Peter Patzak

Der Krüppel und die Verkrüppelung

Peter Patzak hat mit seiner „Kottan“-Serie Fernsehgeschichte geschrieben. Im Interview mit ORF.at erinnert er sich an die radikale Avantgarde der ersten TV-Jahre.

Patzak nennt sich einen „Zickzackpendler zwischen Wien und der amerikanischen Ostküste“. Noch heute, sagt der 67-Jährige im Gespräch mit ORF.at, hänge ihm eine gewisse Unentschlossenheit an, wohin er denn gehöre: nach Österreich oder New York. Daher habe er auch das, was sich in Wien filmisch getan hat, nicht immer aus der Innenperspektive mitbekommen. Bereits in den 60er Jahren arbeitete Patzak in New York an einer Reihe von Experimentalfilmen, nachdem er zur dortigen „Films of Art“-Show eingeladen wurde.

Patzak, der seit langen Jahren an der Wiener Universität für Musik und Darstellende Kunst Regie unterrichtet, hat mit der „Kottan“-Serie in den 1970er Jahren Fernsehgeschichte geschrieben, doch er ist auch genremäßig immer ein Pendler geblieben: vom Kino zum Fernsehen und - zuletzt mit der Kinoversion „Kottan ermittelt: Rien ne va plus“ (2010) - wieder zurück zur großen Leinwand, wobei er die Malerei nie aus den Augen verloren hat. „Eine ‚Kottan‘-Dramaturgie wäre damals im Kino gar nicht möglich gewesen, im sogenannten österreichischen Kommerzkino, wie es die Schönbrunn-Film und andere betrieben haben“, sagt der Filmemacher.

Deutsch-österreichische Humor-Unvereinbarkeit

Dann fällt ihm ein österreichischer Avantgardefilm ein, der heute als Klassiker gelten kann: Georg Lhotskys „Moos auf den Steinen“ (1968): „Das war für mich das erste Signal eines österreichischen Filmes - nach der Unterhaltungsware der Nachkriegszeit.“

Peter Patzak

kottan.info

Ansonsten habe das Fernsehen, nicht das Kino, anfangs Avantgarde bedeutet, befindet Patzak, der sich noch gut an den Herbst 1955 und die ersten Testsendungen erinnert. Und an die ersten Spielfilmproduktionen Erich Neubergs, Michael Kehlmanns und Axel Cortis: „Das waren wirklich handwerklich und inhaltlich wunderbar progressive Filme!“ Weniger gelungen seien viele Versuche verlaufen, einen österreichischen Stoff so zu verfilmen, dass er auch in Deutschland im Kino verwertbar ist. Patzak fällt hier „Magic Afternoon“ (1971) ein, ein Theaterstück von Wolfgang Bauer, das der Autor für die Münchener Bavaria selbst verfilmte. „Mit dem Andocken des österreichischen Humors an den deutschen und vice versa hat es einfach nicht funktioniert“, resümiert Patzak.

Hingegen habe es beim Historienfilm oder der Literaturverfilmung funktioniert - „und während der Hochzeit des Fernsehfilms hat es insofern total funktioniert, als die österreichischen Verhandler und Generäle – das sag’ ich jetzt zynisch oder liebenswert ironisch - es wirklich geschafft haben, dem ZDF zwei Drittel der Produktionskosten aufzuhalsen, ohne einen Einspruch über Form und Aussehen des Films zu bekommen“.

Butterweiche Direktorenbeine

Später sei es allerdings vorbei gewesen mit der Avantgarde beim ORF: „Es liegt nicht am Publikum, nicht an den Redakteuren, es liegt am Rückgrat der Generäle! In den 1970ern hat man Programm auch produziert und verdaut, wenn es bei den Kritikern nicht gut angekommen ist. Damals gab’s ja keine Quoten, sondern Anrufprotokolle. Und auch, wenn die katastrophal waren, hat man gesagt: Das ist eine gute Autorenschaft, das ist ein guter Film, wir stehen dazu! Ab dem Moment, wo die gekrümmten, die geknickten, die butterweichen Beine in die Direktionen eingetreten sind und die Quote entscheidend wurde, war’s aus.“

Und die Viennale? Mit dem Festival hat Patzak, der auf internationalen Festivals ausgezeichnet wurde, nie viel zu tun gehabt. Nur einmal sei ein Film von ihm dort gezeigt worden: „Es lebe die Liebe, der Papst und das Puff“. Ein fast surrealer Independent-Film, sagt Patzak rückblickend.

Die Filmstudenten kopieren einfach

Auf die Frage nach einem Muster, das sich motivgeschichtlich durch österreichische Filme zieht, überlegt Patzak lange und formuliert dann prononciert: „Die Thematisierung des Krüppels oder der Verkrüppelung. Das ist seit Horvath so. Von den ‚Geschichten aus dem Wienerwald‘ bis zum ‚Herrn Karl‘. Es sind die charakterlichen, geschmacklichen, moralischen Monstren, die den österreichischen Film beherrschen. Kein Film des sogenannten Neuen österreichischen Films ist von diesem Thema ausgeschlossen. Egal, ob es ‚Michael‘ ist, die neue Trilogie vom Seidl oder die Arbeiten meiner Studenten auf der Universität Wien, die diese filmischen Handschriften ja gar nicht erfunden haben, sondern einfach kopieren.“

Dann vollführt er, mit feiner Klinge, wie er sagt, noch einen kleinen Seitenhieb auf den Kollegen: „Wenn ich in einem Seidl-Film zwei übergewichtige Damen im Liegestuhl am Strand in Afrika beobachte, wie sie über die Form der Schamhaare der ‚Neger‘ sprechen, so sage ich: Diese Art der Originalität findet bei mir kein großes Interesse.“

Alexander Musik, ORF.at

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