Regie: Friederike Heller;Bühne: Sanine Kohlstedt; Kostüme: Ulrike Gutbrod ; Licht  OLAV FREESE
Christian Friedel;Luisa.Celine Gaffron: Andre Kaczmarczyk; Eva Löbau; Nahuel Perez Biscayart; Sophie Semin; Hanns Zischler;  Live-Musik Renu Hossain (RENU)
Michael Mühlhaus
Peter Thiessen
Ruth Walz / Salzburger Festspiele
„Zdenek Adamec“

Handke sucht die wahrhafte Geschichte

Wer Peter Handke verstehen möchte, ist am Ende besser in seinem Werk aufgehoben als mit manchem Interview. Zumal Interviews mit Handke gerne in Stellungskonflikten stranden. Mit der Uraufführung von „Zdenek Adamec“ am Sonntagabend in Salzburg kann man einen direkten Zugang zum Werk finden: Das Stück handelt vom Versuch, eine wahrhafte Geschichte herzustellen. Dass wahrhaft nicht immer real heißt, ist einer der großen Reibepunkte, zumal dann, wenn es nicht um poetische Weltsichten, sondern politische Bezüge geht.

Zdenek Adamec, die titelgebende Figur von Handkes jüngstem Stück, ist eine reale Person. 2003 zündete sich Adamec auf dem Prager Wenzelsplatz auf den Stufen des Nationalmuseums an und sprang von einer der beiden Terrassen. 40 Minuten nachdem er sich mit einem Zündholz in Brand gesetzt hatte, war Adamec tot. Sein Suizid, den er in zwei Abschiedsbriefen mit dem Protest gegen eine vom Geld regierte Welt erklärte, weckte nicht nur in Tschechien Erinnerungen an Jan Pallach, der sich 1969 aus Protest gegen den Einmarsch der Roten Armee auf dem Wenzelsplatz verbrannt hatte.

Sieben Personen suchen eine Geschichte

Handke versammelt in seinem Stück, das er nur als „Szene“ ausgibt und das sich an eine Passage seines Buches „Die Obstdiebin“ anlehnt, sieben Personen, die einander lange nach dem Tod von Adamec treffen, um seine Geschichte herauszufinden. Über ein „Spiel“ soll Gewusstes und Gesehenes zusammengetragen werden – einig ist man sich, dass man „nicht interpretieren“ wolle. Das habe man zu Beginn so vereinbart – und das Moment der Vereinbarung ist sehr wichtig in dieser Welt des Geschichtenfindens.

Man erkennt in der Anlage des Stücks sehr klar den wunden Punkt bei Handke, nicht zuletzt seit der Nobelpreisverleihung: Es ist die öffentliche Meinung. Das Narrativ einer Mehrheit war und ist Handke, und davon handelt auch dieses Stück, zutiefst suspekt. Dass er dabei fast justament den Kontrapunkt vertreten muss, ist Teil der Positionierung Handkes. Und, wenig Wunder, trägt das nicht immer zum Verständnis, sondern wie in der Balkan-Frage zur Vertiefung von Konflikten bei, die sich eigentlich auflösen ließen.

Bewusst lässt Handke alle Vermutungen, allen Tratsch und alle Gerüchte zu in der Rekonstruktion dieser Lebensgeschichte. Sieben sehr unterschiedliche Personen, dargestellt von einem hochkarätigen Schauspielerteam, verkörpern dabei unterschiedlichen Typen, um mit einem Auftrag umzugehen und sich einer Sache vielleicht anzunähern – die eine leicht verschwörungstheoretisch angehaucht, ein anderer alterswitzig; wieder ein anderer ein Jongleur mit den Fakten.

Regie: Friederike Heller;Bühne: Sanine Kohlstedt; Kostüme: Ulrike Gutbrod; Licht Olaf Freese
Christian Friedel;Luisa.Celine Gaffron: Andre Kaczmarczyk; Eva Löbau; Nahuel Perez Biscayart; Sophie Semin; Hanns Zischler;  Live-Musik Renu Hossain (RENU)
Michael Mühlhaus
Peter Thiessen
Ruth Walz
Jeder misstraut den Fakten auf seine eigene Weise: Eva Löbau und Andre Kaczmarczyk (vorne), Hans Zischler (hinten links), Nahuel Perez Biscayart (liegend), Luisa-Celine Gaffron und Christian Friedel

Den Informationen misstrauen

Handke spricht mit diesem Stück eine Einladung aus: der Welt der dauerhaft verfügbaren Information tief zu misstrauen. „Es scheint, als würde es nur um Aktualität gehen und hinter der Aktualität keine Welt.“ Das ist vielleicht einer der Schlüsselsätze dieses Abends – und ein Angebot, Handke zu „lesen“, zu verstehen. Wenn etwas als Referenz und Fakt behauptet wird, weil es Experten sagen, „bis hinauf zur ‚Washington Post‘“, dann mobilisiert Handke die Widerrede. Eigentlich, so merkt man, war er nie anders.

Premiere von Handkes „Zdenek Adamec“ in Salzburg

Adamec hat sich 2003 auf dem Wenzelsplatz in Prag als Zeichen des Protests verbrannt. In „Zdenek Adamec“ erzählt Literaturnobelpreisträger Peter Handke, warum Adamec das getan hat. Premiere war Sonntagabend im Salzburger Landestheater.

Handke wünscht sich, dass ihm mit diesem Stück Gerechtigkeit widerfahre. Eigentlich spannt er in zwei Stunden, die dieser Abend dauert, alle Themen seines Werkes von Sprachskepsis bis Sprachspiel, ja Sprachwitz auf. Regisseurin Friederike Heller, die trotz ihres jungen Alters mittlerweile die Handke-Expertin für die Bühne ist, hat gemeinsam mit Andrea Vilter eine Textfassung zu Handkes Szene erarbeitet.

Hinweis

„Zdenek Adamec“ ist im Rahmen der Salzburger Festspiele am 4., 7., 9., 12., 13. und 15. August zu sehen.

Der Text sucht die Personen

Rollen gibt es ja bei Handkes Vorlagen nicht mehr – und so muss der Text seine Personen finden. Das ist das poetologische Stilprinzip seiner späten Arbeit. Heller gelingt das bravourös, ja man meint, dass Handke-Texte erst ihren Sinn dadurch erfahren, von Personen verkörpert zu werden. In diesem Fall ist es mit Christian Friedel, Luisa-Celine Gaffron, Andre Kaczmarczyk, Eva Löbau, Nahuel Perez Biscayart, Handkes Frau Sophie Semin und dem knorrig-ironischen Hans Zischler ein hochkarätiges, von den Persönlichkeiten aber auch sehr unterschiedliches Schauspielerensemble. Und man kann sich vorstellen, wie leicht dieser Versuch des Text-Inactments mit weniger präsenten Charakteren stranden könnte.

Peter Handke auf der Bühne nach der Uraufführung seines Stücks „Zdenek Adamec“
ORF.at
Versuch über den gelungenen Abend: Peter Handke auf der Bühne des Landestheaters neben Regisseurin Friederike Heller und seiner Frau Sophie Semin

Wie schon Dimiter Gotscheff in seiner poetischen Befragung zum Handke-Text „Immer noch Sturm“ 2009 auf der Pernerinsel entscheidet sich Heller für die Struktur der Revue. So dreht sich der Versuch, die Geschichte von Adamec zu konstruieren, immer auf sich selbst zurück und berichtet gerade auch von jenen, die Geschichte verhandeln wollen. Dass es Typen sind und keine Individuen, Personifizierungen von Haltungen, auch Irrungen, verbindet diesen Text in gewisser Weise mit dem „Jedermann“. Nur dass es bei Handke keine Erlösung gibt.

Wissen wir am Ende, wer Zdenek Adamec war? Nein, aber was zählt, ist der Versuch und die Wahrhaftigkeit der Anstrengung, überhaupt das Ins-Gespräch-Kommen. Jeden Tag müssen wir weiter Geschichten spinnen, uns dem Unterfangen zu erzählen stellen. So wird auch Handke rastlos bleiben. Seine Welt und auch seine Weltsicht kennen wir.