Smartphonen in einer Schüssel mit Reis

Getty Images/Carlos Fernandez

„How-to“-Anleitungen immer hinterfragen

Für durchnässte Telefone, zerschmetterte und zerkratzte Displays kursieren im Internet allerlei kuriose Methoden, die diese Schäden angeblich mit günstigen „Hausmittelchen“ beheben können. Warum sich der Mythos um den Reis als Allheilmittel so hartnäckig gehalten hat und man eine Festplatte lieber nicht in den Tiefkühler legen sollte.

Wer ein Telefon besitzt, der weiß: Diese Geräte haben eine sehr glatte Oberfläche und können leicht aus der Hand fallen. Nicht selten landen sie dabei in einer Wasserlacke oder werden beim Skifahren im Schnee begraben. Die Allround-Lösung scheint simpel und meist auch zu funktionieren: Handy ausschalten, auseinandernehmen, abtrocknen und einfach einmal abwarten. So oder so ähnlich lauten die Tipps der YouTube-Tutorials, die versprechen, das nasse Handy innerhalb von 24 Stunden wieder funktionstüchtig zu machen.

Reis als Notlösung für trockene Lagerung

Das universelle Zaubermittel allerdings, um Geräte von Feuchtigkeit zu schützen und sie sogar gänzlich davon zu befreien, ist angeblich Reis. Ungekocht natürlich und unabhängig von der Sorte wird er seit über einem halben Jahrhundert dafür eingesetzt, Feuchtigkeit zu „bekämpfen“.

Im amerikanischen Konsumentenmagazin „Popular Photography“ war bereits 1946 die Rede davon, dass sich für die Aufbewahrung bereits belichteter Filme als „Notlösung“ am besten Reis, Tee und braunes Papier eigne. Und weiter: „Ihr Feuchtigkeitspegel ist sehr gering – trotzdem ist eine große Menge vonnöten, um einen hinreichenden Effekt zu erzeugen, und sie würden generell nicht benutzt werden, wenn Kieselgel verfügbar wäre“, heißt es in der Juni-Ausgabe.

„Handy-Reis-Mythos“ entkräftet

Aus dem Provisorium scheint ein Allheilmittel geworden zu sein, und die Google-Suche vervollständigt die Wörter „Handy nass“ an zweiter Stelle bereits mit „Reis“. Der „Handy-Reis-Mythos“ wurde vor zwei Jahren einer Studie unterzogen und damit endgültig entkräftet. Die Tests des amerikanischen Datenrettungsunternehmens TekDry wiesen nach, dass Reis nicht nur kein zuverlässiger Trockenstoff ist, sondern auch noch weniger Effekt hat, als das Gerät ohne Hilfsmittel trocknen zu lassen.

Bei einem Kurzschluss hilft kein Hausmittel

Je schneller gehandelt wird, desto größer sind die Chancen, dass es wieder laufen könnte, deshalb „sollten Konsumenten zweimal überlegen, bevor sie wertvolle Zeit mit Reis verschwenden“, kommentierte TekDrys Mitgründer Adam Cookson das Ergebnis der Studie.

Auch Datenretter und Geschäftsführer von Attingo Datenrettung Nicolas Ehrschwendner weiß, dass Wasser und Elektronik nicht zusammenpassen: „Die generelle Problematik bei Geräten mit Akkus ist, dass diese meistens unter Strom stehen und bei Wassereintritt ein Kurzschluss erzeugt werden kann, welcher die elektronischen Komponenten zerstört.“ Auch vom Föhnen ist abzuraten, da durch die extreme Hitze die Technik beschädigt werden könnte und das Wasser womöglich noch in andere Bereiche des Telefons verteilt werden könnte.

„Schocktherapie“ für Festplatten

Trotzdem glauben viele weiterhin, mit den wasserabsorbierenden Getreidekörnern, einem Föhn oder sogar einer Runde im Backofen die unerwünschte Feuchtigkeit in ihrem Smartphone abtransportieren zu können. Neben Reis und Kieselgel kommen mittlerweile auch Katzenstreu, Haferflocken, Couscous und sogar Chia-Samen als Retter ertrunkener Handys zum Einsatz.

Ein anderer fehlerhafter Ratschlag, der auf Internetforen als „Erste Hilfe“ kursiert, ist die „Schocktherapie“ für defekte Festplatten. Es reiche laut „Experten“ nämlich, diese ins Tiefkühlfach zu legen, damit sie wieder funktioniert. Laut Attingo kann so eine Behandlung sogar eine voll funktionstüchtige Festplatte beschädigen. Bei Nässe sollten diese heiklen Geräte in ein leicht feuchtes Tuch eingewickelt und sofort in ein Labor gebracht werden, da Wasserschäden als Einzige – auch ohne erneutes Einschalten – über die Zeit mehr Schäden verursachen können, so Ehrschwendner.

Kleine Mängel selbst in die Hand nehmen?

Andere „Lifehacks“ hingegen können tatsächlich kleine Schäden beheben. Die Liste der empfohlenen „Behandlungsutensilien“ reicht von Zahnpasta, Natron und Schleifpapier bis zu pflanzlichem Öl. Die Medienwebsite CNET hat einige dieser angeblich wirkenden Methoden durchprobiert.

Polyethylenschaum, also jenes Material, mit dem üblicherweise Rohre isoliert werden, und ein weißer Radiergummi konnten angeblich das Handydisplay in Sekundenschnelle von Kratzern befreien. Der oft zitierte Zahnpastatrick schien dem Display zusätzlichen Schaden zuzufügen, Backpulver produzierte zwar einen ansehnlichen Glanz, die Kratzspuren blieben allerdings bestehen.

Selbst zum Handwerker werden

Über kleine Kratzer werden die meisten Handybesitzer wahrscheinlich hinwegsehen können, ein vollkommen zerstörtes Display könnte die Bedienung des Gerätes jedoch unmöglich machen. Jene, die sich ungern von ihrem Telefon trennen, werden manchmal selbst zum Handwerker.

Über einschlägige Internetseiten wie IFixit.com können passende Ersatzteile für die Reparatur aller Geräte bestellt werden. Bebilderte Schritt-für-Schritt-Anleitungen garantieren in den meisten Fällen eine Fehlerbehebung. Allerdings sind dafür ganz bestimmte Werkzeuge erforderlich.

Der Nutzer muss letztendlich entscheiden, ob er selbst an seinem Gerät werkelt oder die Arbeit lieber einem Profi überlässt. Auch wenn das Internet noch immer daran festhält: Auf Reis oder andere Getreidesorten sollte vorsichtshalber verzichtet werden.

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Publiziert am 06.08.2017

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