Szene aus „Faith Hope and Charity“
Maxime Bruno
„Faith, Hope and Charity“

Hoffnungslos am Gesellschaftsrand

Das britische Theaterwunder Alexander Zeldin zeigte am Donnerstag mit „Faith, Hope, Charity“ erstmals einen Teil seiner gelobten Trilogie „The Inequalities“ in Österreich. Den begeisterten Festwochenpublikum wurde ein beklemmendes Sozialdrama präsentiert, das sich auf seine theatralen Mittel verstand.

„There’s No Such Thing as Society“ sagte Magrethe Thatcher als Premierministerin Großbritanniens. In seiner Trilogie „The Inequalities“ zeigt Zedlin, was 34 Jahre nach diesem entlarvenden Satz konsequent aus der Idee der Entsolidarisierung folgt.

In „Fatih, Hope and Charity“ wird ein Community Center zur Anlaufstelle für eine Gruppe von Menschen, für die Auflösung der Gesellschaft bittere Realität ist. Da ist die resolute Hazel (brillant verkörpert von Llewella Gideon), die das Zentrum am laufen hält und genau weiß, dass ihre Besucher in erster Linie kommen um eine warme Mahlzeit und einen trockenen Ort zum verweilen zu haben.

Unterstützt wird sie von Maison (Michael Morris), der die bunte Gruppe zum gemeinsamen Chorsingen animiert und allenthalben von „persönlichem Wachstum“ (Growth) spricht.

Startnachtteil im Wettlauf um die Würde

Diese Phrase verweist aber in ihrer Hohlheit nur auf die Chancenlosigkeit der von Laien und und professionellen Schauspielerinnen und Schauspielern verkörperten Besucher. Ausnahmslos jeder hier ist beschädigt: Ob der mit psychischen Problemen kämpfende Bertrand, die migrantische muslimische Mutter mit ihrer Tochter Tala, der trauernde und im Obdachlosenheim lebende Anthony, der geistig eingeschränkte Carl oder die alkoholkranke Leigh. Die Namen sind wichtig, sie sind der Anker der Würde dieses randständigen Personals.

Szene aus „Faith Hope and Charity“
Maxime Bruno
Das heruntergekommene Community Center als letzte Anlaufstelle

Denn Zeldins naturalistischer Zugang unternimmt eine Gratwanderung: Er zeigt, nach einem Romantitel Fjodor Dostojewskis die „Erniedrigten und Beleidigten“ einer Gesellschaft in der jeder Startnachteil – die falsche Hautfarbe, Geburt in die falsche Familie oder ins falsche Viertel – sich im sozialdarwinistischen Wettlauf um die Existenz fatal auswirken kann. Zwar zeigt der Regisseur seine Figuren nackt, wie sie nackter nicht sein könnten, aber mit der komplexen Psychologie, die er ihnen mitgibt führt er sie niemals vor.

„Faith, Hope and Charity“ ist noch am Sonntag im Rahmen der Wiener Festwochen zu sehen. Mit „Love“ ist ein weiteres Stück der Trilogie „The Inequalities“ Teil des Festwochenprogramms im September.

Weder zur Sozialpornografie noch zum Rührstück verkam dieser grandios durchdachte Theaterabend. Zeldin beherrscht das Spiel zwischen zeigen und deuten in Perfektion. Die Handlung lässt keine Illusion der Rettung oder Besserung aufkommen, jeder, der in den äußersten Bezirken des heruntergedimmten Wohlstandsstaates Großbritanniens gefangen ist, so die sehr direkt daherkommende Botschaft, besitzt keine Gegenwart und Zukunft, keine Aussicht auf Glück oder Besserung.

Nichts als Erinnerung

Was bleibt ist – und das zeigt sich an den Stellen, wo etwa Maison und Beth, eine vor Sorge kranke Mutter, der die Obsorge an ihrer kleinen Tochter entzogen wird, versuchen einander näher zu kommen. Um sich gegenseitig etwas übereinander zu erzählen können sie nur auf Erinnerungen zwischen Heimerziehung, drogenkranken Eltern und einzelne glückliche Stunden in der Verwahrlosung zurückgreifen.

Dass da keine Rede von Selbstverschulden und mangelnder Leistungsbereitschaft sein kann, ist die bittere Pille der zweistündigen Inszenierung. Soziale Ungleichheiten werden so einfach heruntergebrochen, dass da wenig über die Hintergrunde herumzudeuteln ist: Wenn kein warmes Essen da ist, oder der Platz nicht ausreicht, um für eine Verschnaufpause den eigenen Gedanken oder basalen körperlichen Bedürfnissen nachzugehen, fliegen die Fetzen.

Szene aus "Faith Hope and Charity
Maxime Bruno
Ein wenig Spaß bei der Weihnachtsfeier: Beth (Lucy Black) und Tala (Tia Dutt)

Zur kurzfristigen Erbauung singt man im Chor Bob Marleys „Three little Birds“ oder „You get what you give“ der New Radicals, schon der Text entlarvt: „Wake up, kids, we got the dreamers’ disease / Age fourteen, they got you down on your knees / So polite, we’re busy still saying please.“

Wo bleibt die Hoffnung?

Die eigentliche Härte des Stücks liegt aber in seiner metaphorischen und allegorischen Anlage. Die Ersten beiden Zuschauerränge wurden als Seitenbegrenzung für die Szenerie des Community Centers benutzt – und dienten den Protagonisten zwischendurch als Sitzgelegenheit. Wer am Rande des äußersten Randes der Gesellschaft saß, wurde somit auch räumlich daran erinnert, dass es für den Abstieg oft nur wenig Bedarf.

Die Allegorie schließlich, schon angelegt im Titel „Faith, Hope and Charity“ (auf deutsch als christliche Tugenden gemeinhin mit „Glaube, Liebe, Hoffnung“ wiedergegeben) wurde zur bittersten Deutungsebene des Stücks: Faith ist die abwesende kleine Tochter Beths, die auch durch die Hilfe Hazels, die sich als Vormund im Sorgerechtsstreit anbietet, nicht heimgeholt werden kann. Charity ist eine verstorbene Freundin Anthonys, dessen Wut über den Verlust immer wieder aus ihm herausbricht.

Die Hoffnung ist für die Gruppe das Communitiy Center als letzte rudimentäre Form eines Zuhauses. Aber auch hier gibt es kein Erbarmen: Das Community Center wird verkauft um zu hochwertigen Wohnungen entwickelt zu werden. There’s No Such Thing as Hope Outside of Society.