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Die Diva von Kairo

„Nachtigall des Nils“ und „Stern des Orients“ waren blumige Umschreibungen für die Diva des Nahen Ostens, doch wer war Umm Kulthum wirklich? Die iranische Regisseurin Shirin Neshat begab sich für ihren zweiten Spielfilm „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ auf eine Spurensuche in die Vergangenheit.

Umm Kulthum war eine Machtinstanz der besonderen Art. Maria Callas war eine Verehrerin, auch Bob Dylan und Bono zählen zu ihren Fans. Geboren um 1900 unter dem Namen Fatma Ibrahim al-Sajjid al-Beltagi, zog sie als kleines Mädchen mit dem Vater, einem Dorfimam, durchs Niltal. Schon damals begeisterte sie mit ihrer Stimme. In der Pubertät musste sie sich als Bub verkleiden, da der Vater mit dem Heranwachsen der Tochter Bedenken bezüglich der Schicklichkeit bekam.

Nassers Geheimwaffe

Dem abenteuerlichen Beginn ihrer Karriere folgte der steile Aufstieg. Die Sängerin verkaufte mehr als 80 Mio. Tonträger. Als „Stimme Ägyptens“ wurde sie zum Nationalheiligtum. Ägyptens sozialistischer Präsident der 50er bis 70er Jahre, Gamal Abdel Nasser, war einer ihrer größten Fans. Er nannte sie „die vierte Pyramide Ägyptens“ und seine „Geheimwaffe“.

Yasmin Raeis in "Oum Kulthum"

Filmladen Filmverleih

Ägyptens vierte Pyramide oder rätselhaft wie die Sphinx? Die legendäre Sängerin Umm Kulthum wird im aktuellen Film von Jasmin Raeis dargestellt. Die Regisseurin schuf kein Biopic, sondern eine reflexive Annäherung an ein Phänomen

Bei ihrem feierlichen Staatsbegräbnis 1975 säumten Millionen Trauernde die Straßen von Kairo, jener Stadt, in der Kulthum reich und berühmt wurde. Dylan machte ihr 1978 in einem „Playboy“-Interview eine Liebeserklärung. Er habe zum ersten Mal von ihr gehört, als er in Jerusalem war, seither liebe er ihre Musik: „Sie ist im gesamten Nahen Osten populär, auch in Israel. Sie singt Liebeslieder und gebetsähnliche Songs, meist begleitet von Violinen und Trommeln. Sie ist bereits verstorben, aber unvergessen. Sie ist großartig, richtig großartig.“

Neshat legt mit ihrem Film kein Biopic vor, sondern umkreist „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ das Phänomen auf poetische Weise und findet zu einer sehr persönlichen Reflexion der Künstlerin. Das Ergebnis ist ein Film im Film über drei starke Frauen: die iranische Exilregisseurin Mitra (Neda Rahmanian), die als Neshats alter Ego einen Film über Umm Kulthum dreht. Die Sängerin Ghada (Jasmin Raeis), die dem Star Gesicht und Stimme verleiht, und Umm Kulthum selbst, im Film dargestellt von Najia Skalli. Doch die Dreharbeiten eskalieren. Sabotage und Selbstzweifel drohen, das Projekt zum Scheitern zu bringen. Kann die Regisseurin dem Mythos der Übermächtigen gerecht werden?

Sängerin auf „Staatsbesuch“

Neshat, die als Foto-, Video- und Filmkünstlerin bekanntwurde, beschreibt den historischen Background der Diva so: „Umm Kulthum wurde in eine hochsignifikante Periode Ägyptens hineingeboren. Zwischen 1900 und 1975 befand sich Ägypten auf dem Weg von der Monarchie König Faruks über die Britische Intervention hin zur sozialen Revolution 1952 und Nasser. Dann kann der Krieg mit Israel und Ägyptens Niederlage. In dieser Zeit wurde sie zu einer Art Königin Ägyptens. Bei Aufenthalten in anderen Ländern wurde sie wie ein Staatsbesuch mit Pomp empfangen. Als wäre sie mit Präsident Nasser verheiratet.“

Im Nahen Osten wird die Sängerin bis heute verehrt: Während der Revolution in Ägypten, dem „arabischen Frühling“, auf dem Tahrir-Platz, sei ihre Musik aus jedem Lautsprecher geklungen, so Neshat. „Es ist irgendetwas an ihr, das den Menschen ein gutes Gefühl gibt. Ein Gefühl der Liebe und des Friedens, sie verkörpert all das Gute der Menschheit, wie keine andere zuvor oder danach.“

Miteinander in Konflikt stehende Kräfte habe sie unvergleichlich leicht ausbalanciert: „Vor allem die Anti-Israel-Fraktion mag es nicht, wenn ich das sage. Aber die Wahrheit ist: Ihre späten Jahre widmete sie der Solidarität zur Panarabischen Einheit. Sie wurde zum Symbol der Einheit, sie performte auch in Israel. Viele Isrealis sagen, sie hegten schon von Kindesbeinen an eine Obsession für sie. Ebenso ist es in der arabischen Welt und sogar im Iran.“

Friedenssymbol für den Nahen Osten

Mit ihrer Kunst habe Kulthum Menschen aus verschiedenen politischen Lagern, unterschiedlichen sozialen Schichten und Konfessionen begeistert, sagt Neshat. Bei aller Weltlichkeit habe sie eine gewisse Religiosität verströmt und auch gläubige Muslime respektvoll behandelt. Sie selbst wiederum habe den Respekt von Israelis und Arabern genossen, was sie zu einem Friedenssymbol im Nahen Osten gemacht habe, so Neshat. 2012 wurde in Jerusalem eine Straße nach ihr benannt.

„Wenn es etwas gibt, auf das sich der gesamte Nahe Osten einigen kann, dann ist es Umm", satt Neshat. Selbst innerhalb der Muslime gebe es keine Diskussion: "Egal ob Fundamentalist oder säkularer Muslim: Alle lieben Umm. Und nicht nur Muslime. Sie ist bis heute das einzige und wichtigste Symbol der Einheit und des Friedens, durch die Macht ihrer Musik.“

Karrieretechnisch ihrer Zeit voraus

Die Umstände von Kulthums Aufstieg zur „Stimme Ägyptens“ blieben für Neshat teilweise im Verborgenen. Es habe fast keine Primärquellen zum Auswerten gegeben, so die Filmemacherin, Kulthum selbst habe sich nur sehr selten zu ihrer Karriere geäußert.

In Neshats Interpretation führte sie ein Leben, das eher einer männlichen Biografie zugeordnet wurde: Neshat glaubt, dass die Karriere der Sängerin auf sehr moderne Art und Weise bis ins kleinste Detail von ihr durchorchestriert wurde: „Sie war war sehr intelligent und wusste genau, was sie wollte. Der übliche Konflikt zwischen Mutterrolle, Job und Partnerschaft stellte sich gar nicht."

Sie habe auf ihre Karriere fokussiert und ein Leben gewählt, das komplett gegen jede Tradition gewesen sei: „Sie hat auf Kinder verzichtet, agierte in einer Welt voller Männer. Ihre Sexualität ist gar kein Thema. Ihr Privatleben hielt sie immer sehr bedeckt, sprach kaum darüber in der Öffentlichkeit. Das war eine der Schwierigkeiten, die ich bei der Recherche hatte. Ich fand kaum aussagekräftige Quellen. Bei einem Heiligtum, wie sie eines geworden war, ist es tabu, ihr Privatleben oder gar ihr Sexualleben öffentlich zu thematisieren.“

Trancezustand

Besonders stark waren die Auftritte der Sängerin. Ihre Konzerte dauerten lange, einzelne Lieder zogen sich manchmal über zwei Stunden. „Sie soll ihrem Orchester und den Musikern gegenüber extrem dominant gewesen sein, da würde man einen kalten, stoischen und berechnenden Menschen dahinter vermuten. Aber andererseits war ihre musikalischer Ausdruck derartig emotional, dass es das Publikum völlig überwältigt hat. Die Menschen fielen in eine regelrechte Ekstase, vergaßen Zeit und Raum", sagt Neshat.

Yasmin Raeis in "Oum Kulthum"

Filmladen Filmverleih

Oum Kulthum war ein gefeierter Star Ägyptens. Doch geboren wurde sie bettelarm. Ein Grund für ihre Popularität war ihre Volksnähe: Ihre einfache Herkunft vergaß sie bei allem Ruhm und Reichtum nie.

Es gebe dafür einen eigenen Ausdruck in Arabischen, der beschreibe, dass die Leute in eine Art Trancezustand durch die musikalische Erfahrung gelangten, wie es die Derwische in ihrem Tanz erleben, so Neshat: „Ihr Publikum erfuhr durch ihre Musik eine spirituelle mystische Erfahrung, die man fast als orgasmisch bezeichnen kann.“

Ein privater Raum

Die Sängerin hatte laut Neshat Vertraute, die immer spezielle Sitze in der ersten Reihe reservierten, auf deren Anwesenheit sie sich verlassen habe. Schwäche habe sie in der Öffentlichkeit niemals gezeigt und sich auch gar nicht leisten können. Während ihrer Recherchen sprach Neshat mit einem Cousin und anderen Verwandten der Diva.

Diese erzählten ihr, Kulthum hätte in ihrer Villa einen privaten Raum im Erdgeschoß gehabt. War sie verzweifelt oder deprimiert, habe sie sich tagelang in dem verdunkelten Raum eingeschlossen. „Allein. Niemand durfte hinein, außer das Zimmermädchen. Sie hat also durchaus gelitten, sehr oft und aus verschiedenen Gründen, aber niemals durfte das jemand beobachten. Denn sie wollte ein anderes Bild von sich in der Öffentlichkeit: als Fels in der Brandung.“ Fazit: „Ihr Erbe, das, was sie uns hinterlassen wollte, war ihr wichtiger als die materielle Welt oder ihr persönliches Leben.“

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