Museumsquartier in Wien
Alexander Eugen Koller
Coronavirus

Kulturkalender online bummvoll

In beeindruckendem Tempo hat die österreichische Kulturszene ihren Fokus ins Netz verlegt. Wenige Wochen haben gereicht, und man könnte ohne Unterbrechung speziell kuratierte Filmfestivals, virtuelle Theater- und Lesemarathons und ebensolche Ausstellungen besuchen. Von Hochkultur bis hinzu Schenkelklopfern ist alles dabei, von regional bis international.

Früher hat man als Netzkunst verstanden, was spezifisch fürs Netz geschaffen wurde, was mit den Möglichkeiten und Beschränkungen des Virtuellen bewusst spielte. Die Netzkunst war ein Teilbereich der Medienkunst und über Ars-Electronica-Grenzen hinaus nur wenigen bekannt. Die althergebrachten großen Institutionen, die Mutterschiffe des Gediegenen, waren zwar auch online – aber brachten nicht viel mehr als behäbige Visitenkarten ihrer Häuser zusammen.

Das hat sich nun radikal geändert: Digitale Gewitztheit ist binnen Stunden nach Absage sämtlicher Kulturevents zur Überlebensfrage geworden. Plötzlich tut sich etwas in der Onlinekultur der Offlinewelt: Kettenlesungen, YouTube-Theater, Blogs, Livecams, virtuelle Rundgänge durch Ausstellungen, spezielle Video-on-Demand-Modelle abseits von Netflix, viel Reflexion über die momentane Situation, und dann ganz einfach auch: Publikumshits zugänglich zu machen. Denn bei aller Kunst und Reflexion will man sich manchmal ganz einfach nur ablenken.

Wien

Von der Kinderoper bis zur Zeitgeschichteausstellung, vom Kabarett bis zur Welt der Habsburger: Das Landesstudio Wien behält den Überblick über die Onlinekultur der Bundeshauptstadt.

Die Secession hat Künstlerinnen und Künstlern, die in den letzten Jahren in der Secession ausgestellt haben, eingeladen, Kurzvideos zu schicken – und ließ ihnen dabei völlig freie Hand. Ein spannendes Experiment.

Das mumok bietet online täglich neue Blogbeiträge, „mumok mini“ für die Kleinen, eine eigene Liveschiene und noch einiges mehr.

Die Kunsthalle Wien hat neue Onlineangebote im Programm. Es gibt jeden Sonntag eine neue thematische Videoführung durch die aktuelle Ausstellung „… von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden“. Mehrere zentrale Videoarbeiten der Schau finden sich online, so etwa „Triple-Chaser“ der Künstler- und Forschergruppe Forensic Architecture.

Eine besondere Kooperation ist das Konzerthaus Wien eingegangen. Gemeinsam mit u. a. der Elbphilharmonie in Hamburg und dem Concertgebouw in Amsterdam streamt die Initiative täglich Konzertaufzeichungen der teilehmenden europäischen Konzerthäuser.

Ein Keksausstecher in Hakenkreuzform und ein von einem Granatsplitter zerfetztes NS-Gesetzbuch: Das sind zwei von elf Objekten, die das Haus der Geschichte Österreich (hdgö) nun in einer Ausstellung zum Kriegsende 1945 zeigt – wegen der Pandemie im Internet.

Das Wien Museum bittet um Hilfe – und die Hilfe kann sogar Spaß machen. Alle sind aufgefordert, sich zu überlegen, ob sie Gegenstände zu Hause haben, die das private oder berufliche Leben mit Corona symbolisieren. Daraus wird dann freilich eine Ausstellung – auf die man schon gespannt warten darf.

Das Jüdische Museum Wien lädt zum Herumflanieren durch die Ausstellungsräume – aber natürlich online: „Unternehmen Sie einen Spaziergang durch ‚Unsere Stadt! Jüdisches Wien bis heute‘ bei Google Art & Culture. Hier gibt es Informationen zu allen ausgestellten Objekten und man kann diese auch ganz aus der Nähe betrachten.“

Das Aktionstheater Ensemble rund um den Theatermacher Martin Gruber streamt „gegen die Einsamkeit“. Jeden Tag ist ein neues Stück zu sehen.

Genau das Richtige für die momentane Situation bietet auch Michael Niavarani als Kampfansage gegen das „Oaschloch-Virus“: Ein ganzer Haufen Kabarettprogramme – nicht nur seine – sind auf der Website seines Globe Wien gratis zu sehen.

Der Verlag Kremayr und Scheriau stellt sein Programm im Videoformat „Zeile für Zeile“ auf Facebook vor. Aktuell gibt es ein Video von Eugen Freund in Quarantäne, er stellt sein Buch „Haben schon alle abgestimmt? Notizen aus dem EU-Parlament“ vor.

Die Stay-at-Home-Sessions von FM4 bieten mit Oehl, Yasmo und die Klangkantine und 5HKD Feinstes aus dem österreichischen Popangebot. Täglich um 19.00 Uhr – Party!

Die Staatsoper Wien klotzt, sie kleckert nicht. Es gibt jeden Abend Programm – online!

Das Filmarchiv Austria bietet eine vollbepackte multimediale Story zur Kulturgeschichte der Wiener Kinos.

Das Belvedere hat eine Streamingführung durch das Obere Belvedere eingerichtet, die täglich ab 15.00 Uhr live mitzuerleben ist und dann auch zeitversetzt gesehen werden kann.

Nicht nur die ORF-TVThek und Flimmit bieten großartige Serien und Filme. Auch Programmkinos sind Anbieter. So kann man etwa auf der Website des Admiralkinos per Video-on-Demand-Service großartiges Kino ins eigenes Wohnzimmer holen.

Mit kräftiger Wiener Beteiligung durch das Vienna Shorts (VIS) haben sich die Kuratorinnen und Kuratoren der Filmfestivals von Cannes, Venedig, Locarno, Berlin und eben Wien zusammengetan und eine fulminante Sammlung von Kurzfilmen online gestellt.

Das Kunsthistorische Museum (KHM) hat unter dem Hashtag „#closedbutactive“ Onlineangebote gebündelt. Neben Artist-Talks und Vorträgen findet sich die Onlinesammlung mit 22.000 Kunstwerken und Objekten sowie die KHM-App mit digitalen Touren online. Viele davon sind extra auf Kinder zugeschnitten.

Die Wiener Bibliotheken bieten für ihre Mitglieder – online anmelden ist möglich – über 10.000 E-Medien zum Download, da ist für jede und jeden etwas dabei, auch Magazine und Zeitungen im „Kiosk“. Das Beste: Diese Services sind nun gratis benutzbar. Außerdem betreiben die Büchereien ab sofort auf ihrem YouTube-Kanal Coronavirus-Lesungen. Ebenfalls online äußerst aktiv: die Bibliothek der Arbeiterkammer (AK).

Um die veranstaltungsfreie Zeit mit literarischen Stimmen zu füllen, postet die Österreichische Gesellschaft für Literatur (ÖGL) jeden Tag eine Lesung, die dort stattgefunden hat, zum Nachhören zu Hause. Auch zu empfehlen ist die gemeinsame Website der österreichischen Literaturhäuser namens mitSprache, die einen Überblick über die aktuellen Onlineintiativen bietet,

Auch das Wiener Rabenhof Theater ist geschlossen – aber Highlights aus den Shows gibt es ins Wohnzimmer geliefert, wöchentlich ab Samstag, 20.30 Uhr auf W24. Den Auftakt machen Ernst Molden, die Performancekünstlerin Florentina Holzinger und das.bernhard.ensemble.

Salzburg

Durch die massiven Einschränkungen wegen der Coronavirus-Epidemie laden auch Salzburger Künstler und Kulturschaffende jetzt online zu Lesungen oder anderen Kulturaktionen. Das Landesstudio Salzburg bietet eine Übersicht der Aktionen aus dem Bundesland.

Mit #kleinePauseMozart meldet sich die Stiftung Mozarteum Salzburg täglich um 11.00 Uhr via Facebook & Website aus dem vielfältigen Mozartschen Kosmos. Geplant sind virtuelle Spaziergänge in den Mozart-Museen, Lesungen, Kurzkonzerte aus dem Wohnzimmer, Talks mit Experten sowie auch ein eigenes Onlineangebot für Kinder und Jugendliche.

Der Salzburger Residenz Verlag veröffentlich unter dem Titel „Alles wird gut“ einen Blog, in dem jeden Tag ein anderer Autor schreibt.

Thomas Friedmann vom Literaturhaus Salzburg kündigt nicht weniger als eine „literatische Anti-Corona-Aktion“ an. Ab Sonntag finden auf der Facebook-Seite der Institution Lesungen statt, für die die Autorinnen und Autoren auch bezahlt werden. Fix ist unter anderem bereits Sophie Reyer.

Niederösterreich

In „Kultur am Wort“ geben Künstlerinnen und Künstler in der Karwoche auf noe.ORF.at Einblick in ihr neues Leben. Den Auftakt machte Filmregisseur und Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky.

Eine Herausforderung sind die Maßnahmen aufgrund der CoV-Krise für die Kulturschaffenden auch in Niederösterreich. Immer mehr kulturelle Institutionen entwickeln in vielen Teilen des Landes neue digitale Angebote. Das Landesstudio Niederösterreich hat sie gesammelt.

Das Museum Niederösterreich hat seine Digitalangebote neu aufbereitet. Diese umfassen die Bereiche Geschichte, Natur und Familien. Neben digitalen Museumsrundgängen warten etwa ein Gespräch mit dem Autor und Journalisten Martin Pollack und Videos mit Bastelideen auf die großen und kleinen Besucher.

Eine Hülle und Fülle an Angebot haben die niederösterreichischen Kultureinrichtungen zu bieten. Eine übersichtliche Liste mit Links bietet die niererösterreichische Landesregierung.

Das sollte man wirklich nicht unterschätzen: Die Landesbibliothek Niederösterreich hat angekündigt, ihre Onlinenutzung kostenlos zur Verfügung zu stellen. Die 15.000 E-Medien sollen sogar noch aufgestockt werden. Tonnen an Lesestoff!

Steiermark

Die steirische Kulturszene ist auch in Coronavirus-Zeiten aktiv. Das Landesstudio Steiermark bietet einen Überblick über die Vielfalt aktueller Kulturangebote im Netz sowie aktuelle Kulturbeiträge.

Das Literaturhaus Graz startet ein neues Format namens „Corona-Tagebücher“. Autorinnen und Autoren wie Birgit Birnbacher, Nava Ebrahimi, Valerie Fritsch, Monika Helfer, Lucia Leidenfrost, Michael Stavaric, Philipp Weiß und Benjamin Quaderer verfassen Texte zu ihren persönlichen Erlebnissen mit der Coronavirus-Krise.

Die Diagonale findet heuer nicht in Graz statt, wohl aber online. Auf Flimmit werden über 40 Filme gezeigt – und eine Handvoll auch kostenlos auf der FM4-Website.

Das Grazer Elevate Festival, das sich gekonnt zwischen Musik, Diskurs und Kunst bewegt, konnte Anfang März garade noch stattfinden. Das so entstandene Medienarchiv hilft jetzt durch die festivalfreie Zeit.

Das Landesstudio Steiermark lädt auf den „Kultur-Balkon“ mit Kabarettisten Oliver Hochkofler und Ewald Pfleger von Opus. Vorgestellt werden außerdem die Aktivitäten des Kindertheaters Next Liberty und des Onlinetheaters LeBe. Und seit Neuestem ist auch die Klosterbibliothek des Stifts Admont online.

Der steirische herbst ist eine wahre Fundgrube: Im umfangreichen Videoarchiv ist Wüstes und Wunderbares aus den Vorjahren zu finden.

Auf RaraBib präsentiert die Steiermärkische Landesbibliothek ihren digitalisierten Altbestand. Der derzeitige Schwerpunkt liegt im Peter-Rosegger-Jahr auf seinem Nachlass. Abrufbar sind aktuell 657 Werke aus dem digitalisierten Bestand der Bibliothek.

Vorarlberg

Das Landesstudio Vorarlberg richtet ein Wohnzimmertheater ein und sorgt für Wohnzimmerliteratur, bei Radio Vorarlberg beschreiben Kulturschaffende in der Reihe „Kunst im Kopf – Bilder zum Hören“ ihre Lieblingsbilder. Hereinspaziert!

Im Kunsthaus Bregenz wird die momentane Ausstellung zu US-Künstlerin Bunny Rogers mit einer Vielzahl an Videos begleitet.

Das Frauenmuseum Hittisau hat letztes Jahr mit einer Ausstellung zu 100 Jahre Frauenwahlrecht brilliert. Zwar gibt es in der jetzt verordneten Schließzeit keine dezidierten Onlineangebote, die Linkliste zu Frauenmuseen weltweit ist aber ein digitaler Fernunterricht in Feminismus.

Burgenland

Die Esterhazy Stiftung im Burgenland veranstaltet an ihren zahlreichen Spielorten Kulturveranstaltung um Kulturveranstaltung. Aber auch online tut sich etwas: Dutzende Videos zeugen – mitunter sehr unterhaltsam – vom burgenländischen Kulturleben der letzten 25 Jahre.

Das Liszt-Zentrum Raiding bietet eine Bildertour durch das letztjährige Festival. Wenn man dann noch auf YouTube bzw. Spotify die Musik des Meisters hört, ist man fast schon dabei …

Das Offene Haus Oberwart (OHO) hat auf seiner Website eine Liste mit YouTube-Videos vergangener Veranstaltungen erstellt. Das ist nicht nur eine gute Visitenkarte, sondern bietet auch tatsächlich Stunden lehrreichen und spannenden Programms.

Oberösterreich

Ein wunderschönes Projekt bietet das Landestheater Linz dem Onlinepubilikum: Jeden Tag liest eines der Ensemblemitglieder ein Kapitel aus Joseph Roths „Reportagen aus Österreich“. Ebenfalls eine tolle Idee: „Mary und Max“, das traurig-schöne Knetkinoerlebnis, als Musical.

Man hat ja so viel versäumt im Ars Electronica Center, wenn man nicht täglich dort war. Das lässt sich jetzt nachholen – mit Tausenden Bildern, Texten und Videos, zum Beispiel zum Thema künstliche Intelligenz.

Wenn es Bildung sein darf und nicht Unterhaltung sein muss, dann sei die umfangreiche, wissenschaftlich akribischst kuratierte Website des Mauthausen Memorial empfohlen.

Tirol

Konzerte, Theateraufführungen und Ausstellungen sind auch in Tirol abgesagt. Das Publikum bleibt zu Hause. Das bringt viele freischaffende Künstlerinnen und Künstler finanziell in eine prekäre Lage. Alternative Auftrittsmöglichkeiten sind gefragt – das Landesstudio Tirol hat Tipps.

Onlinekultur wird auch im Literaturhaus am Inn groß geschrieben. So hat man sich ein vielfältiges „QU-Programm“ ausgedacht. Robert Prosser legt eine lesenwerte Reportage aus Beirut vor, wechselnde Lesungen gibt es auf dem YouTube-Kanal. Ein besonderes Videoprogramm liefert der Innsbrucker Limbus Verlag. Hier präsentieren Autoren der Lyrikreihe die Bände des Frühjahrprogramms. In der gerade online gegangenen ersten Staffel liest zum Beispiel Timo Brandt aus „Das Gegenteil von Showdown“.

Das Literaturhaus am Inn mit seinem –„QU-Programm“

Äußerst unterhaltsam und historisch spannend ist das Amateurfilmarchiv der Tiroler Landesmuseen, online gestellt unter dem Titel „Bewegtes Leben“. Stundenlang kann man hier schmökern – und sieht danach die ganze Welt nur noch in Sepia und Super-8-Ästhetik.

Auch der Kunstraum Innsbruck lässt sich nicht lumpen und bietet als „Kunst in Krisenzeiten. Online Screening“ den Film „Das Wachtelkönig Paradox“ von Georg Oberlechner.

Kärnten

Das Volkskino Klagenfurt hat eine hervorragende Liste von Filmen kuratiert und via einer Video-on-Demand-Plattform online kostenpflichtig zugänglich gemacht. Zum Beispiel online: Adrian Goigingers „Die beste aller Welten“. Mit dem Gutscheincode VOD2020 ist nach dem Registrieren der erste Film gratis.

Der Bachmannpreis wird dieses Jahr – so viel steht schon fest – in ungewohnter Form stattfinden. Bis dahin kann man sich mit dem Videoarchiv der vorherigen Jahre die Zeit vertreiben: Böse Verrisse, starke Texte und gelegentliche Showeinlagen wie Autoren, die ihre Texte aufessen (Philipp Weiss 2009), warten in der digitalen Schatzkiste.