Giacomo Puccinis Opernhit – seit der Uraufführung 1900 in Rom immer unter den meistgespielten Werken weltweit – gilt als Primadonnenoper par excellence. Wenig überraschend ist die Tosca seit Netrebkos Rollendebüt vor gut drei Jahren an der New Yorker Metropolitan Opera auch zu ihrer nächsten Glanzpartie geworden.
An der Mailänder Scala 2019, der Wiener Staatsoper 2020 und zuletzt auch als Einspringerin bei den heurigen Salzburger Pfingstfestspielen sammelte sie unüberhörbar Routine für diese Rolle: Den Bogen von der eifersüchtigen Diva zur sanft Verliebten, von großem Kampfgeist bis zur stillen Verzweiflung – lyrisch zart, mühelos in die Tiefe und zum großen Drama wechselnd – sämtliche Nuancen der Tosca trägt Netrebkos Stimme. Ihr „Vissi d’arte, vissi d’amore“ („Ich habe für die Kunst gelebt, für die Liebe“), die zentrale Arie der „Tosca“ ist das tief berührende Highlight, dem wenig überraschend großer Szenenjubel folgte.
Die Männer neben Netrebko
Im Schatten Netrebkos ist es schwer zu glänzen, ein Schicksal, das ihr Ehemann und Bühnenpartner Yusif Eyvazov gelassen trägt. An ihrer Seite singt er den Cavaradossi schon seit ihrem New-York-Debüt – mit Hingabe und Leidenschaft, nicht immer in der idealen Kraftbalance aber im wesentlichen Moment – seiner wichtigsten Arie „E lucevan le stelle“ („Und es leuchteten die Sterne“) – tadellos.

Auf männlicher Seite deutlich stärker ist Bariton Ludovic Tezier als Scarpia, der schon vor drei Jahren bei den Osterfestspielen mit an Bord war. Im Maßanzug mit weißem Haar blitzgealtert gibt der französische Sänger den skrupellosen Unsympathen, stimmlich ideal dosiert, mit geschmeidiger Wucht und veristischem Anspruch. Als autodidaktisches Wunderkind vorab genauso gefeiert wie nach seinem Auftritt wurde der erst elfjährige Daniel Fussek mit seinem Soloauftritt als Hirtenbub (respektive Mafia-Nachwuchs in dieser Inszenierung).
Marco Armiliato am Pult der Wiener Philharmoniker führt musikalisch mit Wucht, fand dabei aber nicht recht zu einer ausbalancierten Linie. Teils übertönt das Orchester so Sängerinnen und Sänger, teils fehlte der Musik doch ein Stück vom großen Drama, das Puccini in die Liebesgeschichte zwischen Sängerin Floria Tosca und Maler Mario Cavaradossi gesteckt hatte.

Ein Mafia-Krimi, ein Liebesdrama
Verpackt in einen Politkrimi zur Zeit der napoleonischen Kriege ist die Oper nämlich ein quasi atemloses Werk. Der Komponist wollte mit seiner Partitur glänzen und alles an Psychologisierung, Dynamisierung und Pathos aus den vergangenen hundert Jahren Oper auftischen. „Jedermann“-Regisseur Sturminger beließ die präzise in der Partitur vorgegebenen Schauplätze in Rom bei – versetzte sie aber ins 21. Jahrhundert und scheute auch ein neues Ende nicht.
Hinweis
„Tosca“ ist bei den Salzburger Festspielen noch am 24., 27. und 31. August im Großen Festspielhaus zu sehen.
Vor dem musikalischen Auftakt wird das Setting abgesteckt: Eine Maschinengewehrschießerei in einer Tiefgarage unter Rom eröffnet den Abend im Mafia-Milieu. Polizeichef Scarpia wird zum sadistischen Paten, der auf der Suche nach einem politischen Gegner den Maler Cavaradossi festnehmen lässt und versucht, aus ihm den Aufenthalt des Flüchtigen herauszufoltern.
Tosca, die zuvor mit Eifersuchtsausbrüchen ihre Liebe zum Maler deutlich gemacht hatte, will ihn vor dem Tod retten, was ihr ebenso wenig gelingt wie – und hier greift Sturminger in den Originalplot ein – der Mord an Scarpia bei seinem Versuch, sie zu vergewaltigen. Der Regisseur lässt den Polizeichef dramaturgisch absolut schlüssig überleben. Am Ende stürzt sich Tosca nicht von der Engelsburg, sondern wird aus Rache von Scarpia erschossen.
Geklotzt, nicht gekleckert
Das Ausstattungsduo Renate Martin und Andreas Donhauser sorgte für eine schlüssige visuelle Umsetzung des Konzepts. Die Zeitverschiebung der Inszenierung ist an den elegant heutigen Kostümen und Versatzstücken wie einem Hometrainer bei Scarpia präsent, das Bühnenbild vereint Vergangenheit und Zeitlosigkeit in gemeinsamer Opulenz: ein mächtiges Seitenschiff der römischen Kirche Sant’Andrea della Valle, ein nicht weniger beeindruckender Saal im Palazzo Farnese und eine Kerkerszene mit Blick auf die Engelsburg in der Morgendämmerung.
Wäre die Messlatte an eine antizipierte Höhepunktproduktion in Salzburg nicht gar so hoch, müsste man an dieser aufwendigen „Tosca“ wohl gar nicht zu viel kritisieren. Verstecken muss sich weder die Inszenierung – vereinzelte Buhrufe für die Regie gingen im Applaus nahezu unter – noch die Besetzung. Und ein Festspielsommer ohne Netrebko wäre ja auch immer irgendwie nicht komplett.