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„Bin Störfaktor für iranische Regierung“

Die iranische Künstlerin und Regisseurin Shirin Neshat hat mit ORF.at über weibliche Ikonen aus Ägypten, Frauenproteste im Iran und das Unstete als einzige Konstante gesprochen. Die Filmemacherin plädiert für eine Frauenquote in der Regie und übt heftige Kritik an Hollywood.

Geboren als Arzttochter im Iran, verließ sie mit 17 das Land, lebt heute im Exil in New York. 2017 inszenierte Neshat mit der „Aida“ in Salzburg ihre erste Oper. Und sie fühle sich auch der österreichischen Filmszene verbunden, sagt Neshat ORF.at.

Ägyptens komplexe Kultur

Ihr Spielfilmdebüt „Women without Men“ (Silberner Löwe 2009 in Venedig) filmte, ebenso wie das aktuelle Werk, der Wiener Kameramann Martin Gschlacht. Markenzeichen der fragilen Künstlerin: der markante Lidstrich wie aus dem alten Ägypten. Mit ihren Fotografien, Videos und Filmen versucht sie, starke Frauen aus dem Nahen Osten und deren Kultur dem westlichen Publikum näherzubringen: „Da ich selbst Künstlerin der Region bin, entwickelte ich eine Obsession für andere interessante Frauen des Nahen Ostens. Für die Ikonen der Arabischen Welt“, sagte sie ORF.at

Regisseurin Shirin Neshat

Rodolfo Martinez

Neshat: Fragile Künstlerin mit markantem Lidstrich als Markenzeichen und einem Faible für starke Frauen

Das spiegelt sich auch in „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ wider, Neshats zweitem Spielfilm: „In diesem Film wollte ich die moderne ägyptische Kultur zeigen - in all ihrer Komplexität, ihrem Glamour und ihrer Schönheit. Umm Kulthums Konzerte offenbaren, wie glamourös und modebewusst die Ägypter zu dieser Zeit waren. In den 30er Jahren für König Faruk bis in die 60er Jahre, für Präsident (Gamal Abdel) Nasser. Das zeigt einen von vielen Momenten der Größe in der ägyptischen Kultur, die heute übersehen werden.“

„Man muss zum Mann mutieren“

Das Filmgeschäft sei von Männern dominiert und physisch anstrengend, sagt Neshat. "Es ist hart, der Boss zu sein als Frau. Man muss zum Mann mutieren, darf sich nicht die geringste Schwäche leisten. Regisseurinnen müssten „vermännlichen“, um in der Branche erst genommen zu werden, "wenn sie nicht riskieren wollen, die Kontrolle zu verlieren. Das hat mir natürlich auch persönlich zu Schaffen gemacht“, so Neshat.

Die Belastung sei dreifach, als Frau, als Fremde im Exil, und als Mutter: „Als mein Sohn noch klein war und ich ihn wegen der Schule zu Hause zurücklassen musste, um zu arbeiten, kam ich mir vor, als hätte ich ihn verraten. Ich war Alleinerziehende. Verheiratete Männer in der Branche, die Kinder haben, müssen sich dank der Kindesmutter nie Sorgen machen, wo ihre Kinder während der Arbeit bleiben. Diese Erfahrung hat dazu geführt, dass ich starke Schuldgefühle entwickelt habe. Ich hatte mich für die Karriere entschieden.“

Frauenquote für die Weltrevolution

Die 61-Jährige plädiert für eine Frauenquote im Film: „Geschichten, die Männer erzählen, gelten als populärer beim Publikum. Vielleicht wegen mehr Entertainment oder Action. Doch auch Filme von Frauen waren erfolgreich in der Populärkultur. Vermutlich weil Frauen eigene Narrative einbringen. Gäbe es gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am Filmemachen, würde sich die Dynamik der Filme ändern, die wir im Kino in Zukunft sehen. Es gebe ganz neue Storys, die auch Unterhaltung bieten, aber auf einem psychologisch spannenderen Niveau. Emotionalere Geschichten, die Menschen stark ansprechen.“


Neda Rahamanian (Mitra) und Najia Skalli in "Oum Kulthum"

Filmladen Filmverleih

Wie Frauen männliche Machtdomänen erobern. Neshats alter Ego im Film, die iranische Exilregisseurin Mitra (Neda Rahamanian, l.), umkreist das Phänomen Umm Kulthum (Najia Skalli, r.)

Trotz des Aufbruchs nach „#Metoo" sieht sie keine fundamentale Reform im Film: „Es ist großartig, was sich schon alles verändert hat. Aber derzeit kann ich keine großartigen Chancen für Frauen im Filmgeschäft erkennen. Nur eine Regisseurin war oscarnominiert, Greta Gerwig mit ‚Ladybird‘“.

Selten werde eine Regisseurin, die so jung ist, nominiert. Aber hinter solchen Projekten stünden stets Schwergewichte in Hollywood. Einer der Gründe für den Erfolg von ‚Ladybird‘ ist sein Starproduzent, Scott Rudin. "Nicht jede Frau bekommt so eine Chance, da muss man schon sehr gute Beziehungen haben. Es kommt für Frauen immer noch darauf an, in welchen Netzwerken du aktiv bist, wie du aussiehst, wie alt du bist“, so Neshat.

Unrechtssystem Hollywood

Neshat übt heftige Kritik am „undemokratischen System Hollywood“, in dem ein Weiterkommen nur mit guten Beziehungen möglich sei: "Es hat strenge Hierarchien und ist voller Diskriminierungen, nicht nur des Geschlechts. Man muss die richtigen Leute an den Machthebeln kennen. Als jemand, der viel in Europa gearbeitet hat, der in Amerika lebt, aber nicht gebürtig ist, ist es schwer, den Durchbruch zu schaffen, egal ob man Frau oder Mann ist.“

Ihre Kunst hat Neshat einmal als „Waffe des Widerstandes“ bezeichnet: „Ich habe einen speziellen Platz in der Kunstwelt beider Welten: der iranischen und der westlichen Community. Es freut mich, dass mein Werk die Menschen anspricht, und auch außerhalb von Galerien und Museen eine Wirkung zeigt. Und dass es für die iranische Regierung ein gewisser Störfaktor ist. Das bestärkt mich.“

Sympathie für iranische Rebellinnen

Ihre Heimat, der Iran, befinde sich gerade in einer „hochsensiblen Phase“, sagt die Regisseurin. Weil es wieder mehr Aufruhr gebe, reagiere die Regierung mit Restriktionen, sagt Neshat in Bezug auf den Protest von Iranerinnen gegen das Kopftuch. "Doch je mehr sich die Restriktionen verschärfen, desto mehr Wege finden die Frauen, zu protestieren. Man sah zuletzt überall im Land Frauen, die ihre Schleier öffentlich fallen lassen. Ich finde das total faszinierend.“

In ihrem nächsten Projekt, „Dreamland“, steht eine weibliche Protagonistin erneut zwischen zwei Perspektiven: eine Iranerin in den USA. In der Existenz zwischen zwei Welten sieht Neshat ihre größte Stärke: „Wenn ich zurückblicke auf mein Werk, dann ist diese Dichotomie immer da. Psychologisch und politisch ging es bei mir immer um Konflikte zwischen Identitäten. Ich war erst 17 Jahre, als ich meine Heimat verließ, und daher nie lange genug an einem Ort, an dem alle gleich sind", so Neshat.

Und weiter: "Ich war stets an Orten multipler Kulturen, Sprachen, Religionen. Wo Menschen verschieden aussehen und denken. Das ist es, was meine Lebenserfahrung ausmacht, und das reflektiere ich auch in meinen Arbeiten. Dieses ständige zwischen den Welten sein, das ist die Konstante meines Lebens.“

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