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Projektionsfläche für Gefühle aller Art

Das Saxofon ist ein am 21. März 1846 unter der französischen Laufnummer 3226 patentiertes Holzblasinstrument des Belgiers Adolphe Sax. Holz, weil es mit einem Rohrblatt zum Klingen gebracht wird. So weit, so nüchtern die lexikalische Erklärung. Doch das Saxofon ist mehr. Es ist Symbol, Klischee und Mythos - der unangefochtene „sympathische Bösewicht“ unter den Instrumenten über Jahrzehnte hinweg.

„Was Saxofonspieler angeht, bin ich eigen“, ließ Billy Wilder schon in seinem Komödienklassiker „Manche mögen’s heiß“ 1959 seine Hauptdarstellerin Marilyn Monroe philosophieren: „Ich weiß nicht, was es ist, die lassen mich zerfließen. Alles, was sie tun müssen, ist, acht Takte ‚My Melancholy Baby‘ zu spielen, und mein Rückgrat wird zu Pudding. Ich werde ganz gänsehäutig über und über, und dann bin ich schon bei ihnen ... jedes Mal aufs Neue.“ Zum Trost: Saxofonisten selbst geht es mit ihrem eigenen Instrument nicht viel anders.

Verschlingende Räusche bis zur Auszehrung

„Kein Instrument verschlingt seine Solisten so wie das Saxophon. Es treibt sie in den Rausch, in die dauernde Selbstüberschreitung, die Auszehrung“, schreibt etwa der deutsche Intellektuelle und Jazzfan Roger Willemsen im Vorwort zu einem neuen Buch anlässlich des 200. Geburtstages seines Erfinders („Saxophone“, Nicolai-Verlag). Vielleicht liegt es daran, dass kein anderes Instrument so viel physisches Engagement vom Musiker verlangt. Man muss es in den Mund nehmen und geradezu umarmen, um ihm einen Ton zu entlocken.

Dexter Gordon fotografiert von Herman Leonard

AP/Herman Leonard Photography

Dexter Gordon und sein Conn 10M Tenorsaxofon, fotografiert von Herman Leonard

Für den Swingveteranen Benny Carter vermittelte einfach das Angreifen eines Saxofons „außerordentliche Fröhlichkeit“ und „religiöse Erfahrung“ zugleich. Bebopper Sonny Rollins fühlt sich durch die „Schwingungen“ schon beim Üben „im Himmel“: „Es ist beinahe so, als würde es die Kontrolle über mich übernehmen.“ Sein Kollege Phil Woods meinte, jeder einzelne am Saxofon gespielte Ton habe etwas von einem verbotenen Vergnügen. Und Lee Konitz bemüht sogar Marcel Proust: „Ah, dieser Geruch.“ (alle Zitate aus: „The Devil’s Horn“, Michael Segell)

„Der Neue“ in der Instrumentenklasse

Nicht von ungefähr hatte das Saxofon schon von Anfang an den Nimbus der Sinnlichkeit - man denke etwa an Maurice Ravels „Bolero“, der in der Originalpartitur sogar noch mehr auf Saxofonstimmen ruhte als in seiner heute meistgespielten Orchestrierung. Dass das Saxofon zur Projektionsfläche für Gefühle aller Art werden konnte, ist wohl dem Umstand zu verdanken, dass es als relativ junges Instrument immer auf der Gegenseite des Etablierten, Akademischen und Bürgerlichen stand. Das gereichte dem Ruf des Instruments nicht immer zum Vorteil.

Ein Clown mit Saxophon

Reuters/Victor Ruiz Garcia

Bis heute nicht umzubringen: das Saxofon als Clownrequisit

Dass viele arrivierte klassische Musiker das Saxofon seit dem 19. Jahrhundert schlechtreden, hatte und hat wohl auch damit zu tun, dass sie es nicht spielen konnten. Noch heute nehmen gerade in Europa Klarinettisten oft für sich in Anspruch, „ohnehin“ auch Saxofon spielen zu können. Das klingt dann entsprechend und bestätigt all jene, die das Saxofon in die Ecke von Revue, Zirkuszelt oder Lückenfüller bei der Blasmusik schieben wollen, in ihrem Vorurteil.

Saxophon-Spieler im Militär

AP/Army Press Relations

Saxofone im Fronteinsatz

Jonglieren, seiltanzen und Tuberkulose heilen

Tatsächlich lassen sich einem Saxofon schon mit wenig Übung bald einmal ein paar Töne entlocken - und wegen des robusten Designs eben sogar zugleich jonglieren, seiltanzen oder marschieren, wenn man das eben auf Kosten der musikalischen Qualität tun will oder muss. Sein Erfinder selbst hielt das Instrument aber schon für ein Allheil- und Wundermittel: Adolphe Sax pries es nicht nur wegen seiner musikalischen Fähigkeiten an, sondern glaubte auch, dass man damit die damals grassierende Tuberkulose in den Griff bekommen könne.

John Coltranes Saxophon

AP/Hugh Talman

John Coltranes Tenorsaxofon aus der Serie „Mark VI“ der Pariser Firma Selmer, die direkt aus Sax’ Manufaktur hervorging.

Ohnehin postulierte Sax in seinem Essay „Wie Blasinstrumente die Gesundheit beeinflussen“ im Jahr 1862: „Personen, die Blasinstrumente spielen, zeichnen sich generell - und jeder kann das bestätigen - durch breite Brust und Schultern aus, ein eindeutiges Zeichen von Lebenskraft.“ In jedem Orchester könne man etwas „Erstaunliches bemerken“: Es seien die Bläser, „die Stärke zeigen“, zum Unterschied von den „dürren Gestalten der Jünger Paganinis. Dasselbe kann man mit noch mehr Grund über Pianisten sagen.“

Es lebt sich gut abseits des Rampenlichts

Das schon bei Sax dokumentierte Selbstbewusstsein von Saxofonisten - für reichlich hämische Musikerwitze gut - ist wohl zu einem Gutteil aus Trotz entstanden, weil man sich zu Unrecht in die Schmuddelecke gedrängt sah. Und so war es gut, dass irgendwann in den 1950er Jahren die E-Gitarre das Saxofon als Führungsstimme des Pop ablöste. Als Instrument, das sich noch weniger für Vereinnahmung durch das Establishment eignete, war es die logische Wahl.

Es ist wohl auch kein Zufall, dass das spielerische Niveau sowohl in Klassik als auch Jazz noch einmal um Eckhäuser gestiegen ist, seit das Saxofon etwas abseits des Rampenlichts stehen und damit sein darf, was es wirklich ist: ein ebenso zugängliches und vielseitiges wie manchmal störrisches Instrument mit beinahe grenzenlosen Möglichkeiten, solange man den Rat des Bebop-Virtuosen Charlie Parker beherzigt: „Versuche niemals, Saxofon zu spielen. Lass’ es dich spielen.“

Lukas Zimmer, ORF.at

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