Michael Glawogger

Verspieltheit, Ironie und Härte

Michael Glawogger („Megacities“, „Whores’ Glory“) ist einer der profiliertesten österreichischen Filmemacher. Er erzählt im Gespräch mit ORF.at von cineastischen Ausbrüchen und von der Provinz.

Glawoggers essayistische Dokumentationen über die globalisierte Arbeitswelt, „Megacities“, „Workingman’s Death“ und zuletzt „Whores’ Glory“ wurden international ausgezeichnet. Immer wieder bricht der reisende Filmemacher aus seinem Dorf südlich von Wien mit der Kamera in die Welt auf.

An bestimmten Tagen macht Michael Glawogger Station in Wien – wenn Arbeitsbesuche anstehen. Dann verlässt er sein Dorf, Pitten in der Buckligen Welt, das alte Haus, den großen Garten. Meistens ist er allerdings überhaupt nicht da, weil er wieder einmal mit der Kamera in aller Welt unterwegs ist. Ein reisender Filmemacher? „Ja, das trifft es schon“, bestätigt Glawogger im Gespräch mit ORF.at.

Glawogger

Tommy Pridnig

Glawogger: „Das Leben ist zwar oft düster, dunkel und hart zu nehmen, aber immer auch mit einem Augenzwinkern.“

Bevor er zum Filmemachen kam, hat der gebürtige Grazer den Filmclub „Kiz“ in seiner Heimatstadt mitbegründet. „Wir haben Filme gezeigt in den Hörsälen der Stadt oder nach der letzten Vorstellung in den normalen Kinos, dafür war in dieser Zeit ein starkes Bedürfnis da. Wir haben volle Häuser gehabt, wann immer wir das gezeigt haben, das war teilweise sehr politisch, das waren aber auch Retrospektiven von Gustav Wilhelm Pabst, von Werner Herzog und russisches Kino. Da war nichts Österreichisches dabei - es gab nix.“ In jenen Jahren genoss Glawogger als Vorführer und Kassierer im „Kiz“ seine filmische Erziehung, damals entstand auch der Traum, selbst Filme zu machen.

Der 53-Jährige studierte in den 1980er Jahren an einer Kunstschule in San Francisco und danach in Wien Film. Am stärksten wahrgenommen habe er den österreichischen Film – und zwar den Experimentalfilm - im Ausland. „Auf dem Art College in San Francisco wurde man als Österreicher mit großen Augen angeschaut, weil die Österreicher irgendwie Pioniere dieser Art des Filmemachens waren.“

Peter Kubelka und Willi Forst

Peter Kubelka nennt Glawogger denn auch als den für ihn wichtigsten österreichischen Filmemacher, neben Willi Forst. Für Glawogger ist der Wiener Publikumsliebling aus den 1920er und 30 Jahren („Zwei Herzen im Dreivierteltakt“) ein „großer stilistischer Meister und auch im Fach Regie ein Meister. Wie Peter Kubelka. Das sind vielleicht zwei sehr divergierende Meister, aber da wird’s dann auch gleich sehr persönlich, weil genau diese beiden Stränge finde ich hochinteressant“, so Glawogger.

Die Stärke des österreichischen Films

Der Regisseur spricht lieber von der Stärke des österreichischen Kunstverständnisses. Ihm fällt als Erstes die Fähigkeit zur Ironie ein: "Das Leben ist zwar oft düster, dunkel und hart zu nehmen, aber das immer auch mit einem Augenzwinkern. Ich mag Sachen nicht an der Kunst und am Film, die aus Stein gemeißelt sind. Ich mag sehr gern, wenn die österreichische Mentalität da reinschlägt. Wenn ich die „Afrikareise" von Kubelka als ein Meisterwerk der österreichischen Filmgeschichte zitieren würde, dann auch wegen ihrer Verspieltheit, Ironie, aber auch ihrem harten Zugang. Da sind wir gleich am Gipfel des österreichischen Films angelangt“, erzählt der Regisseur.

„Das ist etwas, das sich auch später in verschiedensten Facetten wiederfindet. Auch bei Seidl, wo es eine Härte gibt, aber zugleich eine interessante Ironisierung. Ich glaube, Kunst wird immer nur dann schlecht, wenn sie moralistisch oder aktionistisch wird. Also, wenn der Dokumentarfilm von Aktivisten gemacht wird oder wenn der Spielfilm den Zeigefinger hebt, dann ist das für mich schlechte Kunst.“

„Feel bad movies from Austria“

Dass diese spezielle Spielart der Ironie gerade im Ausland geschätzt werde, damit sage er ja nichts Neues. "Das hat sich von Kubelka fortgesetzt zu Tscherkassky, Arnold und anderen Experimentalfilmern. Genauso ist es im Spiel- oder Dokumentarfilmbereich, wo die Leute im Ausland auch sehr hofiert werden. Ob das Filme von Geyrhalter, Seidl und mir sind oder Meisterwerke wie „Himmel und Erde" von Michael Pilz. Das hat einen Ruf! Ich mag darüber aber nicht jammern, denn es ist ja auch nicht so, dass wir hierzulande nicht wahrgenommen würden.“

Glawogger erinnert in diesem Zusammenhang an eine Retrospektive des österreichischen Films in New York unter dem Titel „Feel bad movies from Austria“. „Das passt schon irgendwie“, sagt er freundlich lachend. Schließlich gebe es gerade im Dokumentarfilm schon eine österreichische Handschrift. „Seidl, Geyrhalter und ich, wir haben sie ja erfunden, irgendwie. In der Hinsicht, dass wir eine eigenständige Art des Dokumentarfilms, die sonst seltener auf der Welt geworden ist, hochgehalten haben.“

Alexander Musik, ORF.at

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