Szenenbild aus "O Som Ao Reador"

Kratzer im Lack der Mittelschicht

„O Som Ao Redor“ - zu Deutsch „Umgebungsgeräusch“ - ist der erste und lang erwartete Film des brasilianischen Kritikers und Festivalorganisators Kleber Mendonca Filho. Es ist ein Episodenfilm in epischer Breite, der mehr über brasilianische Befindlichkeiten aussagt als jedes Sozialdrama.

Und an Sozialdramen ist das brasilianische Kino auch in Zeiten von Wachstumshoffnungen und der wachsenden Rolle des Landes im internationalen Gefüge nicht arm (einige Gedanken zum neueren brasilianischen Kino siehe hier). Mendonca geht die Sache aber anders an, er emanzipiert sich vom filmischen Erbe des Cinema Novo der 60er Jahre.

Unaufgeregt und dennoch eindringlich stellt der Filmemacher dem Publikum mehrere Charaktere vor, die er in einer Straße im nordbrasilianischen Recife ansiedelt. Der neue Flachbildfernseher, ein öder Job als Immobilienmakler, der nervige Hund der Nachbarn - ähnliche Lebensentwürfe, Alltagsgeschichten und Probleme findet man auch in Städten wie Wien zuhauf. Mit dem Unterschied - wen solche Themen in Brasilien beschäftigen, der gehört zur oberen Mittelschicht, die weit mehr Geld zur Verfügung hat als der brasilianische Durchschnitt.

Sie sind eben da, nicht mehr, nicht weniger

Und genau hier liegt der Unterschied zu einer Wiener Mittelschichtsfamilie: In Brasilien sind die anderen so eklatant ärmer, dass es ein Leichtes ist, sie auszunutzen. Der brasilianische Mittelstand kann sich Hausangestellte leisten. Die werden lieb, distanzlos und je nach Stimmung behandelt: Sie sind eben da, genau wie der Flachbildschirm. Wenn der Hund des Nachbarn lästig bellt und der Dealer mit dem Gras überfällig ist, wird die Haushälterin angeschnauzt - man muss sich schließlich abreagieren.

Es kommt zwar nicht zu dem im Viennale-Programm angekündigten Gewaltausbruch; aber das dicke Ende kommt dennoch. Wie tief der Graben zwischen Arm und Reich historisch ist, und dass er bis heute existiert, das beweisen ganz am Ende ausgerechnet zwei Angestellte des Sicherheitsdienstes, der begonnen hat, die Straße der Reichen vor den Armen zu bewachen - in einer überraschenden Wendung des Films.

Kein Grund, dick aufzutragen

Filmhinweis

„O Som ao Redor“ wird im Rahmen der Viennale am 30.10. um 20.30 Uhr im Gartenbaukino und am 1.11. um 11 Uhr im Künstlerhaus gezeigt.

Der Streifen wird seit seiner Fertigstellung heuer von Festival zu Festival weitergereicht. In Rotterdam und Wrocraw (Polen) wurde er von Kritikern zum besten Film gewählt, in Copenhagen gewann er überhaupt den großen Preis des Filmfests. „O Som ao Redor“ gehört zu jener Kategorie Filme, durch die gewahr wird, wie spektakulär die Realität ist, wenn man nur genau genug hinsieht.

Da muss man nicht dick auftragen. Der Film kommt mit wenig Musik aus. Nichts wird hier überästhetisiert, die Armut der Menschen ist nur aus der Ferne zu erahnen, die Brutalität der Besitzenden gegenüber den Besitzlosen wird in all ihrer gelangweilten Nonchalance gezeigt, der Reichtum nicht in seiner Hummer-, Klunker- und Protzvariante. Der Film hinterlässt gerade deshalb Spuren - so wie der angepflaumte Garagenboy, der im Vorbeigehen unbemerkt mit einem Schlüssel den Lack auf dem Kofferraum zerkratzt.

Simon Hadler, ORF.at

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