„Emotionale Achterbahndynamik zeigen“
ORF.at: Herr Flicker, was bedeutet Ihnen die Viennale?
Florian Flicker: Bei meinen allerersten Viennalen hab ich noch versucht, mir eine Akkreditierung zu erschwindeln mit irgendwelchen Schülerzeitungsargumenten. Dann hatte mein erster Spielfilm „Halbe Welt“ auf der Viennale 1993 Uraufführung, das war toll. Damals gab es die sogenannte Twilight-Zone, eine Nachtschiene für schräge Filme, das war eine schöne Sache, in dieser Abteilung starten zu können. Für „Grenzgänger“ heuer bedeutet die Viennale eine Wertschätzung des Films und eine Art Prädikatisierung, und es freut mich natürlich, dass der Film in diesem internationalen Kontext gezeigt wird.
ORF.at: Österreichische Filmschaffende beklagen oft die schwierigen Produktionsbedingungen hierzulande.
Flicker: Ich kann jetzt erzählen, dass ich seit zwölf Jahren keinen Spielfilm gemacht habe, das spricht für sich und liegt nicht nur an mir. Einerseits ist das Tolle an Österreich, dass es so viele verschiedene - Talente ist untertrieben - sehr gute Filmemacherinnen und Filmemacher gibt. Andererseits konkurrieren die um einen sehr kleinen finanziellen Topf, das ist Fakt. Dass wir eh schon seit zehn, 20 Jahren so ein großes kreatives Output haben, ist aber wie gesagt toll, da beneiden uns ja viele Länder.
ORF.at: Sind Filmpreise, mit denen man ausgezeichnet wird, eine wichtige Bestätigung?
Flicker: Ich kenne das Ganze von drei Seiten. Ich kenn’s, dass man einen Preis bekommt, dass man keinen Preis bekommt, und ich kenn’s von der Juryseite. Als Jurymitglied weiß man, wie subjektiv und uneindeutig die Entscheidungen für einen Preis oft sind. Insofern weiß ich auch, wie sehr das nichts zu bedeuten haben muss, wenn man keinen Preis bekommt. Aber natürlich freu ich mich wahnsinnig, weil ja in so einem Film jahrelange Arbeit steckt.

Viennale
In „Grenzgänger“ bewegen sich zwei Männer und eine Frau in einem Dreieck zwischen Leidenschaft, Verrat und Verbrechen. Ist die Liebe immer nur ein Zerrbild ihrer selbst?
ORF.at: Ihr neuer Film „Grenzgänger“ ist eine Neuinterpretation von Karl Schönherrs „Der Weibsteufel“ aus dem Jahr 1915. Warum haben Sie dieses Stück gewählt?
Flicker: Spätesten seit „Der Überfall“ habe ich gemerkt, dass mich dieses Kammerspielgenre interessiert. Also mit möglichst reduziertem Personal eine Geschichte zu erzählen, und da war „Der Weibsteufel“ natürlich prädestiniert. Das spielt ja im Original in einer Stube, drei Personen, und das ist es. Und dann hat mich noch fasziniert, eben mit diesem kleinen Personal so eine emotionale Achterbahndynamik darzustellen. Als ich überlegt habe, ob und wie man das fürs Kino machen kann, war mir klar, ich will’s nicht historisch ansiedeln, sondern im Jetzt anlegen.
Dann habe ich diese Gegend gefunden, die March-Thaya-Auen. Das war ein Aha-Erlebnis, weil mich diese Gegend von Anfang an fasziniert hat. Weil sie so wunderschön ist, so eine wilde Natur, so ein No-Mans-Land, wo dann auch bis vor wenigen Jahren diese Gewalt so unsichtbar in der Luft lag.
ORF.at: Wie haben Sie die Hintergründe recherchiert?
Flicker: Mit den Menschen dort zu reden war ganz wesentlich. Ich glaube, das jahrzehntelange Leben am Eisernen Vorhang, umgeben von Soldaten, Schleppern und Schmugglern, hat die Mentalität sehr geprägt. Im Grunde ist es ja auch ein Film über diese Gegend, diese Mentalität und dann auch noch diese Unberechenbarkeit der Natur, dass man dort ja jederzeit mit einem Hochwasser rechnen muss. Interessant ist die Frage, inwiefern das auf die Menschen abfärbt. Dass sie mehr im Heute leben? Dass sie keine Pläne machen, weil alles, was man plant, morgen das Hochwasser mitnehmen kann? All das hat mich als Schauplatz eines Films mitten in Österreich fasziniert, weil es so was Neues war für mich.
Auch war der Vorteil, dass diese Gegend vorher noch nie für einen österreichischen Film verwendet wurde. Und was da alles passiert ist von 1989 bis 2007, als die letzten Soldaten abgezogen wurden. Wo dann der damalige ÖVP-Staatssekretär Lopatka gesagt hat, inzwischen bringen sich ja schon mehr Soldaten um, als dass wir Flüchtlinge aufgreifen. Dieser gesetzlose Raum inmitten einer wilden Natur, das fand ich spannend, dass es das heute noch gibt bei uns.

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Die Natur spielt eine Hauptrolle in „Grenzgänger“
ORF.at: Kann man sagen, dass die Natur eine vierte Hauptrolle spielt?
Flicker: Ja. Am Anfang sind ja alle in einer kontrollierten, sehr bewussten Situation, und die Dreiergeschichte beginnt fast wie ein Spiel. Dieses Spiel gerät aber außer Kontrolle, und die drei agieren ja mehr und mehr instinktiv und irrational. Und das ist die Natur. Die Natur hat den Vorteil, dass die Figuren keinen Ausweg haben, keine Zuflucht, weil sie allein sind unter sich, und die Zivilisation weit weg ist. Außerdem war es befreiend für mich, diesen historisch bedeutenden Schauplatz zu haben, weil er der Geschichte einen authentischen Anker gibt, wo ich den Realismus nicht mehr bedienen muss, weil er eh schon da ist.
ORF.at: Im Film werden Goethes „Wahlverwandtschaften“ zitiert.
Flicker: Bei Goethe geht’s um einen sehr romantischen Blick auf die Liebe, da wird das Bild gezeichnet, dass uns das Schicksal zusammenführt, und dann sind wir für immer eins. Und ich glaube, an diesem Bild leiden wir. Auch dieses Schicksalshafte, das wollte ich der Tatsache gegenüberstellen, dass dieses „Ewig dein“ sich nicht spielt. Und wenn dann nur in einer mir unmöglich erscheinenden Kommunikation, weil ich glaube, dass - überspitzt formuliert - die Sprache zwischen Mann und Frau noch nicht erfunden wurde und nicht funktioniert.
Und da kommen wir jetzt wieder zur Natur. Die „Wahlverwandtschaften“ spielt in einer geschönten Natur, damals gab es die Bestrebung, die Natur zu zähmen. So wie der Blick auf die Liebe geschönt und romantisiert war, wurde auch die Natur romantisiert. Und wenn der Ronnie am Schluss vorliest, dass das Schicksal alles bestimmt, wie sehr man auch was anderes will, dann widerspreche ich ihm auch, weil dann kommt die Jana rein und spielt Schicksal.
Das heißt, Sie glauben nicht an die ewige Liebe?
Flicker: Ich glaube, dass wir manchmal Karotten brauchen, denen wir nachlaufen können.
Filmhinweis
„Grenzgänger“ wird im Rahmen der Viennale am 30.10. um 18 Uhr im Gartenbaukino gezeigt und startet am 16.11. in den österreichischen Kinos.
ORF.at: Was war für Sie das Spannendste an der Arbeit an „Grenzgänger“?
Flicker: Diese Dreiecksgeschichte zu zeigen mit der Frage: Wer hat wen zuerst verraten? Wer ist schuld an dem Ganzen? Und auch, dass die Zuschauer diese Frage nicht eindeutig beantworten können, finde ich wahnsinnig spannend. Da stolpern drei rein in einen totalen Kontrollverlust, und man kann sich nachher fragen: „Warum?“ Und in keinen von den Dreien kann man das Böse oder die böse Absicht reinlegen. Wessen Würde wurde zuerst verletzt? Das sind, finde ich, spannende Fragen, weil da wird ein Mann-Frau-Verständnis sichtbar, ein gesellschaftliches im weitesten Sinn. Ich will etwas über den Menschen und in diesem Fall etwas über das Zusammenleben von Mann und Frau erzählen.
ORF.at: Haben Sie selbst eine Antwort darauf, wer wen verraten hat?
Flicker (lacht): Wenn ich ja sage, müsste ich’s auch ausführen. Natürlich hab ich für mich eine Antwort darauf. Aber Antworten sind immer einfach. Fragen sind spannend.
Das Interview führte Sonia Neufeld, ORF.at
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Publiziert am 30.10.2012

