Auf glattem Parkett im Spiegelkabinett

Der US-Präsident hat das Weiße Haus, der russische Staatschef den Kreml und Österreichs Präsident die Hofburg. Das Bauwerk in der Wiener Innenstadt ist zum Synonym für das höchste Amt im Staat geworden. Obwohl der Präsident seinen Amtssitz ursprünglich gar nicht hier hatte.

Zwischen 1918 und 1938 residierte der Präsident ein paar hundert Meter weiter nordwestlich – dort, wo heute der Bundeskanzler und seine Mitarbeiter ihre Büros haben. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg zog das Staatsoberhaupt auf die andere Seite des Ballhausplatzes. Seit 1946 ist die Präsidentschaftskanzlei im Leopoldinischen Trakt der Hofburg untergebracht. Jeder der bisher sieben Präsidenten der Zweiten Republik hatte dort seine Büros.

Ribiselrotes Staatssymbol

Rund 250 Tage pro Jahr ist der Bundespräsident in der Hofburg. Wenn Österreichs oberster Repräsentant nicht auf Reisen im In- und Ausland ist, dann führt er von hier aus seine Amtsgeschäfte. Hier empfängt er seine Staatsgäste ebenso wie einheimische Politiker. Hier werden Minister angelobt und Regierungsaufträge erteilt. Und von hier aus spricht der Präsident per Fernsehbotschaft seine „lieben Österreicherinnen und Österreicher“ an.

Heinz Fischer und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker

APA/BKA/Karlovits

Händeschütteln vor rotem Hintergrund

Zweimal im Jahr - zur Neujahrs- und zur Staatsfeiertagsansprache - werden dann im Maria-Theresia-Zimmer die Kamera auf- und der Schreibtisch umgestellt. Der Raum ist so etwas wie das öffentliche Herz der Präsidentschaftskanzlei. Wer den Präsidenten in der Hofburg besucht, der schüttelt ihm zumeist hier das erste Mal die Hand. „Zeremoniensaal“ beschreibt den mit Seidenstoff ausgekleideten Raum wohl ganz gut. Die ribiselrote Tapete mit dem floralen Muster ist fast schon präsidiales Symbol.

Wo die Uhren rückwärts gehen

Ursprünglich hatte die Öffentlichkeit in dem Raum freilich nichts zu suchen. Er war nach dem Tod ihres Ehemanns das Schlafzimmer Maria Theresias. „Es muss ein recht düsterer Schlafraum gewesen sein“, vermutet die offizielle Broschüre der Hofburg. Davon ist heute kaum noch etwas zu bemerken. Einzig die Zeit läuft wie zu Maria Theresias Zeiten rückwärts. Auf dem Ziffernblatt der astronomischen Standuhr bewegen sich die Zeiger gegen den Uhrzeigersinn: Ablesehilfe für die Monarchin, die vom Bett aus per Spiegel auf die Uhr schaute.

Wer das mit eigenen Augen sehen möchte, muss zuerst eine Reihe an Zimmern durqueren - und liegt nicht falsch, wenn er sich dabei ein bisschen wie im Museum fühlt. Noch zu Monarchiezeiten wurde der Trakt der Hofburg in ein solches umgewandelt. Und wie sich das in einem Museum gehört, hat jeder Raum seine eigene Sehenswürdigkeit.

Silber, Steine und ganz Kleines

Im Rosenzimmer, dem ersten Raum nach Eingang, Sicherheitsschleuse und Stiegenhaus, ist es die womöglich teuerste Standuhr des Landes. Auf 1,7 Mio. Euro schätzen Experten den Wert der „kaiserlichen Vorstellungsuhr“. Der erklärt sich nicht nur aus den verarbeiteten 50 Kilogramm Silber, sondern vor allem aus der komplizierten filigranen Mechanik. Dank ihr tritt auf dem Uhrenkorpus gleich ein ganzes Figurenensemble auf – mit dem Herrscherpaar Maria Theresia und Franz Stephan im Zentrum. Seit der Bundespräsident 1946 in die Hofburg übersiedelte, läuft die Uhr in all ihrer Symbolik auch wieder.

An Symbolik fehlt es auch einen Raum weiter nicht, wo an den Wänden Dutzende goldgerahmte Bilder hängen. Sie mögen auf den ersten Blick wie Gemälde aussehen, sind aber – Überraschungseffekt - Mosaiken in Miniaturform. Dass die „commesso in pietre dure“ (zusammengefügt aus Halbedelsteinen) genannte Kunsttechnik zu den teuersten Techniken ihrer Zeit zählte, überrascht in Bezug auf die Habsburger schon weniger.

So wertvoll und zugleich schon fast kitschig die Landschaften, Stillleben und Allegorien sein mögen, zwei Räume weiter wird es noch wertvoller und - man muss es so sagen - noch eine Spur kitschiger. Hunderte kleinstformatige Bilder geben dem Miniaturenkabinett seinen Namen. Manche von ihnen sind so kostbar, dass sie – Stichwort Lichtschutz - nur hinter zugezogenen Vorhängen aufbewahrt werden.

Gut bewacht hinter der Tapetentür

Für die Bildchen von Angehörigen des Kaiserhauses haben die meisten Hofburggäste aber wohl ohnehin keine Augen. Das Miniaturenkabinett ist der letzte Raum vor dem Maria-Theresia-Zimmer - und damit dem Handshake mit dem Präsidenten. Deshalb heißt es jetzt noch einmal: Sicherheitskontrolle. Wo früher die Monarchin an ihrem Schreibtisch arbeitete, sitzt jetzt ein Security-Mitarbeiter vor Überwachungsschirmen - die letzte Schranke vor dem Staatsoberhaupt.

Für viele Gäste endet ihr Besuch beim Bundespräsidenten im Maria-Theresia-Zimmer oder im daran anschließenden Jagdzimmer – das heutige Konferenzzimmer der Präsidentschaftskanzlei. Privilegierte Besucher – Staatsgäste zum Beispiel – bittet der Bundespräsident freilich durch die berühmte Tapetentür. Dahinter liegt das persönliche Arbeitszimmer des Präsidenten. Bilder aus dem „grünen Salon“ sind allerdings rar. Für Kameraleute und Fotografen heißt es normalerweise warten – und zwar vor verschlossenen Türen.

Florian Matscheko, ORF eins Info (Video), Martin Steinmüller, ORF.at (Text)

Link: