Szene aus "Ang Babaeng Humanyo"

Viennale

„The Women Who Left“: Düsteres Lehrstück in Straßenphilosophie

Mit „The Woman Who Left“ hat der philippinische Regisseur Lav Diaz den Goldenen Löwen von Venedig gewonnen. Sein vierstündiges Meisterwerk in Schwarz-Weiß ist ein erstaunlich zugänglicher Film über den Rachefeldzug einer Frau, das brutale Leben auf der Straße und die Doppelmoral einer Gesellschaft. Und wie so oft ist bei Diaz alles selbstgemacht: vom Drehbuch bis zum letzten Filmschnitt.

Von der Presse zum filmischen Marathonläufer ernannt – vor allem Bezug nehmend auf die Überlänge seiner Filme, die manchmal auch die Achtstundengrenze knacken - sorgte Regisseur Diaz mit keinem Film international für so viel Gesprächsstoff wie mit seinem aktuellen Werk „The Women Who Left“. Und Diaz hat schon viele Filme gedreht: Allein in den letzten fünf Jahren waren es 15 Werke. Dabei macht er so gut wie immer alles selbst: Drehbuch, Kamera, Regie und Schnitt.

Sieg in Venedig wurde kritisiert

„The Woman Who Left“ wurde im September in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, wobei sich viele Kritiker berufen fühlten, die Entscheidung der Jury zu kommentieren. Diaz’ Filme sorgen meist für Unstimmigkeiten zwischen Filmkritikern, Vertretern der Filmindustrie und Filmliebhabern. Oft wird jedoch ausschließlich über die Dauer und die Langsamkeit seiner Filme diskutiert und nicht über Inhalt oder Aussage.

Szene aus "Ang Babaeng Humanyo"

Viennale

Diaz’ Filme können bis zu acht Stunden lang sein

Andererseits wird kaum ein Regisseur, der sich zutraut, seine Werke in solcher Länge zu inszenieren, auf Festivals so gern gesehen wie Diaz. Denn neben den sozialpolitisch wichtigen Themen, die er anspricht, hebt der 57-Jährige gleichzeitig die ewige Diskussion über das Medium Film in neue Sphären und sorgt dadurch für qualitativ hochwertige Auseinandersetzungen in Cineastenkreisen.

ORF-Interview mit Lav Diaz

Regisseur Diaz spricht über die Zustände in der modernen Gesellschaft, Flüchtlingskrisen und Menschlichkeit, sein Verständnis von Kunst und über seine ganz persönlichen Gründe, Filme zu machen.

Standig Ovations im Kinosaal

Dabei geht es dem Philippiner bestimmt nicht darum, Diskussionen über das Medium Film zu entfachen. Als Diaz den Hauptpreis in Venedig entgegennahm, wurde er mit Standig Ovations begrüßt und bedankte sich mit den Worten: „Das ist für mein Land, für die philippinischen Leute - für unsere Kämpfe, für die Kämpfe der Humanität.“

1.000 Diaz-Minuten auf der Viennale

Diaz’ Werke werden seit 2005 regelmäßig auf der Viennale gezeigt. Heuer sind es vier Filme und damit insgesamt fast 1.000 Minuten des philippinischen Regisseurs. Darunter der Kurzfilm „The Day Before the End“ (Originaltitel: „Ang araw bago wakas“) von 2012 und die Spielfilme „Norte, the End of History“ (Originaltitel: „Norte, hangganan ng kasaysayan“) von 2013, „A Lullaby to Sorrowful Mystery“ (Originaltitel: „Hele Sa Hiwagang Hapis“) von 2016 und sein aktuellster Film „The Woman Who Left“ (Originaltitel: „Ang Babaeng Humayo“).

Seine Dankesrede beschreibt Diaz’ Vorhaben in Kurzform: Er will auf Missstände in seinem Land aufmerksam machen, indem er auf postkolonialistische gesellschaftliche Zustände hinweist, Gewalt auf den Straßen thematisiert und die Geschichten der einfachen Leuten erzählt, um ihnen eine Stimme zu geben.

„The Women Who Left“ ist in der nordphilippinischen Provinz Cavite angelegt und bezieht sich auf Leo Tolstois Fragmente aus „Gott sieht die Wahrheit, sagt sie aber nicht sogleich“. Es ist ein zugänglicher Vierstundenfilm, der einen mit Verspätung in seine Bahnen leitet. Wobei einem nichts geschenkt wird in Bezug auf die Handlung. Alles dauert - und erst im Nachhinein wird einem bewusst, warum das so sein muss. Denn wenn man sich damit abgefunden hat, dass Zeit auch in diesem Diaz-Film relativ ist, ziehen einen die langatmigen Aufnahmen und die großartigen Dialoge in ihren Bann.

Existenzfragen der Unterdrückten

Protagonistin des Films ist Horacia Somorostro, die dreißig Jahre unschuldig im Gefängnis saß, nach Rache strebt und dabei auf den Straßen von Cavite in verschiedenen Unterschichtenmilieus unterwegs ist, um ihren ehemaligen Liebhaber zu finden. Dialoge über Gott und die Welt zeichnen ein Bild von Diaz’ Heimat, das auf längst vergessene, weil schon zur Gewohnheit gewordene Missstände und Kämpfe innerhalb der philippinischen Gesellschaft aufmerksam machen will. Es geht um Existenzfragen von Unterdrückten und Vergessenen.

Szene aus "Ang Babaeng Humanyo"

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Horacia saß dreißig Jahre lang unschuldig im Gefängnis

Dialoge zwischen Balut-Verkäufern, Hausfrauen, „Dorfnarren“, Kriminellen und Priestern - die Themen Wut, Hass, Rache und Suche nach Gerechtigkeit sind dabei tief ineinander verwoben. Das Drehbuch ist zwar nur lose an Tolstois Kurzgeschichte gebunden, übersetzt aber nicht selten dessen große philosophische Fragen in den philippinischen Straßenslang und dann wieder zurück, sodass es für das internationale Publikum verständlich wird.

Filmhinweis

„Ang Babaeng Humanyo“ läuft auf der Viennale am 26.10. um 13.30 Uhr im Gartenbaukino.

Langsame Schwarz-Weiß-Bilder

Durch die langen, oft auch starren Schwarz-Weiß-Aufnahmen entwickelt man das Gefühl, sich mitten am Schauplatz zu befinden. Die einfachen Sätze, die fallen, sagen viel über die finsteren Zeiten einer Nachkriegsgesellschaft aus. Und wenn diese Sätze in der archaischen Langsamkeit, die Diaz gerne als Stilmittel einsetzt, ausgesprochen werden, bekommen sie mit der Zeit eine viel größere Bedeutung – eine, die ihnen zusteht.

Dalibor Manjic, ORF.at

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