ÖSV entlastet: Werdenigg ortet Vertrauensproblem

Die vom Österreichischen Skiverband (ÖSV) im November als Reaktion auf die auftauchenden Missbrauchsvorwürfe eingesetzte Expertenkommission sieht keine Hinweise auf systematischen sexuellen Missbrauch und sexuelle Gewalt innerhalb der Verbandsstrukturen. Das wurde gestern bei einer Pressekonferenz verkündet.

Ex-Rennläuferin Nicola Werdenigg, die im vergangenen Jahr mit dem Hinweis auf eine Vergewaltigung durch einen Mannschaftskollegen und einen Trainer die Debatte ausgelöst hatte, sagte am Abend in der ZIB2, es sei von vornherein klar gewesen, dass es bei einer unter ÖSV-Flagge aufgestellten Kommission ganz schwierig sein werde, dass sich dort Athleten und Athletinnen selbst melden würden. „Offensichtlich war es einfach eine Vertrauensfrage.“ Auch in ihrem Fall sei das Vertrauen dorthin nicht so groß gewesen wie zu staatlichen Einrichtungen.

Kritik an Einheit von Meldestelle und Kommission

„Das System, in dem das passiert ist, ist in diesem Fall nicht der geeignete Ansprechpartner, zu dem man vertrauen haben kann“, sagte Werdenigg. Bei dem von ihr mitgegründeten Verein #WeTogether, Institut zur Prävention von Machtmissbrauch im Sport, hätten sich hingegen sehr wohl zahlreiche Menschen - auch ganz junge Fälle - gemeldet. Und zwar rund 50 bis 60 Personen aus dem Sportumfeld und aus dem Skiumfeld 30 bis 40 Personen, die Kontakt aufgenommen hätten und sich teilweise auch namentlich gemeldet hätten.

Zu einem konkreten Fall aus dem Jahr 2005 habe sie mit der Betroffenen Kontakt, betonte Werdenigg. Die Zusammenarbeit mit der Landespolizeidirektion in Tirol sei gut gewesen und Namen seien bekannt, auch bei der Staatsanwaltschaft. Sie sehe die Notwendigkeit, solche Dinge in einem rechtsstaatlichen Verfahren aufzulösen. Auf der einen Seite sei man eine Meldestelle und gleichzeitig Kommission zum Aufarbeiten. „Das ist normal nicht üblich.“

Machtmissbrauch nicht nur im „ÖSV“

Man dürfe den ÖSV nicht als alleinigen Schuldigen hinstellen. „Aber es war wichtig, dass er angesprochen wurde.“ Aus internationalen Studien sei bekannt, dass gewisse Strukturen im Sport vorhanden seien, die Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt fördern würden. „Wir haben Fälle im Schwimmen, Volleyball, Judo, Eislaufen, Turnen. Der Skiverband ist eine Struktur davon, in der es genauso stattfinden kann.“

Klasnic: „Ohne ÖSV-Einflussnahme“

Die ehemalige steirische Landeshauptfrau Waltraud Klasnic hatte zuvor bei der Pressekonferenz in ihrer Funktion als Vorsitzende des Expertenbeirats gesagt, es seien keine Fälle gemeldet worden. „Außer dass es vieles an Anrufen und Mails gab, aber es ist immer anonym gewesen.“ Nur bei einem konkreten Fall sei vor zwei Jahren ein zugekaufter gewerblicher Masseur übergriffig geworden.

Klasnic betonte, dass unabhängig und ohne ÖSV-Einflussnahme gearbeitet worden sei. Es habe anonyme Hinweise auf mögliche Missstände im ÖSV in den 1980er Jahren und früher gegeben, denen sei so gut wie möglich nachgegangen worden. ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel atmete ob der Ergebnisse der Untersuchungen durch. „Was uns vorgeworfen wurde, stimmt einfach nicht“, sagte der 76-Jährige. Er hoffe, dass die Untersuchungskommission beispielhaft werde. „Wir wollen ein Leuchtturmprojekt sein für die Zukunft“, sagte der ÖSV-Chef.