Szenenbild Missing People
Bela Tarr/Fred Kelemen
Missing People

Die feine Gesellschaft der Obdachlosen

Ein Dutzend rot gedeckte Stehtische, darauf die offensichtlichen Überbleibsel eines Festes – leere Flaschen, halb volle Gläser, Essensreste, gefüllte Aschenbecher. Glitzer und Konfetti bedecken den Saal bei der exklusiven Festwochen-Produktion des ungarischen Filmregisseurs Bela Tarr. Seine Gesellschaft besteht aber aus den Menschen, die die Welt scheinbar nicht vermisst – und die aus dem Schatten in die breite Öffentlichkeit treten.

Was schon argwöhnisch stimmt, sind die in der Halle E des MuseumsQuartiers verstreuten Relikte. Ein derangierter Haufen beim Eingang, in den Zuschauerreihen verteilt scheinbar vergessene Habseligkeiten: ein Koffer, ein Schlafsack, eine Puppe, ein Schminkspiegel, eine Stickvorlage, selbst ein Rollstuhl. Auch der „spezielle Einlass“ – das gesammelte Publikum geht zu Beginn einmal um das Gebäude – deutet darauf hin, dass hier mehr stattfinden will als ein kurzweiliger Kulturabend.

Die Leinwand geht an, Zoom in den Saal. Minutenlang sieht man in Detailaufnahmen, was man im Groben vor Augen hat. Das Bild verblasst – Auftritt Obdachlose. Es sind viele, laut Programmheft haben 250 wohnungslose Personen an dem Projekt teilgenommen. Und es ist wahrlich kein Einerlei, was man in den Filmeinstellungen zu sehen bekommt. Viele leere Blicke zwar, mitunter aber auch leuchtende Augen, einem Lenin-Lookalike folgt ein Cowboyhutträger, eine ältere Frau könnte optisch auch in Wien-Hietzing residieren.

Hinweis

„Missing People“ ist bei den Festwochen noch am 14., 15. und 16. Juni jeweils um 18.00 und 21.00 Uhr in der Halle E im MuseumsQuartier zu sehen. Am 15. Juni können beide Vorstellungen gegen Vorlage einer aktuellen Ausgabe der Wiener Straßenzeitung „Augustin“ bei freiem Eintritt besucht werden.

Scheinwerferlicht auf die Unsichtbaren

Anschließend sieht man die „Sandler“ durchgehend in dem Saal agieren, in dem man gerade sitzt – eingangs bei der „Feier“. Sehr konzentriert wirken die meisten: Essen und Trinken zu können, ohne Cents zu zählen, scheint für sie ungewohntes Terrain. Geredet wird wenig, geteilt großzügig. Im Abschluss bewegen sich die Menschen, tanzend, teils händehaltend, Richtung Ausgang. „In wenigen Einstellungen zeigt Tarr jene ansonsten unsichtbaren Menschen an einem Ort, zu dem sie sonst wohl keinen Zugang hätten“, heißt es in dem Programm.

Und es ist ein sehr liebevolles Bild, das der ungarische Regisseur hier zeichnet. Gezeigt werden Obdachlose, die offenbar im Umfeld der geschützten Halle einmal das tun können, wonach ihnen gerade ist. Ein Mann wechselt bedächtig die Kleidung einer Puppe, ein unerkanntes Musiktalent performt mit Rassel und Mundharmonika, ein anderer lauscht unter Tränen den Klängen eines lateinamerikanischen Liedes. Ein an Stefan Petzner gemahnender Mann sprüht sich sorgfältig Silberlack auf Gesicht und Hände, legt sich Krawatte, Hut, Glitzerjacke und Sonnenbrille an, um dann in das vermeintliche Scheinwerferlicht zu treten. Eine Frau vertieft sich in die Stickerei, zwei tanzen scheinbar unbeschwert.

Szenenbild Missing People
Nurith Wagner-Strauss / Bela Tarr
An dem Projekt beteiligten sich 250 wohnungslose Personen

Mit unerschütterlicher Langmut verharrt die Kamera auf den Protagonisten, doch ist das nicht jedermanns Sache: Der beständige Abgang aus den Publikumsreihen wirkt beinahe wie ein Teil dieser Installation. Auf der Leinwand geht es weiter: Minutenlang sieht man einem älteren Mann zu, wie er seinen Besitz, der Platz in einer Einkaufstasche hat, sorgsam sortiert, um sich dann zur Ruhe zu betten.

Totengedenken mit Tiefgang

Gegen Ende versammeln sich die Obdachlosen zu einer Art Totengedenken – einer aus ihrer Mitte liegt mit dem Gesicht auf dem Boden, da ist nichts mehr zu machen. Eine Frau spricht die letzten Worte, nur das Amen am Schluss ist zu verstehen. Dann lodern die Flammen. Es sind das die einzigen Worte, die während der eineinhalb Stunden fallen – folgerichtig, warnte Tarr doch in einem APA-Interview im April vor der Gefahr des Dummen in jeder Äußerung: „Slogans sind dumm, jedes Wort ist fragwürdig. Jede Wertung, jedes Urteil ist falsch.“

Nach Aufführungsende warten auf das verbliebene Publikum Heurigenbänke, eine Harmonikaspielerin und Gratisausschank – das Warum erschließt sich einem nur bedingt. „Missing People" wurde ausschließlich für die Wiener Festwochen produziert und wird – weil es „nur an dem Ort aufgeführt werden kann, an dem es entstanden ist“, sagte Tarr – auch nur in der Halle E gezeigt werden können. Als Film will der Ungar sein Projekt dezidiert nicht verstanden wissen, „Das Turiner Pferd“ aus dem Jahr 2011 soll seine letzte Arbeit als Filmregisseur bleiben. Hier kehrt der Film als trojanisches Pferd wieder – als sehr menschliches.