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Das fast vergessene Arsenal

Im Zuge des Kalten Krieges kam es zwischen den Supermächten zu einem Wettrüsten, das die Anhäufung riesiger Atomwaffenarsenale weltweit zur Folge hatte. Laut Angaben des US-Verteidigungsministeriums von 2010 zählt das Nuklearwaffenlager der USA 5.113 Sprengköpfe, die in naher Zukunft auf den neuesten Stand gebracht werden sollen.

Wenn aus vermoderten Rohren Flüssigkeit mit kontaminierten Substanzen tropfte, hieß die bisherige Lösung, den Lecks mit Isolierbändern und Plastiksäcken zu Leibe zu rücken. Das zeigen etwa Bilder einer US-Forschungseinrichtung in Los Alamos, New Mexico, in der „Washington Post“. Das geplante Monsterprojekt zur Generalsanierung sei dem Bericht zufolge lange überfällig und soll laut Schätzungen des US-amerikanischen Stimson Center mindestens 352 Milliarden Dollar (267 Milliarden Euro) verschlingen. Der Betrag könnte durchaus auch an der Billionen-Dollar-Marke kratzen.

B53-Atombombe auf einem Transportwagen

Reuters/National Nuclear Security Administration

Die Atombombe B53 wird in einer Anlage in Texas für die Demontage vorbereitet

Dem „vergessenen“ nuklearen Waffenarsenal steht damit die kostenintensivste Sanierung in der US-Militärgeschichte bevor. In den vergangenen zwanzig Jahren hatten die Behörden den heruntergekommenen Zustand der alternden Atomwaffenlager geduldet. Laut „Washington Post“ wurde das Vorhaben immer wieder verzögert, mit dem Argument, hier würden Unsummen in Projekte gesteckt, die in der Öffentlichkeit zu wenig Beachtung fänden.

Konkrete Kosten der Aufrüstung noch unklar

Das US-amerikanische Verteidigungs- und Energieministerium gibt allein für die Wartung der Systeme jährlich etwa 31 Milliarden Dollar (23,5 Milliarden Euro) aus. Wie viel die Aufrüstung und Instandhaltung der Atomwaffen sowie die Renovierung der Forschungseinrichtungen konkret verschlingen wird, ist noch unklar. „Ich bin seit 20 Jahren hier beschäftigt und habe noch nie Sanierungsmaßnahmen in einem derartigen Umfang erlebt“, zitiert die „Washington Post“ Thomas D’Agestino, Leiter der Nationalen Verwaltung für Nukleare Sicherheit (National Nuclear Security Administration, NNSA).

Das Upgrade einzelner Atombomben und -raketen, mit dem diese auf den neuesten Stand gebracht werden sollen, werde mit mehreren Milliarden Dollar zu Buche schlagen. Nach Angaben des Pentagons werden allein die Sanierungskosten einer der sieben Waffentypen - die Bombe B61 - mit etwa zehn bis 25 Milliarden Dollar (7,6 bis 19 Milliarden Euro) beziffert.

Teurer als Soforthilfe

Im Vergleich dazu: Im August 2005 hatte der Hurrikan „Katrina“ an der Golfküste der USA gewütet und Schäden von etwa 108 Milliarden Dollar (82 Milliarden Euro) verursacht. Über 1.800 Menschen kamen dabei ums Leben. Als Soforthilfe stellte der US-Kongress 15 Milliarden Dollar (11,4 Milliarden Euro) zur Verfügung.

B53-Atombombe

Reuters/Photo Courtesy B&W Pantex

Techniker untersuchen die B53 auf ihre Funktionsfähigkeit. Sie zählt zu den mächtigsten Atombomben weltweit

Die Bombe B61, von der die USA insgesamt 400 Stück besitzen, ist der älteste Sprengkörper im Arsenal. Im Rahmen der Testphase und Analyse der Atomwaffen werden die Sprengkörper von den Ingenieuren demontiert. Die Interkontinentalraketen Minuteman 3 erhalten ein sieben Milliarden Dollar (5,3 Milliarden Euro) schweres Upgrade, obwohl eine neue Generation der Flugkörper zur Diskussion steht. Untersucht wird auch die B53, die hauptsächlich für den Einsatz gegen tief gelegene Bunker gedacht war (siehe Bild oben).

Resolution der Atommächte für Abrüstung

Den Löwenanteil der Ausgaben wird laut „Washington Post“ der Ersatz für die Trägersysteme der nuklearen Waffen verschlingen. So sollen zwölf U-Boote aus den 80er Jahren im Kostenumfang von 110 Milliarden Dollar (83,3 Mrd. Euro) renoviert werden. Dabei hatten die fünf offiziellen Atommächte (USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien) in einer gemeinsamen Resolution von 2010 erklärt, auch ihre Trägersysteme zu reduzieren - auf jeweils ein Drittel.

Die Sanierung der Labors und Gebäude, in denen nukleare Waffen entwickelt und erforscht werden, schätzt die NNSA auf mindestens 88 Milliarden Dollar (rund 67 Mrd. Euro). In einer Erhebung des Internationalen Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI (Stockholm International Peace Research Institute) heißt es allerdings, dass der Betrag auch wesentlich höher sein könnte – vor allem, wenn sich die Arbeiten in die Länge ziehen.

Wechsel in Verteidigungsdoktrin

Mit dem gigantischen Modernisierungsvorhaben betont die Regierung, vor allem Sicherheit und Verlässlichkeit bei den Nuklearwaffen gewährleisten zu wollen. Ungeachtet dessen, wie tief die USA in der Wirtschaftskrise stecken, und dass Präsident Barack Obama Kürzungen in der Höhe von 1,2 Billionen Dollar (900 Milliarden Euro) für die kommenden zehn Jahre angekündigt hat. Davon sollte das US-Militär rund 400 Milliarden Dollar (303 Mrd. Euro) einsparen.

Das Timing für eine Rundumerneuerung des Arsenals passt laut „Washington Post“ nicht zur neuen Verteidigungsstrategie der USA. In den vergangenen zehn Jahren habe sich das US-Militär vom Einsatz nuklearer „Abschreckungsmaßnahmen“ distanziert. Der Feind von heute ließe sich demnach mit präziseren und moderneren Methoden wie zum Beispiel mit Spezialeinheiten effektiver bekämpfen, so der Zeitungsbericht.

SIPRI-Studie: Weniger Atomwaffen

Das untermauern auch die Ergebnisse des SIPRI-Instituts vom Juni 2012, wonach die Atommächte heuer mit 19.000 atomaren Sprengköpfen erstmals seit 1998 die Anzahl reduziert haben. Die Zahl bezieht sich sowohl auf die fünf offiziellen, als auch auf die faktischen Atommächte wie Israel, Pakistan und Indien - diese Staaten verfügen über Nuklearwaffen, sind aber dem Atomwaffensperrvertrag nicht beigetreten. Relativiert wird das Ergebnis allerdings dadurch, dass im Gegenzug die Atomwaffen kontinuierlich modernisiert werden.

Die USA haben kürzlich in Nevada einen begrenzten Atomtest vorgenommen. Laut einem Bericht des US-Energieministeriums wurde bei dem Versuch in einer unterirdischen Anlage keine kritische Menge an spaltbarem Material verwendet. Somit verstoßen solche Tests nicht gegen das Internationale Atomwaffentestverbot. In den USA war es der erste unterirdische Atomtest seit 1992.

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