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„Biologie des menschlichen Verhaltens“

Der 1928 in Wien geborene Verhaltensforscher und Begründer der Humanethologie Irenäus Eibl-Eibesfeldt ist tot. Der Wissenschaftler starb am Samstag im Kreise seiner Familie 89-jährig in Starnberg (Bayern), wie aus dem engsten Freundeskreis verlautete.

Eibl-Eibesfeldt wäre am 15. Juni 90 Jahre alt geworden. Er war nach einem Sturz seit Kurzem bettlägerig und hatte sich davon nicht mehr erholt. Eibl-Eibesfeldt studierte Zoologie und arbeitete mit Otto Koenig, Konrad Lorenz und Hans Hass zusammen. Mit dem Tauchpionier Hass nahm er an dessen meeresbiologischen „Xarifa“-Expeditionen unter anderem zu den Galapagos-Inseln teil, für deren Schutz er sich schon früh einsetzte.

Von Tieren auf Mensch gekommen

Aus seiner tierethologischen Arbeit heraus entwickelte das erste umfassende Lehrbuch der Ethologie, „Grundriss der Vergleichenden Verhaltensforschung“, das 1967 erschien. Gleichzeitig wuchs sein konkretes Interesse am menschlichen Verhalten. Mit seinem 1984 veröffentlichten Buch „Die Biologie des menschlichen Verhaltens“ legte er den Grundstein für die Humanethologie als eigenständige wissenschaftliche Disziplin.

Der österreichische Biologe Irenäus Eibl-Eibesfeldt

APA/Robert Jaeger

Eibl-Eibesfeldt forschte und schrieb noch im hohen Alter

Traditionelle Kulturen beobachtet und gefilmt

Grundlage für die Arbeit Eibl-Eibesfeldts waren zahlreiche Forschungsreisen zu traditionellen Kulturen unter anderem zu den Yanomami in Venezuela, den San in Botsuana und den Eipo in Neuguinea. Durch direkte Beobachtungen und Auswertungen der ungestellten Aufnahmen der Naturvölker entwickelte der Forscher seine Thesen über angeborene und erlernte Verhaltensweisen.

So entstand ein humanethologisches Filmarchiv, das heute über 300 Kilometer Film und 100 Stunden Videomaterial aus dem Alltagsverhalten in verschiedenen Kulturen umfasst.

These von universaler Grammatik

Zum Beweis seiner Theorie, dass jeder Mensch sein im Laufe der Evolution erworbenes Erbe in sich trage, untersuchte Eibl-Eibesfeldt auch taub und blind Geborene. Er belegte, dass sich auch bei diesen viele der typischen mimischen Ausdrucksbewegungen entwickeln, obwohl sie nahezu keine Möglichkeiten haben, vom sozialen Modell zu lernen. Der Wissenschaftler hat daraus auf eine universale Grammatik des Sozialverhaltens geschlossen, ein „Verhaltensprogramm“, das in den unterschiedlichsten Kulturen nach den gleichen Mustern abläuft.

Der österreichische Forscher Hans Hass startet zusammen mit Irenäus Eibl- Eibesfeldt 1953 mit dem Dreimastaschoner "Xarifa" von Hamburg aus zu einer Expedition in die Karibik.

picturedesk.com/dpa/Helmut Zindler

Eibl-Eibesfeldt unternahm gemeinsam mit Hans Hass eine Expedition zu den Galapagos-Inseln

Stadtethologie mitentwickelt

Von diesem Ansatz aus unternahm Eibl-Eibesfeldt auch den Schritt in Richtung Kulturethologie, etwa mit seinem Buch „Liebe und Hass. Zur Naturgeschichte elementarer Verhaltensweisen“ (1970). Ende der 1980er Jahre wandte sich der Wissenschaftler der „Stadtethologie“ und damit der Frage zu, wie der Mensch mit seinen angeborenen Verhaltensmustern in modernen Lebenssituationen umgeht. 1992 gründete er gemeinsam mit Karl Grammer das Ludwig-Boltzmann-Institut für Stadtethologie in Wien, dessen Themen heute im Department für Anthropologie der Universität Wien behandelt werden.

Mit seinen Theorien fand Eibl-Eibesfeldt vor allem bei Sozialpsychologen und Lerntheoretikern nicht immer ungeteilten Beifall. So wurde ihm „Reduktionismus“ und die Nichtbeachtung psychologischer und soziologischer Erkenntnisse vorgeworfen. Er begegnete solchen Vorwürfen meist damit, dass er seinen Kritikern das Erlernen biologischer Grundkenntnisse empfahl.

Seine Warnungen vor dem unkontrollierten Vermischen von Kulturen wurden vielfach von rechtslastigen Gruppierungen aufgenommen. Eibl-Eibesfeldt meinte selbst, „oft Beifall von der falschen Seite“ bekommen zu haben. Eibl-Eibesfeldt wurde vielfach ausgezeichnet - etwa mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland (1995) oder dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse (1998).

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