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‚Gertrude‘ als später Wahlkampfhöhepunkt

Ein Jahr lang war Wahlkampf, aber erst auf der Zielgeraden hat er einen einzelnen Höhepunkt bekommen, der Wellen bis ins Ausland schlägt: Die Videobotschaft der 89-jährigen „Frau Gertrude“, die trotz ihrer Lebenserfahrungen an das Gute in jedem und damit auch jedem Wähler glaubt, hat in kürzester Zeit viel weitere Verbreitung gefunden als irgendein anderer Kampagneninhalt der beiden Kandidaten.

Auch deutsche Medien wie die „Welt“, „Zeit“, „Süddeutsche Zeitung“, „Berliner Zeitung“ und andere hatten bereits am Freitag gemeinsam mit österreichischen Medien das Webphänomen aufgegriffen: Da war das Video der Kampagne von Alexander Van der Bellen rund 24 Stunden online und in dieser Zeit über 1,2 Millionen Mal angeklickt worden - ein Drittel mehr als das schon länger beworbene Video mit Van der Bellens Ehefrau Doris Schmidauer.

Plädoyer für „Achtung vor dem anderen“

„Frau Gertrude“ fand damit auch mehr Verbreitung als jedes Video auf der Facebook-Wahlkampfsite von FPÖ-Kandidat Norbert Hofer. Das beliebteste Video dort brachte es in sechs Tagen auf eine Million Klicks von mehreren Quellen gemeinsam. Für Van der Bellens Wahlkampfteam ist die Botschaft der alten Dame laut eigenen Angaben noch dazu eines, das ihm unerwarteterweise in den Schoß fiel, da sie sich mit ihrem Anliegen selbst gemeldet habe.

Das Anliegen der 89-Jährigen, die als junges Mädchen als einzige ihrer Familie das Nazi-Vernichtungslager Auschwitz überlebte, ist nicht so sehr Wahlwerbung für Van der Bellen. Diese findet sich erst am Ende des Videos und in eher verhaltener Form: „Vielleicht“ sei Van der Bellen „reifer und vernünftiger“ als Hofer, meint sie. Vor allem wendet sich die Botschaft aber gegen Politik, die „keine Achtung vor dem anderen mehr“ habe und „das Niedrigste aus den Leuten herausholt“.

„Jö, der hat was Schönes g’sagt, den wähl’ ich“

In Sozialen Netzwerken fand vor allem jener Teil der Botschaft Widerhall, der sich gegen das Schüren von Emotionen in der Politik wendet: „Das Runtermachen, das Schlechtmachen, das stört mich am allermeisten“, sagt die Frau eingangs. Das habe es schon einmal gegeben, dabei könne und solle sich Politik doch darum bemühen, „das Anständigste“ aus den Leuten herauszuholen. Bei einer Wahl gehe es aber nicht um „Jö, der hat was Schönes g’sagt, den wähl’ ich, sondern überlegen: Und was macht der draus?“

Um Hofer geht es nur in einer Passage des Videos. Dessen Slogan „So wahr mir Gott helfe“ stieß bei der Pensionistin auf keine Gegenliebe. „Von einem Menschen, der mit Religion eigentlich net viel am Hut hat“, störe sie das, und zwar „nicht aus Frömmigkeit, sondern die Falschheit ist mir da bewusst geworden“. Scharfe Kritik gibt es allerdings an FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache wegen dessen Beschwörens einer Bürgerkriegsgefahr. Das sei für sie der Moment gewesen, in dem sie sich entschieden habe, Van der Bellen zu wählen.

Internetforen teils gesperrt

Den Unterstützern Hofers war die Wirkung, die das Video auf viele ausübte, offenbar auch bewusst. Massenweise posteten Kritiker der Botschaft unter die Berichte über das Video in diversen Medien. Viele von ihnen blieben dabei respektvoll gegenüber der Frau. Einige Medien entschlossen sich jedoch wegen Inhalten wie jenen, gegen die sich die Dame in ihrem Video wandte, zum Sperren der Foren.

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