„Ein gewisses Feuer entfachen“
ORF.at: Ich habe mir ein Zitat des Filmhistorikers Walter Fritz aus dem Jahre 1984 notiert, da heißt es: „Österreicher haben Österreich immer wieder vorgeworfen, dass es in diesem Land keine Filmkultur gibt, dass keine Diskussionsbasis zum Thema Film besteht. Das mag wohl stimmen.“ Wie kommt Fritz zu so einer Einschätzung?
Alexander Horwath: Wenn Sie 1984 in Österreich gewesen wären, würde Ihnen das nicht so fern erscheinen. Das war die Zeit, in der ich gerade anfing, als Kritiker für den „Falter“ und eine neue Filmzeitschrift, das „Filmlogbuch“, zu schreiben. Anfang der 80er Jahre war zwar gerade das Österreichische Filminstitut gegründet worden und damit eine offizielle Förderung des Kinofilms etabliert, aber das Klima und das Leiden unter bestimmten Umständen, unter einer mangelnden kritischen Diskussionskultur, und der mangelnde Wille derer, die in der Branche beschäftigt waren, überhaupt ihr Tun zu reflektieren, aber auch der geringe Output im Kinofilmbereich und dessen relativ schwache Qualität, zumindest aus meiner damaligen Sicht als junger Kritiker – das waren alles Argumente, die zu solchen Aussagen führen konnten.

APA/Viennale
Von 1992 bis 1997 war Horwath Direktor der Viennale. Hier im Bild mit Regie-Legende Martin Scorsese.
Man muss noch etwas zu dem Walter-Fritz-Zitat sagen: Es ist von 1984, und 28 Jahre später zeigt sich, dass mittlerweile auch der österreichische Kinofilm international einen sehr guten Stand hat – das kann man heute ohne die geringste chauvinistische Anwandlung feststellen.
ORF.at: Anlass zu Hoffnung gab es doch auch schon früher. Ich erinnere mich noch gut an den Auftritt Niki Lists in Saarbrücken beim Max-Ophüls-Festival, wo er 1983 mit „Malaria“ den Hauptpreis gewann. Das war doch schon eine Art Aufbruch, ein Markenzeichen für den österreichischen Film.
Horwath: Absolut. Schon in den späten 70er Jahren sind wesentliche Leute wie John Cook, Valie Export, Ernst Schmidt jr., Michael Pilz auch mit Kinofilmen hervorgetreten. Die sind alle, so wie auch Niki Lists erste Kurzfilme, von der so genannten „kleinen Filmförderung“ im Kulturministerium unterstützt worden. Der Aufbruch beginnt also schon in den 70er Jahren. Nach dem Entstehen des Österreichischen Filminstituts 1981 wurden dann nur mehr manche dieser Künstler gefördert, darunter auch Niki List. „Malaria" ist aber noch ganz privat und unabhängig entstanden ...“
ORF.at: Hatten da nicht Freunde Geld zusammengelegt?
Horwath: Genau, der war selbst finanziert. Das war auch der Streit zu diesem Zeitpunkt, der sich in der Aussage von Walter Fritz niederschlägt. Pointiert gesagt: Die eigentlich guten Filme waren meist die, die außerhalb der offiziellen Kinofilmförderung gemacht wurden. Und die, die nach den organisierten Kriterien des Filmfördergesetzes entstanden, erschienen sehr oft als blutleer, da fehlte irgendwie der Spirit. Filme wie „Malaria“ waren sehr wichtig, das waren einzelne Fälle, die gezeigt haben, dass es auch anders geht, durch individuelle Energie. Aber eine starke, selbstbewusste Tradition, wie sie heute existiert, gab’s damals noch nicht. Eher ein massives Mit-sich-selber-beschäftigt-Sein. Und auch noch kaum ein Gedanke daran, wie man die interessanten heimischen Arbeiten international besser sichtbar machen könnte.
ORF.at: Grabenkämpfe statt konstruktiver Diskussion?
Horwath: Ja, schon. Aber es war auch sehr lebendig. Es war halt die Zeit, wo man sich finden musste (lacht). Es gab zwei solche Phasen, die Jahre vor bzw. um 1980 und Mitte, Ende der 90er, als relativ geballt neue Talente hervorgetreten sind, darunter viele Frauen, die von der Wiener Filmakademie kamen – Barbara Albert, Jessica Hausner, Kathrin Resetarits, Ruth Mader oder Valeska Grisebach, die jetzt wieder in Deutschland lebt.
Das war ein generationeller Schub, da entstanden auch neue Produktionsfirmen. Es war vorher sehr schwer, eine Produktionsfirma zu gründen. Das war kein „freies Gewerbe“ und die Branche war stark von der Wirtschaftskammer und der Gewerkschaft dominiert. Nicht jeder konnte Filmproduzent werden. Das änderte sich erst Mitte, Ende der 90er Jahre. Darüber wurde nicht großartig berichtet, aber die Folgeerscheinungen sind offensichtlich: Plötzlich hatte Niki List seine eigene Firma, und viele andere Kreative haben es ihm gleichgetan. Seit dieser Zeit gibt es auch so etwas wie eine professionelle Präsentation und Kommunikation, eine gewisse Grundqualität rund um den österreichischen Film.
ORF.at: Die Zeiten der Stadthallenfilmproduktion sind jedenfalls vorbei, wo die Stadt Wien versucht hat, Filmproduzentin zu spielen?
Horwath: Beziehungsweise war damals die Zeit dafür schon definitiv vorbei. Man hätte sich das noch vorstellen können, als das „Rote Wien“ am Höhepunkt war, Ende der 1920er Jahre. Damals hatten sich die Bedingungen des sozialen Lebens in Wien in kürzester Zeit stark verändert, und es gab daneben auch gewisse sozialpädagogische Versuche, die Alltagskultur und das Kino im Sinne der Arbeiterbewegung zu prägen. Das neue Medium Tonfilm war dafür sehr geeignet und wurde in anderen Ländern Europas auch in diesem Sinne genutzt.
Aber in Wien blieb das auf der Ebene der Spielstätten stecken, und auch das war eher kommerziell motiviert: Die Stadt wurde über die kommunale Kiba-Kette schlicht zur größten Kinounternehmerin. Als dann in den 60er Jahren die Kinokrise Wien erreichte und auch die Filmproduktion stark zurückging, dachte die Stadt Wien offenbar, sie könnte einspringen und der ganzen Branche helfen, indem sie selber Filme produziert. Das war ja, wie Sie sicher wissen, ein Riesenflop ... und ein Kuriosum.
ORF.at: So könnte man auch die Anfänge der Viennale, deren Direktor Sie ja später wurden, begreifen: Oder war das „Festival der Heiterkeit“, wie es einst hieß, kein Kuriosum?
Horwath: Es war wohl auch der Versuch, sich eine spezifische Identität als Festival zu geben, sich zu definieren, zu einer Zeit, wo es schon eine Reihe etablierter internationaler Filmfestivals gab. Da kann man nur noch spekulieren, was sich die Gründer vorgestellt haben. Vielleicht die Idee, dass der Wiener Humor weltweit so bekannt ist, dass er ein komödiantisch ausgerichtetes Festival rechtfertigen würde. Oder, im Kontext des Kalten Kriegs, ein Festival, das über die Mittel des Humors Ost und West zusammenbringt. Es war sicher ein Markenzeichen der ersten 15, 20 Viennale-Jahre, dass relativ viele Werke aus den östlichen Nachbarstaaten gezeigt wurden, die man in NATO-Staaten nicht so einfach sehen konnte.
ORF.at: Welche Akzente wollten Sie dem Festival geben?
Horwath: (seufzt) Das kann man nicht so einfach sagen, weil vieles auch in der Luft lag, das sowieso passiert wäre. Die Stadträtin Ursula Pasterk kam im Frühjahr 1992 eher unerwartet auf mich und Wolfgang Ainberger, der vom ORF kam und mit den „Kunst-Stücken“ ein angesehenes Programm gemacht hat, zu und fragte, ob wir die Viennale leiten würden. Das Ziel war eindeutig, das Festival zu konsolidieren und eine starke Ausstrahlung sowohl auf die Stadt selber zu erreichen als auch auf die internationale cinephile Community. In diesen Jahren ist in gewisser Weise das Grundmodell entstanden, das die Viennale noch heute mit sehr viel Erfolg pflegt.
ORF.at: In der hauseigenen Viennale-Historie kommen Sie sehr positiv weg als jemand, der viel frischen Wind in das Festival gebracht hat.
Horwath: Das war auch eine Frage des Alters! Ich war 27, als ich begonnen habe. Und es war eine relativ glückliche Situation, weil in mehreren Bereichen des Films eine neue Generation sichtbar wurde, im Publikum, bei der Kritik, bei den Filmemachern. Ainberger und ich hatten 1992 den Eindruck, dass sich auch viele andere Menschen, so wie wir, ein Ende des braven, behäbigen, gutbürgerlichen Festivalmodells wünschten, wie es international in den 80er Jahren noch weit verbreitet war.
Das etwas aufzumischen, war sicher ein Hauptziel. Dazu musste man aus dem mittleren Segment des „kultivierten“, literaturorientierten Films a la Künstlerhauskino ausbrechen. Es ging darum, die Gattungen aufeinanderprallen zu lassen und das Festivalspektrum zu erweitern, sowohl in Richtung Avantgarde-, Essay-, Dokumentarfilm als auch in Richtung populäres Kino inklusive Horrorfilm, asiatische Filmgenres usw. – und bisher wenig beleuchtete Zonen der Filmgeschichte stärker einzubinden, auch über bestimmte Festivalgäste.
Wir wollten einfach ein gewisses Feuer entfachen, eine Idee von Film, die offen ist, auch gegenüber dem Gesellschaftlichen und den anderen Künsten, und die sich nicht in einem Zelebrieren der jeweils „eigenen“ Geschmacksrichtung erschöpft – egal, ob es der connoisseurhaft abgegrenzte Konsum von minimalistischen Kunstfilmen ist oder von „subversiven“ Blut- und Beuschel-Filmen.
Ich wollte das damals bewusst nicht länger als fünf Jahre machen; ich hatte immer Moritz de Hadeln vor Augen, als mein persönliches Sinnbild der Versteinerung eines Filmfestivals. Der war meinem Gefühl nach schon immer und ewig Berlinale-Direktor, und immer hat’s gleich ausgeschaut. Das ist garantiert unfair, aber es war das Motiv für meine jugendliche und etwas übertriebene Sorge, dass man sich ja nicht wiederholen dürfe und dass man irrsinnig aufpassen muss, bevor eine Sache, die man macht, zu routiniert oder zum Selbstläufer wird.
Das Interview führte Alexander Musik, ORF.at
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Publiziert am 17.10.2012

