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Die Vorzüge der „Pseudo-KI“

Künstliche Intelligenz ist längst fixer Bestandteil der IT-Branche. Doch egal ob „smarte“ Assistenten oder komplexe Bilderkennung: Die Systeme sind oft teuer und erfordern Wissen von Expertinnen und Experten. Vor allem viele Start-ups greifen daher auf herkömmliche Arbeitskräfte zurück - und gaukeln Kundinnen und Kunden künstliche Intelligenz (KI) nur vor.

So oder so spielt der Mensch bei künstlicher Intelligenz eine zentrale Rolle. Denn die komplexen Computersysteme, die selbstständig in der Lage sind, etwa Gegenstände auf Bildern zu erkennen und Filme nach dem Geschmack der Nutzerinnen und Nutzer vorzuschlagen, müssen normalerweise erst mit Daten befüllt und ausgiebig trainiert werden - ein Vorgang, bei dem Menschen unverzichtbar sind.

Das ist teuer, aufwendig und wird meistens erst bei besonders hohen Nutzerzahlen profitabel - mit ein Grund, warum Internetriesen wie Google auf dem Gebiet den Ton angeben. Doch künstliche Intelligenz ist längst Teil der Marketingmaschine, die Produkte aus der IT bewirbt. Damit werden auch Start-ups gezwungen, beim Hype um die künstliche Intelligenz mitzumischen, selbst wenn das vielleicht nicht in das Budget des Unternehmens passt.

Unternehmen „überspringen technische Hürden“

Um diesem Dilemma zu entkommen, lassen einige Unternehmen statt Maschinen Menschen die Aufgaben der künstlichen Intelligenz übernehmen. Im Gespräch mit dem britischen „Guardian“ sagte der Firmenchef des IT-Unternehmens ReadMe, dass „Pseudo-KIs“ durchaus häufig zum Einsatz kommen. „Einen Menschen die Arbeit erledigen zu lassen, erlaubt Firmen, eine Menge technischer und unternehmerische Hürden zu überspringen. Es ermöglicht ihnen, etwas auf die Beine zu stellen und den schwierigen Teil fürs Erste zu überspringen“, so Gregory Koberger.

In der Branche wurden in der Vergangenheit einige Fälle aufgedeckt, bei denen Firmen auf menschliche Hilfe zurückgriffen, obwohl sie ihre Dienste als „smarte“ künstliche Intelligenz bewarben. So etwa das US-Unternehmen Expensify, das unter anderem die automatisierte Verwaltung von Rechnungen bewirbt. Details wie Kosten, Daten und Verkäufer sollen von einem abfotografierten Rechnungszettel erkannt werden.

Dateneingaben fernab des Mindestlohns

Im November des Vorjahres wurde jedoch bekannt, dass die als „SmartScan“ beworbene Technologie auch auf Menschen zur Erkennung der Daten zurückgreift. Aufgeflogen war das Vorgehen des Unternehmens durch einen Eintrag auf der Plattform Mechanical Turk (MTurk), auf den die MTurk-Nutzerin Rochelle LaPlante hinwies. Sie konnte etwa Rechnungen von Uber-Fahrten samt Zieladresse einsehen.

„Schachtürke“

Der „Mechanical Turk“ (deutsch: „Schachtürke“) war ein angeblicher Schachroboter, der im 18. Jahrhundert von einem österreichisch-ungarischen Mechaniker gebaut wurde. Das Publikum sollte glauben, dass das Gerät selbstständig Schach spielen kann - tatsächlich versteckte sich darin aber ein menschlicher Schachspieler.

Mechanical Turk, kurz MTurk, ein Dienst des Versandhändlers Amazon, beschreibt sich selbst als „Marktplatz für Arbeit, die menschliche Intelligenz erfordert“. In der Praxis bedeutet das, dass kleine Aufgaben, etwa das Abarbeiten von Listen oder eben das Eingeben von Rechnungsdaten, von Menschen erledigt wird - und das zu einem absoluten Mindestlohn. Eine US-Studie ergab, dass Arbeitskräfte im Mittel zwei US-Dollar (rund 1,70 Euro) pro Stunde durch die Aufgaben des Amazon-Dienstes verdienen.

Auch Facebook, das kräftig in künstliche Intelligenz investiert, ließ für seinen digitalen Assistenten „M“, der dieses Jahr eingestellt wurde, Menschen aushelfen. Der „Guardian“ nennt als Beispiel auch zwei Anbieter von Onlinekalendern, hinter deren „Chat-Bots“ Arbeiter in Zwölfstundenschichten die Aufgaben der Nutzerinnen und Nutzer erledigte.

Unternehmen konnte bei Google-Nutzern mitlesen

Neben den zweifelhaften Arbeitsbedingungen ist diese Vorgehensweise vor allem auch für den Datenschutz bedenklich. Für Schlagzeilen sorgte ein entsprechender Dienst erst vergangene Woche: Wie das „Wall Street Journal“ berichtete, erlaubten manche Anwenderinnen und Anwender von Googles E-Mail-Dienst Gmail ausdrücklich auch anderen Unternehmen, auf ihre Mails zuzugreifen.

Was vielen Usern im Voraus nicht bewusst gewesen sein dürfte: Die Verarbeitung von E-Mails geschieht offenbar nicht komplett automatisiert. So wurde bekannt, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Edison Software - ein Unternehmen, das eine E-Mail-App für iPhones entwickelt - „Tausende“ E-Mails von Gmail-Nutzern lesen konnten. Zwar wurden die Identitäten der Nutzer geschwärzt, die Inhalte waren aber sichtbar.

Umgang mit KI auch ethische Frage

Die Vorgehensweise ist auch im Gesundheitswesen ein Thema: Forscherinnen und Forscher zeigten in einem Versuch, dass Menschen eher bereit sind, über Symptome und Probleme zu reden, wenn sie glaubten, mit einer künstlichen Intelligenz zu kommunizieren. Daraus ergibt sich ein ethisches Problem, Menschen würden damit bewusst irregeführt, so die Kritik.

Wer in der Technologiebranche vorne dabei sein will, kommt am Thema KI nicht vorbei - ein Trend, der sich auch in Zukunft fortzusetzen scheint. Solange Unternehmen nur mit einer begrenzten Anzahl an Daten umgehen, bleibt als wirtschaftliche Variante oft nur der Rückgriff auf günstige Arbeitskräfte. „Es ist im Prinzip ein Prototyp der künstlichen Intelligenz - mit Menschen“, so Koberger. Das sei „unehrlich und irreführend“, so LaPlante. Dass am anderen Ende der Leitung in manchen Fällen ein Mensch und keine Maschine sitzt, wird sich so bald nicht ändern - das sollten auch Nutzerinnen und Nutzer von vermeintlich „smarten“ Diensten bedenken.

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