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Naturschutz kostet Menschenleben

Der Virunga-Nationalpark im Osten der Demokratischen Republik (DR) Kongo ist ein Naturjuwel. Der fast 8.000 Quadratkilometer große Naturpark an der Grenze zu Ruanda und Uganda beherbergt nicht nur die vom Aussterben bedrohten Berggorillas, sondern auch Hunderte weitere Arten. Doch der Park wird von Wilderern und Milizen bedroht, die sich daran bereichern wollen.

175 Ranger verloren in den vergangenen zwei Jahrzehnten beim Schutz des Nationalparks ihr Leben. Im April kam es zur blutigsten Attacke seit Langem. Fünf Ranger und ihr Fahrer waren bei einem Hinterhalt getötet worden. Ein Parkwächter überlebte schwer verletzt. Mai-Mai-Rebellen hätten ein Fahrzeug der kongolesischen Naturschutzbehörde in der Nähe des Parks angegriffen. Erst wenige Tage zuvor war ein weiterer Ranger nach einem Schusswechsel gestorben.

Von Okapis bis Waldelefanten

Rund 600 Ranger schützen mit Sturmgewehren, Panzerfäusten und Bluthunden Virunga und seine Bewohner vor Milizen und Wilderern, die es auf die Naturreichtümer des Parks abgesehen haben. Er gehört zu jenen Gebieten Afrikas, die eine große Artenvielfalt aufweisen. Das liegt an seiner landschaftlichen Bandbreite: Der Park umfasst neben Bergregenwäldern auch Vulkane, Savannen, Sümpfe, Flusslandschaften und den großen Eduardsee. Neben den berühmten Berggorillas leben dort Hunderte andere seltene Spezies, darunter Okapis, Waldelefanten, Schimpansen, Giraffen und Büffel.

Aufseher mit verwaistem Gorilla

APA/AFP/Phil Moore

Ein Ranger mit einem verwaisten Gorilla

Doch Elfenbein, Buschfleisch und andere Körperteile von Tieren lassen sich von Kriminellen ebenso gut zu Geld machen wie das Holz des Regenwaldes und die Schätze im Boden. Dabei gehen die Kriminellen ruchlos vor. „Wir wissen, dass wir getötet werden können“, sagte ein Ranger dem britischen „Guardian“ für einen Artikel, der nur wenige Tage vor der Ermordung der Ranger erschien.

Politik schwappt auf Park über

Krux ist, dass die Politik vor den Grenzen des Naturparks nicht Halt macht. Die DR Kongo ist eine der instabilsten Gegenden der Welt, mehrere Bürgerkriege haben das Land schwer erschüttert und die Wirtschaft zerstört. Eng damit verknüpft ist die grassierende Armut rund um den Nationalpark - und dieser schützt 5.000 Quadratkilometer an fruchtbarem Land, das von den Einwohnern nicht genutzt werden kann.

Der Nationalpark liegt im Osten der DR Kongo

Die in den Bürgerkriegen formierten, immer gewalttätiger agierenden Milizen setzten sich in dem Land fest und kämpfen bis heute um die Kontrolle über Bodenschätze wie Gold, Coltan und Diamanten. Sie haben es auch auf das Holz der Wälder abgesehen. Bewaffnete hatten 2007 in dem „Senkwekwe-Massaker“ sieben Gorillas getötet, damit der Park zusammenbricht und das Land für die Produktion von Holzkohle gerodet werden kann.

Männlicher Gorilla im Virunga-Nationalpark in der Demokratischen Republik Kongo

Reuters/Kenny Katombe

In den Bürgerkriegsjahren war die Gorillapopulation auf 300 geschrumpft - heute liegt sie bei rund 1.000

Auch Erdölvorkommen wurden zur Bedrohung. In den vergangenen Jahren hatten sich mehrere Unternehmen Konzessionen für die Förderung gesichert, doch heftiger Widerstand zwang sie vorerst zum Rückzug. Bewusstsein für die Probleme des Parks schuf dabei auch die 2014 erschienene Netflix-Doku „Virunga“, die auch für einen Oscar nominiert wurde.

Genozid in Ruanda als Bruch

1925 in einer ersten Form während der von den Kongogräueln geprägten belgischen Kolonialherrschaft gegründet, durchlebte der Park zahlreiche Brüche. Zu den schlimmsten gehörte der Genozid im Nachbarland Ruanda im Jahr 1994. „Eine Million Flüchtlinge kamen über die Grenze des Landes und siedelten sich hier an. Sie hatten Waffen bei sich, die sich auch in der lokalen Bevölkerung verbreiteten“, so ein lange dienender Ranger gegenüber dem „Guardian“. Es folgten die Kongokriege. Infolge der Wirren starben allein 90 Prozent der Elefanten.

Ranger mit Bluthund im Virunga-Nationalpark in der Demokratischen Republik Kongo

AP/Jerome Delay

Wegen ihres feinen Geruchssinns werden in Virunga Bluthunde eingesetzt. Sie sollen helfen, Eindringlinge aufzuspüren.

Neben der Gewalt und Wilderei kämpft der Nationalpark auch mit Finanzierungsproblemen. Die 600 Ranger müssen nicht nur bezahlt, sondern auch trainiert und ausgerüstet werden. Allein eine Elefantenschutzeinheit kostet pro Tag und Ranger 32 Dollar (26 Euro). 2007 wurde ein Abkommen mit mehreren privaten Spendern, NGOs und der EU geschlossen. Damals übernahm auch der aus Belgien stammende Emmanuel de Merode die Leitung des Parks. Er wurde 2014 angeschossen und lebensgefährlich verletzt, nahm seine Arbeit aber wieder auf.

Große Hoffnungen, große Gefahren

Geht es nach den Leitern des Parks, soll dieser langfristig zum Wirtschaftsmotor für die gesamte Region werden. Gemeinsam mit Geldgebern will man die Energieversorgung aus Wasserkraft ausbauen, Straßen und Schulen errichten und mit Mikrokrediten die Wirtschaft ankurbeln. Große Hoffnungen setzt Virunga auch in den Tourismus. Dadurch, dass die Elefanten- und Gorillapopulationen durch die Bemühungen des Parks in den vergangenen Jahren wieder gewachsen sind, kommen auch mehr Touristen.

Doch der Wohlstand ist von der politischen Situation abhängig - und diese verschlimmerte sich in den vergangenen Monaten zusehends. 13 Millionen Bewohner der DR Kongo brauchen humanitäre Hilfe, 4,5 Millionen wurden durch das Wiederaufflammen der Gewalt vertrieben. Das macht auch das Leben für die Ranger noch gefährlicher. Doch sie wollen weiterarbeiten. Bis heute Gültigkeit haben dabei wohl Worte Merodes aus dem Jahr 2014: „Wir müssen den Menschen zeigen, dass Naturschutz in ihrem Interesse ist, dass er einen wirtschaftlichen Nutzen haben kann. Das ist die einzige Chance, wie Virunga überleben kann.“

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