Corinne Winters als Kata Kabanova hinter einem Vorhang
Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus
Saison 2022

Das waren die Highlights in Salzburg

Mit einer Pandemie im Nacken und einem Krieg vor der Haustür waren die Salzburger Festspiele kein einfaches Terrain. Der Debatte, wer in Salzburg auftreten dürfe, entzog man sich mit einer furiosen Eröffnungsrede von Ilija Trojanow, der den Zusammenhang von Kunst und Politik abseits gängiger Floskeln schonungslos offenlegte. Auch beim Kultursponsoring, so sein Hinweis, könne nicht Ausbeutung betrieben und zugleich das Gute im Menschen gefeiert werden. Auf der Bühne gab es mit Corinne Winters einen neuen Star. Und sonst viel gutes Theater.

Blickt man auf die Zugriffe des Publikums von ORF.at, so interessierte durchaus das Politikum der Salzburger Festspiele am meisten. Wie würden sich die Festspiele, immerhin 1920 in den Stunden höchster materieller Not und mit einem Krieg in mehr als lebhafter Erinnerung, stellen? Wer auftreten dürfe, und ob Teodor Currentzis oder nicht, wurde im Vorfeld so unentschieden diskutiert – und von der Festspielführung auch nicht ohne eine gewisse Nervenanspannung wahrgenommen. Bevor sich Festspielchef Markus Hinterhäuser seinen Lieblingsdirigenten rausschießen ließe, würde er wohl lieber das Event absagen, könnte man seine Stimmungslage mutmaßlich zusammenfassen. Am Mittwoch bilanzierte man jedenfalls mit 96 Prozent Auslastung und 240.000 Besucherinnen und Besuchern bei den heurigen Festspielen und knüpfte damit an das eigene Rekordjahr von 2019, also vor der Pandemie an – mehr dazu in salzburg.ORF.at.

Eine Mio. Abrufe

Über eine Million Mal wurde der Festspielkanal zu Salzburg in diesem Jahr vom Publikum abgerufen. Die Eröffnungsrede von Ilja Trojanow, der „Jedermann“ und Schnitzlers „Reigen“ waren die Publikums-Top-Drei.

„Lügner und Heuchler gibt es nicht nur in Russland, auch in Österreich gibt es sie, die Händchenhalter“ – daran erinnerte Trojanow in seiner eindrücklichen Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele. Die Gier verbinde auch ehemalige Politiker und andere mehr mit der Logik des Krieges. Es sei auch nicht legitim, eine Bank zu überfallen, weil man mit dem erbeuteten Geld den „Fidelio“ aufführe, so seine Kritik an „naivem Kultursponsoring“ – mehr dazu in „Die Händchenhalter sitzen auch in Österreich“. Eingesetzt für diesen Festredner hatte sich jedenfalls der Festspielchef höchstpersönlich und damit gezeigt, dass man in Salzburg zumindest den unbequemen Diskurs nicht scheut.

Corinne Winters als Ka’a Kabanova
Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus
Salzburgs Shootingstar 2022: Corinne Winters als Kat’a Kabanova

„Kat’a Kabanova“ als Inszenierung des Sommers

Im künstlerischen Bereich zündete heuer ein Event, das vielleicht nicht alle als künstlerische Nummer eins auf dem Spickzettel hatten. Denn nicht die große Materialverbrennung von Romeo Castellucci zu Bela Bartoks „Herzog Blaubarts Burg“ und Carl Orffs „De temporum fine comoedia“ samt einer mittlerweile etablierten Ausrine Stundyte brachten den Funken zum Überspringen, sondern großes Handwerk in der Kombination von Regisseur Barry Kosky und dem Festspieldebütanten Jakub Hrusa am Pult. Leos Janaceks „Kat’a Kabanova“ in der mehr als schwierigen Felsenreitschule wurde zum Opernmeisterstück des Sommers. Und Winters als Kat’a die Prima Donna der Festspielsaison – mehr dazu in „Kat’a Kabanova“ als Opernmeisterstück.

Unterdrückte Sternstunde

Asmik Grigorian hatte heuer zwar nicht das Nachsehen, lieferte sie doch drei große Auftritte in Giacomo Puccinis Oper „Il trittico“. Alleine „Suor Angelica“ an den Schluss dieses Opern-Triptychons zu setzen erwies sich nicht gerade als dramaturgischer Glücksfall, wenn die Nonne am Schluss ins kleine Schwarze steigen muss, um aus der Reihe der Klosterfrauen herauszustechen. Musikalisch war die Oper unter Franz Welser-Möst auf höchstem Niveau umgesetzt, die Regiearbeit von Christof Loy löste allerdings nicht die Erwartungen ein, die man nach den Ankündigungen haben konnte – mehr dazu in Grigorians Himmelfahrt mit Tschick.

Asmik Grigorian mit Zigarette
Monika Rittershaus, Salzburger Festspiele
Asmik Grigorian und die Himmel- oder Höllenfahrt einer Nonne in Puccinis „Il trittico“

Eidinger, der Erlöser

Beim Theater waren die Reaktionen von Publikum und Kritik so breit gestreut wie schon lange nicht. Der popkulturell auffrisierte „Jedermann“ mit Lars Eidinger und Verena Altenberger war auch mit der leichten Überarbeitung eine fixe Bank und auch im Jahr zwei dieses Paares Anziehungspunkt für neue Schichten. Allein durch die Ankündigung Eidingers, nicht weitermachen zu wollen, steht für das kommende Jahr ein neues Jedermann-Buhlschaft-Paar infrage.

Ohnedies hat man jetzt genug Eidinger-Overkill in Salzburg hinter sich. Und unter seiner Dauer-Exposure zwischen Domplatz, Galerien und DJ-Pult schien der Schauspielstar am Ende selbst am allermeisten zu laborieren. Mit ihm hat das hölzerne Erlöserstück freilich eine frische Patina aufgezogen – mehr dazu in Was dann, „Jedermann“?.

Szene aus „Jedermann“
SF/Matthias Horn
Beim „Jedermann“ dominierten in den Debatten am Rand Fragen über Frisuren und Körperlichkeiten

In Hallein ging es nach Ingoldstadt

Wenig Erlösung gab es freilich auf der Perner-Insel erwartungsgemäß bei Marieluise Fleißers Kombistück „Ingolstadt“, das Regiestar Ivo van Hove gleich aus zwei Arbeiten der Autorin herauspräpariert hatte, leider mit wenig Gewinn für den Theaterabend. Möglich, dass man für die Version im Burgtheater, wo „Ingolstadt“ ab Herbst zu sehen sein wird, noch nachschärft. Ohnedies war die Premiere von zahlreichen Covid-Fällen überschattet, so dass man sicher nicht von einer komplett ausgereiften Umsetzung bei der Premiere ausgehen durfte – mehr dazu in Weltenbrand und Weltgericht.

Rund 40.000 Besucher bei Festspielnächten

Sonntagabend gehen die Festspielnächte in der Salzburger Altstadt zu Ende. In diesem Sommer kamen insgesamt rund 40.000 Besucher zu den Open-Air-Übertragungen von Festspielopern auf den Kapitelplatz.

Gespalten waren die Kritiken bei den Umsetzungen in Salzburg von Arthur Schnitzlers „Reigen“ und auch bei der Bearbeitung des „Iphigenie“-Stoffes. Teilweise lagen bei den Bearbeitungen durch das Schauspielhaus Zürich (Schnitzler) als auch Thalia Theater („Iphigenia“) die Meinungen des Publikums sehr auseinander. Der „Reigen“ war mit zehn neuen Texten recht frei in die Gegenwart verlagert worden (Schnitzler und die „Puderanten“). Dennoch gelang gerade durch großes schauspielerische Leistung, man denke nur an Sibylle Canonicas Auftritte, und großes Handwerk ein mehr als überzeugender Abend.

Und dass man die „Iphigenie“ neu sehen darf, mag den Puristen nicht gefallen haben – eigentlich war auch dieses Finale auf der Perner-Insel ein mehr als deutlicher Fingerzeig in Richtung eines Theaters, wie man es zumindest auf den großen Bühnen Österreichs schon seit einiger Zeit vermisst – mehr dazu in In Flossen gegen den Familienfluch.

Die Dirne und der Offizier in der jetzigen Inszenierung
Lucie Jansch
Sibylle Canonica (M.) drückte dem Salzburger „Reigen“ einen unverwechselbaren Stempel auf

„Verrückt nach Trost“ – das Schauspielhighlight

Wenn es so etwas geben sollte wie ein Hauptthema auf der Bühne, dann wohl die Frage, „wie man richtig am Leben ist“. Die Uraufführung „Verrückt nach Trost“ war das Schauspielfeuerwerk bei den Festspielen. Das witzig-melancholische, teils absurde Episodenstück von Thorsten Lensing wurde zur Truhe voller Gedankenschätze – gehoben und getragen wird es von einem grandiosen Viererensemble: Sebastian Blomberg, Andre Jung, Ursina Lardi und Devid Striesow – mehr dazu in Ein erlösendes Schauspiel.

Szenenbild aus „Verrückt nach Trost“
SF/Armin Smailovic
Ursina Lardi und Devid Striesow als Waisenkinder in „Verrückt nach Trost“

Eine gerettete „Zauberflöte“

Gerettet hat man in Salzburg in diesem Jahr definitiv Lydia Steiers „Zauberflöte“ mit Joana Malwitz am Pult – mehr dazu in „Die Zauberflöte“ zündet beim zweiten Mal. Die Verlegung dieser Arbeit von 2018 ins Haus für Mozart brachte mehr Spielwitz – und auch eine Oper, die das Reich Sarastros durchaus in die Politik der Gegenwart führte. Beim Versuch, Shirin Neshats „Aida“ noch einmal zu beleben, war sich die Kritik dafür relativ sicher: Diese Inszenierung einer der Oper so fremden Künstlerin bleibt dem Genre fremd.

Blickt man auf das Interesse beim Publikum von ORF.at, dann war heuer nicht der „Jedermann“ die gesetzte Nummer eins der Abrufquoten, sondern die Eröffnungsveranstaltung in Zeiten des Krieges und schwieriger Diskurse. Auf Platz drei in der Publikumsgunst: die Kritik von Schnitzlers „Reigen“.