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„Wertvolle Aktie“ Zirbenwald

Schlaflosigkeit, Allergien, Kreislaufprobleme und selbst Migräne sollen im Zirbenbett der Vergangenheit angehören. Die Versprechungen, die Hersteller von Zirbenholzprodukten machen, sind vielfältig. Als „Beweis“ für die Wirksamkeit dient eine 14 Jahre alte Studie. Doch auch wenn der Duft für viele angenehm ist, Wunder sind keine zu erwarten.

Zirbenholz wird seit Jahrhunderten in alpinen Gegenden als beliebter Werkstoff verwendet. Bauernstuben wurden mit dem duftenden Holz ausgekleidet, und Alltagsgegenstände wie Truhen, Betten und Kinderwiegen wurden gerne aus dem weichen, gemaserten Holz getischlert, dessen Charakteristikum die vielen dunklen Aststellen sind.

Zirbenholz als Wundermittel

Mittlerweile schwören aber auch immer mehr Menschen in den urbanen Niederungen auf die besondere Qualität von Zirbenprodukten. Und der Handel reagiert. In Einkaufszentren drängen sich Stände beladen mit Zirbenkissen, -kugeln, -ölen und -schokolade. Auf Christkindlmärkten sind Zirbenherzen, -handyhalter und -schnäpse Verkaufsschlager. Die wahre Fülle an Zirbenprodukten offenbart sich jedoch erst bei der Suche im Internet.

Zirbenkissen

Fotolia/gassenhauer

Zirbenspäne, in Duftkissen verpackt, sind der Verkaufsschlager

Zirbenäpfel sollen für besseres Raumklima sorgen, Verschlüsse für Flaschen das Wasser parfümieren, und Massagestäbe aus Zirbenholz (mit Vibrationsfunktion) besondere Freuden spenden. Wer es nicht schon längst hat, kann sein Kopfkissen noch mit Zirbenspänen nachrüsten - für 50 Euro pro Kilogramm Schnitzel. Bei der schieren Masse an Zirbenaccessoires stellt man sich unweigerlich die Frage: Sind unsere Zirbenwälder in Gefahr?

Erich Binder, der in seinem steirischen Betrieb in zweiter Generation Vollholzmöbel herstellt, vermutet, dass nicht alles, was in Österreich angeboten wird, auch hier gewachsen ist. „Ganz stark kommt derzeit die russische und die rumänische Zirbe in unser Land. Das Problem bei dem Holz ist, diese Zirbe riecht ganz, ganz wenig. Die Gerüche werden aromatisch verstärkt“, erklärt Binder im Gespräch mit ORF.at. Auch der Möbelhandel arbeite mit diesen Hölzern, das „Bett kostet dann die Hälfte wie von einem Tischler“.

„Sparkassa“ Zirbenwald

Die gesteigerte Nachfrage nach heimischem Holz hat den Preis zuletzt in schwindelnde Höhen katapultiert. „Wir haben vor fünf Jahren für einen Rundholzkubikmeter Zirbe zwischen 100 und 150 Euro bezahlt. Heute zahlen wir 350 bis 500 Euro dafür", beklagte der Tischlerinnungsmeister Herbert Sigl gegenüber Radio Salzburg. Ein weiterer Umstand, der den Preis für Zirbe in die Höhe treibt, ist das Verhalten etlicher Waldbesitzer. Sie halten Zirbenholz bewusst zurück und erzeugen so einen künstlichen Engpass, sagt Johannes Schwarzenberg vom Waldbesitzerverband Salzburg. „Wenn ein Bauer Zirben hat, ist das seine Sparkassa. Da wird oft 40, 50 Jahre nicht geschlägert. Ein Bauer, der Zirben hat, weiß, dass er eine ganz wertvolle Aktie hält."

Bis zu 250 Jahre alt

Für seine Zirbenbetten hat sich Binder bereits einen Vorrat für die nächsten Jahre gesichert. „Wir bekommen das Holz aus dem Nockgebiet in Kärnten, dem Ötztal und vom Zirbitzkogel“, sagt der Weizer Tischler. Denn nur wenn das Holz auf mindestens 1.800 Meter Seehöhe wächst, hat es die typischen ätherischen Öle, mit denen sich die Baumzellen gegen die Kälte schützen. Das bis zu 250 Jahre alte Holz wird bei Binder dann mehrere Jahre luftgetrocknet, „dadurch bleibt der Duftstoff Pinosylvin erhalten“.

Eine Person schnitzt Zirbenholz

APA/Barbara Gindl

Die Zirbe wächst auf einer Höhe von 1.800 bis 2.600 m und kann bis zu 1.000 Jahre alt werden. Sie wächst sehr langsam, daher kann ein Baum erst nach 250 bis 300 Jahre „geerntet“ werden.

Preislich fängt ein Massivholzbett aus Zirbe bei rund 1.000 Euro an. Speziellere Betten, etwa aus Kristallzirbe, einem besonders alten Holz, das durch Wildverbiss über die Jahrhunderte große Ansammlungen von Ölkristallen gebildet hat, sind da schon deutlich teurer. Der gesunde Schlaf soll den stattliche Preis jedoch rechtfertigen. Denn Binder ist überzeugt, dass Schlafprobleme in seinen Betten der Vergangenheit angehören. Dafür hat er für eine Studie des Grazer Joanneum Researchs im Auftrag der Tiroler Waldbesitzer 2002 auch ein eigenes Zirbenzimmer zur Verfügung gestellt.

Zirbe soll die Herzschläge reduzieren

Das Ergebnis dieser Studie wird auch heute noch von vielen Herstellern von Zirbenprodukten als „Erfolgsgarantie“ erwähnt. Laut dieser führt der Aufenthalt in einem Zirbenzimmer im Gegensatz zu einem Zimmer mit Holzdekor zu einer niedrigeren
Herzrate bei körperlichen und mentalen Belastungssituationen.

Ein weiterführender Test über die Schlafqualität in Zirbenbetten zeigte, dass das Herz um täglich 3.500 Herzschläge entlastet wird. An den Untersuchungen nahmen 31 Personen, bzw. 15 am Schlaftest, teil, die in einem Zeitraum von vier Wochen zweimal in einem Zirbenzimmer bzw. Holzdekorzimmer körperliche und geistige Übungen machten mussten.

„Keine Daten zur Wirksamkeit“

Im Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (AGES) kennt man diese Zahlen. „Die eine Studie, die hier kursiert, ist völlig unzureichend“, sagt Christoph Baumgärtel, Leiter der Abteilung für medizinische Begutachtung im AGES. So sei die Stichprobe zu klein, und die Ergebnisse von keiner anderen Studie repliziert worden.

Zudem gaben die Teilnehmer an, im gewohnten eigenen Bett genauso gut zu schlafen wie im Zirbenbett, so die Kritik an der Untersuchung. „Insgesamt sind die Angaben zu den Fragebögen unvollständig – die Ergebnisse erlauben daher keine definitive Aussage“, hieß es dazu bereits 2015 auf der Onlineplattform www.medizin-transparent.at. Auch Baumgärtel bestätigt: „Uns liegen keine Daten über die Wirksamkeit von Zirbenprodukten vor.“

Allen Unkenrufen zum Trotz, der Verkauf von Zirbenholz sei an sich nicht rechtswidrig, betont Baumgärtel. Kompliziert wird es erst, wenn Gesundheitsversprechungen gemacht werden. „Werden Versprechen wie zum Bespiel, dass das Zirbenkissen Schlafstörungen verbessert, gemacht, dann ist das eine medizinische Behauptung“, so Baumgärtel. Und dann werde aus dem Kissen ein Medizinprodukt, das einer besonderen Kennzeichnung bedarf. Der Verkauf solcher Produkte unterliegt strengen Regeln. Einerseits müssen dafür Genehmigungen eingeholt werden, andererseits wird eine Medizinproduktabgabe fällig.

Gabi Greiner, ORF.at

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