, haben mittlerweile auch klassische Marken erkannt, die mit Gummisohlen bis dato wenig am Hut hatten. Neben Gucci, Prada oder Balenciaga investiert auch der italienische Luxuskonzern Salvatore Ferragamo - eher bekannt für seine Stilettos - stark in diesen Bereich. Nicht ohne Grund: Der weltweite Verkauf von Sneakers stieg im vergangenen Jahr um zehn Prozent auf 3,5 Milliarden Euro.

Damit sind die bequemen Treter erfolgreicher als andere Accessoires wie Handtaschen. Dass viele Luxusmarken in den Sportswear-Markt einsteigen wollen, dürfte für die klassischen Sportartikelhersteller positiv sein. Zumindest der Puma-Chef Bjorn Gulden sieht in den teuren Modellen keine Konkurrenz. „Wenn das den Sneaker-Markt befeuert, können wir glücklich sein“, so Gulden in einer Presseaussendung.

Zeigt her eure Socken

Zu den aktuellen Sportschuhen kombiniert man am besten einen Trend, der auch lange als unansehnlich gegolten hat: einfarbige Socken, gerne auch in weiß, die man akkurat straff nach oben zieht. Damit man möglichst viel von den Sneakers und den Socken sieht, sollte die Hose - am besten Jeans - möglichst kurz sein und den Blick auf die Knöchel freigeben. Sind die Hosen zu lang, können sie aufgerollt werden.

Wer Sneaker zum Anzug kombinieren will, sollte auch davor keine Scheu haben. Einschlägige Modeblogs empfehlen allerdings, bei Sakko und Anzughose auf gedämpfte Töne zu setzen und Muster eher zu vermeiden, damit die Turnschuhe auch zur Geltung kommen. Das heißt: Je sehenswerter das Schuhwerk, desto zurückhaltender sollte das Outfit sein.

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