„Kein MTV ohne Kurt Kren“
„Es muss irgendetwas im Wasser sein“, mutmaßte ein amerikanischer Festivaldirektor vor einigen Jahren angesichts des überdurchschnittlichen Erfolgs österreichischer Avantgardefilmemacher. Tatsächlich hat Österreich eine der lebendigsten und facettenreichsten Avantgardefilmszenen auf der ganzen Welt; auch die radikalste. Die internationalen Festivalbeteiligungen heimischer Avantgardefilmer sind überdurchschnittlich, der Preisregen ebenso.
Warum das so ist, weiß niemand so genau. Der Oscar-nominierte Filmemacher Virgil Widrich vermutet einen Grund in der Vorliebe der Österreicher für die tieferen Schichten unter dem Offensichtlichen: „Während sich der Spielfilm um das Bewusste kümmert, schabt die Avantgarde am Unbewussten. Das macht sie oft unheimlich, aber auch sehr anziehend.“

Nina Kreuzinger
Die Anpassung des menschlichen Körpers an industrielle Norm und Funktionalisierung: Nina Kreuzinger visualisiert ein objekthaftes „Außen“ als Spiegel des manipulierten „Innen“ in ihrem Film „Albern II“.
Hinweis:
Anlässlich der 50. Viennale präsentiert der ORF am Montag, dem 22. Oktober „Die Nacht der Avantgardefilme anders sehen“ mit Schätzen des österreichischen Avantgardefilms aus fast sechs Jahrzehnten. Die Sendung, durch die der vielfach preisgekrönte Filmemacher und Multimediakünstler Virgil Widrich führt, steht im Anschluss an den „Kulturmontag“ um 0.00 Uhr auf dem Programm von ORF2.
Nichts wie weg von „Sisi“
„Kein MTV ohne Kurt Kren“ ist das Kürzel, auf das sich die internationale Kritik zum weltweiten Erfolg des Genres aus österreichischen Werkstätten geeinigt hat. Kurt Kren begründete in den 1950er Jahren gemeinsam mit Marc Adrian, Peter Kubelka und Ferry Radax Österreichs Image als innovative Filmnation. Ihre frühen Werke sind Gegenentwürfe zu den offiziellen Filmbildern der Nachkriegszeit, den zuckersüßen Heimatfilmen und „Sisi“-Schnulzen, die von der Realität ablenken und Verdrängung erleichtern sollten. „Viele Filmemacher konnten diese Art der Kinoproduktion nicht mehr ertragen“, so Widrich.
„Sie wollten die Wahrheit des Lebens zeigen - Sexualität, Körperlichkeit, Zerstörung, Anarchie - all das, was im offiziellen Spielfilm der Nachkriegszeit nicht möglich war.“ Die Rebellen an Kamera und Schneidetisch untermauerten die gängigen Filmcodes, lehnten sich gegen die konventionellen Sehgewohnheiten auf und richteten ihren Blick auf die Realität.

Filmarchiv Austria
In „1. Mai 1958“, einem der frühesten österreichischen Avantgardefilme, zerschneidet Marc Adrian das biedere Nachkriegs-Wien in Bildwiederholungen und Standbilder. Scheinbar nicht zusammengehörende Bildsequenzen fügen sich für jeden Zuschauer zu einem anderen Film.
Konflikt mit Aktionisten
Kren, Kubelka und Co. zerlegten das Medium Film in seine Bestandteile. Nicht die Erzählung oder die Handlung stand im Vordergrund, sondern der Film als Form. Die Wiener Formalfilmer experimentierten, sie zerkratzten und ätzten das Zelluloid bis zur Unkenntlichkeit, um sichtbar zu machen: Die Magie ist nichts als ein Streifen Plastik. Sie orchestrierten extrem kurze Standbilder nach dem Rhythmus des Lebens wie Herzschlag, Atmung, Wimpernschlag, aber auch zum Stakkato unserer Maschinen- und Arbeitswelt.
Avantgardepioniere wie Kurt Kren und Ernst Schmidt jr. dokumentierten immer wieder Happenings der Aktionisten wie Otto Muehl, Günther Brus oder Hermann Nitsch. „Mehr und mehr entwickelten sie allerdings ihre eigene Filmsprache und arbeiteten das Dokumentierte selbst zum Kunstwerk aus, weshalb sie in Konflikt mit den Aktionisten gerieten, die den konventionellen Abbildrealismus bevorzugten“ so Widrich.

sixpackfilm
Das alte Filmthema der Verdoppelung treibt Virgil Widrich so weit, dass sein Held mehr als 200-mal in einem Bild erscheint. Das brachte dem Filmemacher für sein Werk „Copy Shop“ eine Oscar-Nominierung und 35 Filmpreise ein.
„Zerhacken, bearbeiten, sezieren“
Valie Export, Ernst Schmidt jr. und Peter Weibel öffneten das Kino-Auge noch weiter: Ihr „Expanded Cinema“ ist ein multimedialer und hoch politischer Blick auf die Welt. Während die erste Generation das Medium Film als autonome Kunstform etablierte, versuchte die zweite Generation inmitten der soziokulturellen Umbrüche in den 60er Jahren die Grenze zwischen echtem Leben und Kunst, zwischen Alltag und Kunst aufzubrechen. Ihr Anti-Illusionskino schockierte: „Diese Generation begann, Bild und Ton separat zu betrachten, auch zu zerhacken, zu bearbeiten und zu sezieren“, so Widrich, „dabei wurde auch mehr und mehr der Ironie Platz gegeben.“
Nicht nur Valie Export begründete in den 70er Jahren ein explizit feministisches Kino inmitten einer männerdominierten Welt. Auch Künstlerinnen wie Maria Lassnig und Linda Christanell mischten sich mit ihren teils humorvollen, teils gesellschaftsentlarvenden Filmkommentaren deutlich ein. „Der Avantgardefilm ist per se politisch“, meint Virgil Widrich.

sixpackfilm
Die Künstlerin Billy Roisz ist Spezialistin für elektronische Abstraktionen und übersetzt in ihrem Film „zounk!“ Bildschirmsignale in einen Farbrausch. Das Ausgangsmaterial generiert sie analog.
Frischekick in der Bilderflut
„Sich auflehnen gegen Sehgewohnheiten ist politisch. Das Wort Avantgarde kommt ja eigentlich aus der Militärsprache. Die Avantgardisten sind die Vorreiter, die als allererste Feindkontakt haben. Sie gehen das größte Risiko ein und sterben womöglich zuallererst. Sobald sie aber tapfer eine Bastion erobert haben, rückt der Mainstream nach“, so Widrich weiter.
Die mittlere Generation, Peter Tscherkassky, Mara Mattuschka, Martin Arnold oder Thomas Draschan, finden in den späten 80er, 90er und frühen 2000er Jahren bereits eine Unzahl an Bildern, Tönen und Variationen des Genres Film vor. Die Arbeit mit vorgefundenem Material, dem „Found Footage“, ist weit verbreitet. Nicht zusammengehörende Bilder werden in einen anderen Kontext gesetzt und eröffnen ganz neue Assoziationen. Ein Frischekick für unseren von der Bilderflut manipulierten Blick.
Revival des Analogen
Die heutige Avantgardefilmszene ist vielfältiger denn je. Die Künstlerinnen und Künstler kommen aus den verschiedensten Bereichen - aus der Grafik, Musik, der Architektur, aus der Literatur oder dem Design. „Es gibt erstaunlicherweise wieder viele, die mit analogen Techniken arbeiten, mit Super 8, Polaroid-Fotos, mit Filmmaterial, mit Chemie“, sagt Widrich „so als wäre das Analoge heute wieder das Aufbäumen gegen die digitale Gegenwart.“

ORF
Virgil Widrich
Die „Enkel“ von Kren, Kubelka & Co. arbeiten so wie die Pioniere des österreichischen Avantgardefilms wieder genreübergreifend: Musik, Bild, Ton, Installation und Performance werden vermischt. KünstlerInnen wie Selma Doborac, Remo Rauscher, Nina Kreuzinger und Billy Roisz kommen aus den Kaderschmieden wie der Angewandten, der Akademie der bildenden Künste, der Schule Friedl Kubelka oder aus Fachhochschulen für Medien und Design. Hier wird die österreichische Avantgarde gelehrt und ist als ständige Bezugsquelle präsent.
19 Ausgewählte Beiträge
Trotz internationalen Erfolgs sind Avantgardefilme hierzulande kaum zu sehen. Zeitlich begrenzte Festivals wie die Viennale, die Diagonale, Vienna Independent Shorts oder der umtriebige Verleih Sixpack bieten FilmemacherInnen und Werken eine Plattform.
Für die „Nacht der Avantgarde“ haben Beate Thalberg und Elisabeth Semrad 19 Schätze des österreichischen Avantgardefilms ausgewählt und stellen sie in spannende Zusammenhänge. Die Filme werden ungekürzt und ohne jeglichen Zusatz gezeigt. Durch die Sendung geleitet einer der innovativsten Filmemacher Österreichs, Virgil Widrich.
Links:
- Die ORF-Nacht der Avantgarde
- Peter Kubelka bei der Viennale
- Virtuelles Festival Scope
- Viennale
- Diagonale
- Sixpackfilm
- Vienna Independent Shorts
- Fullframe Kunstfilmfestival
- Filmarchiv Austria
- Stadtkino Wien
- Schule Friedl Kubelka
- Filmkoop Wien
Publiziert am 25.10.2012

