Der Intendant der Feswochen Christophe Slagmylder
Andreas Jakwerth
Festwochen-Bilanz

Slagmuylder und die Luft nach oben

Die ersten Festwochen unter dem eilig nach Wien geholten neuen Intendanten Christophe Slagmuylder sind geschlagen. Noch ist der Festwochen-Karren nach den zwei Jahren unter Thomas Zierhofer-Kin nicht aus dem Sand. Und beim Programm bleibt Luft nach oben. Doch der Mut, etwa die Festwochen nach 1220 Wien, also im Yung-Hurn-Paradise, zu landen, könnte auch mehr Respekt verdienen als manche Feuilletonmatschkerei.

Viel Respekt, viel Vorsicht, auch Angst – das nannte der neue Festwochen-Intendant Slagmuylder aus Brüssel bei fast jeder Gelegenheit, wenn er mit dem Publikum über sein mehr als breites Festwochen-Programm redete und sich unermüdlich dem Dialog mit dem Publikum stellte. Große Namen, ein Crossover zum Welttheater und ein breites Performance-Spektrum wollten die Festwochen anbieten. Vieles war deutlich besser positioniert als in den letzten zwei Jahren, in denen sich unter Zierhofer-Kin der Performance- und Partygedanke etwas zu stark auch in die Ausrichtung und Kommunikation der Festwochen gedrängt hatte. Und es gab den Mut, prononciert rauszugehen – im Sprech mancher hieß das: in die Vorstadt. Dass diese freilich so groß wie die drittegrößte Stadt Österreichs ist, blieb all jenen verborgen, deren Weg über die Donau sonst maximal zum Elektrobootverleih an der Wagramer Straße führt.

Kathrin Angerer im neuen Polleschstück vor weißen Pferden
Reinhard Werner
Die Zugpferde haben mitunter ausgelassen – hier Kathrin Angerer in der Rene-Pollesch-Uraufführung „Deponie Highfield“

Neue Formate mit Potenzial

Die Festwochen, und das zeigt auch die Reaktion des Publikums auf ORF.at, haben mit dem Weg in die Donaustadt tatsächlich neue Formate probiert. Der Puls aus dem Gemeindebau ragte dabei ebenso heraus wie auch die großangelegte Produktion „Diamante“, die in der Eishalle Kagran tatsächlich im Großformat das Funktionieren künstlich aufgezogener Welten und kontrollierter Gesellschaften im Telenovela-Erlebnisformat hinterfragte. Rund um den Spielort Kagran sind neue, interessante Begegnungszonen entstanden, die tatsächlich mal einen Blickwechsel auf die Stadt und deren Selbstverständnis bringen. Ebenso der Spielort Gösserhallen in Favoriten, der nun im dritten Jahr tatsächlich, auch emotional, so etwas wie eine Intensivnutzung erleben durfte.

Top Drei bei ORF.at

Beim Publikumsinteresse punkteten diese drei Produktionen der Festwochen am meisten:

Die Festwochen, sie waren heuer das, was man in Wien immer schon erwartete: das Schaulaufen der großen Namen. Slagmuylder, diesem Fan der kleinen, ausgetüftelten Formate, sind, auch dank guter Budgetausstattung, tatsächlich die großen Fische ins Netz gegangen. Allerdings waren es nicht immer die neusten Produktionen. Und vielleicht sein Pech: Im Fall von Sibylle Berg/Ersan Mondtag, aber auch bei der Pollesch-Uraufführung haben die Trägerraketen nicht gezündet. Auch die noch von den Vorgängern eingetütete Großproduktion „Mary Said What She Said“ von Bob Wilson mit Isabell Huppert war ja bestenfalls ein Ästhetikevent der Kategegorie: Wenn dich fröstelt, ist es schöner Schauer.

Bei den Performance-Produktionen darf man in Zukunft mehr Strenge erhoffen. Wem in den letzten zwei Jahren Veranstaltungen in der Bauart von God’s Entertainment zu schmalhansig waren, der hat sich in diesem Jahr auch nicht über die Hinterfragung von Machtdiskursen mit eregierten Penissen gefreut.

Wie verwöhnt ist Wien?

Wien war ausgehungert nach den „alten“ Festwochen – und reagierte bei manchen Veranstaltungen doch wie ein verwöhntes Kind. Man mag ja etwa Romeo Castelluccis „Le Metope del Partenone“ zu Recht für einen Rohrkrepierer halten – die Art, wie Teile des Wiener Publikums diese Veranstaltung während der Performance kommentierten, zeugt von einer auch enden wollenden Toleranzbereitschaft.

Slagmuylder konnte dem Festival wieder ein inktellektuelleres Profil geben. Seine Kunst wird in den kommenden Jahren darin bestehen, diesen Zugang auf die großen Formate zu übertragen – und wieder mehr auszuwählen. Crossover als vermeintliche Antwort auf die Saturiertheit mit Hochkultur durfte man in den zwei Jahren schon erleben. Positionieren wird man sich aber mit Marksteinen, die den Begriff Hochkultur mit Unerwartetem, Überraschendem und tatsächlich Neuem auflädt. Es ist Luft nach oben. Und das Glas vielleicht mal halb voll, auch wenn diese Lesart in Österreich eine Kraftanstrengung der besonderen Art im Feld des Wirklichkeitssinns ist.