Die Kraft des wahren Heldentums
Der amerikanische Süden ist seit Mark Twain und William Faulkner so etwas wie die Sonderzone für spezielle Familiengeschichten. Mit „The Dynamiter“ und dem irgendwo im südlichen Middle of nowhere angesiedelten Ort Glen Allen, Mississippi, schließt der junge US-Regisseur Gordon eng an diese Tradition an.
Er konzentriert sich mit klarem Blick und gestützt durch die nuancierte Musik von Casey Immoor in seinem Spielfilmdebüt auf den Kampf des 14-jährigen Robbie Hendrick (William Ruffin) um das Ideal von Familie, direkten Beziehungen und im Grunde wahrer, ewig anhaltender Liebe. Gleich zu Beginn macht er eine besondere Beziehung sichtbar: die zwischen Robbie und seinem deutlich jüngeren und wenig wendigen Halbbruder Fess (John Alex Nunnery).

Elysium Films
Brothers in arms: Robbie und Fess
Der jüngere Bruder folgt dem älteren fast blind im Weg durch die abendliche Feldlandschaft. Fast ein Idyll könnte man meinen, doch sobald der Film Robbie in die Schule folgt, wird klar: Robbie kämpft so gut wie mit allem; mit seinen Schulkameraden ebenso wie mit den Schulautoritäten. Robbie steht am Rand der Gesellschaft, und nur mit blanker physischer Kraft wird er sich gegen diese zeitweilig wehren können.
Ein Sommer auf Bewährung
Ein Sommer auf Bewährung steht ihm schließlich ins Haus. Nachdem er beim Stehlen erwischt wird, stellt ihm Direktor Curtis (Layne Rodgers) eine Aufgabe über den Sommer, damit Robbie doch den Weg auf die High School schaffen kann. Er muss einen großen Essay über sein Leben in diesem Jahr schreiben. Doch der Essay ist das Leben selbst. Robbie muss von morgens bis abends seine Großmutter und den kleinen Halbbruder durch den Tag bringen. Die Mutter ist nach Kalifornien abgehauen und schreibt dem ältesten Sohn kryptische Postkarten, die eine baldige Rückkehr versprechen.
Und dann taucht im brüchigen Familienkreis auch noch der ältere Bruder Lucas (Patrick Rutherford) auf, einst das große Rolemodel für den muskulösen Robbie. Doch Lucas, der einst umschwärmte Quarterback aus High-School-Tagen, stellt sich als Niete heraus - und in dem Moment, wo Lucas die alten Blutsbande beschwört, zugleich aber den Halbbruder Fess verstoßen will, ist für Robbie der Faden gerissen. Noch einmal versucht er, auch ohne Lucas zurechtzukommen und durchs Leben zu kommen. Doch die Schule, die Behörden, rücken dem fragilen Familiengefüge näher. In dem Moment, in dem Robbie Fess in sicherer Pflege weiß, wagt er die Selbstbefreiung. Kraftstoff für seine Utopie: die Ahnung, dass sich die Liebe im Leben finden lässt.
Epos ohne Pathos
In eindrücklichen Bildern schafft Gordon seine Erzählung, die ohne jedes Pathos eine Form von Heldentum schildert, das in ganz kleinen Bereichen zwischen den Menschen schlummert. Sein Held ist spröde, verzweifelt - und zugleich immer ein Stehaufmännchen. „The Dynamiter“ entwickelt seine Kraft aus dem Vertrauen auf innere, unverdorbene Werte. Dass das nicht zum Kitsch verkommt, ist die große Leistung dieses Films.
Selbst das Morgen- und Abendlicht, in dem die Filmszenerie badet, führt nie zur Verblendung. Immer blickt Gordon seinem Long Distance Runner in Gesicht und Augen. William Ruffin spielt Robbie mit großer Überzeugungskraft, da mit unglaublicher Direktheit. Hier scheint ein Regisseur seinen Helden auch machen zu lassen, ohne dabei den Tonfall der Erzählung zu verlieren.
Filmhinweis
„The Dynamiter“ wird im Rahmen der Viennale am 4.11. um 23 Uhr im Stadtkino und am 6.11. um 15.30 Uhr im Gartenbaukino gezeigt.
Ein Epos in nur 73 Minuten und eine tief ausgeleuchtete soziale Welt zeigt „The Dynamiter“. Der Film hat Potenzial, eine Art stiller Publikumsliebling der heurigen Viennale zu werden. Zahlreiche Festivals haben Gordon im vergangenen Jahr eingeladen. In Durban wurde der Film 2011 mit dem Preis für den besten Spielfilmserstling ausgezeichnet, in Deauville gab es beim Filmfestival 2011 den Preis der Jury für „The Dynamiter“.
Gerald Heidegger, ORF.at
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Publiziert am 18.10.2012

