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Abschied nach über 20 Jahren

Unter großem Andrang hat Michael Häupl am Donnerstag Abschied vom Wiener Gemeinderat und dem Amt des Wiener Bürgermeisters genommen. Mit einem Sinnspruch in Form eines Gebets („Herr, erhalte mich liebenswert“) und einem „Auf Wiedersehen“ schloss er seine Rede. Am Nachmittag wurde Michael Ludwig mit 56 Stimmen zum Nachfolger gewählt und als Bürgermeister angelobt.

Die Regierungsparteien SPÖ und Grüne verfügen in Summe über 54 Mandate, also erhielt Ludwig bei der Wahl auch zwei Stimmen von der Opposition. Alle hundert Abgeordneten gaben ihre Stimmen ab, eine Stimme war ungültig, damit brauchte Ludwig 50 Stimmen für die Wahl. Ludwig nahm die Wahl an und wurde im Anschluss angelobt.

Es folgte die Wahl und Angelobung der vier neuen Stadträte: Kathrin Gaal übernimmt von Ludwig das Wohnbauressort, Peter Hacker löst Gesundheits- und Sozialstadträtin Sandra Frauenberger ab, Peter Hanke wird Nachfolger von Finanzstadträtin Renate Brauner, und Veronica Kaup-Hasler beerbt Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny. Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky und Umweltstadträtin Ulli Sima haben ihre Jobs behalten.

Häupl: „Eine tolle Zeit“

„Es war über weiteste Strecken eine tolle Zeit“, zog Häupl zuvor in seiner rund 45-minütigen Ansprache Bilanz. Alle Fraktionen - außer der FPÖ, in deren Reihen nur vereinzelt geklatscht wurde - würdigten ihn mit minutenlangem Applaus und Standing Ovations. „Ich will nicht verhehlen, dass es schon nachdenklich macht, dass es 35 Jahre her ist, dass ich in der letzten Reihe gesessen bin und als Gemeinderat vereidigt wurde“, erinnerte sich Häupl an seine Anfänge im Rathaus.

Michael Häupl mit Blumenstrauß

APA/Georg Hochmuth

Häupl bekam zum Abschied Standing Ovations und minutenlangen Applaus

Über die mehr als 23 Jahre als Bürgermeister der Stadt wolle er nicht „ausführlich Rechenschaft ablegen“. Das Ergebnis sei bei einem Gang durch die Stadt zu sehen, Häupl verwies auf die hohe Lebensqualität der Stadt. Bedeutende Einschnitte in seiner Amtszeit seien der EU-Beitritt und der Fall des Eisernen Vorhangs gewesen. „Wir haben, wenn man den internationalen Medien glauben darf, diese Chance genutzt und die Herausforderungen gemeistert.“

Aufruf zu respektvollem Umgang

Es gab von Häupl in seiner Rede auch mahnende Worte: „Wir leben in einer sehr gefestigten Demokratie. Dennoch, die Demokratie ist ein zerbrechliches Gut, man muss sorgsam mit ihr umgehen.“ Das „Friedensprojekt“ Europäische Union sei es wert, hart dafür zu arbeiten. Zudem forderte Häupl einen respektvolleren Umgang in der politischen Debatte. „Ich kenne keine andere Berufsgruppe, die so miteinander umgeht wie Politiker.“

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Häupls Abschiedsrede

In seiner gewohnt launigen Abschlussrede mahnte Häupl Respekt im politischen Geschäft ein - und übte sich dabei auch in Selbstkritik.

Häupl nahm sich dabei nicht aus: „Auch ich war nie ein Kind von Traurigkeit, auch nicht verbal. Wenn ich in all dieser Zeit jemanden gekränkt oder beleidigt habe, dann entschuldige ich mich jetzt dafür“, sagte er. „Respekt und Rücksichtnahme sollten ebenso Grundlage der demokratischen Diskussion sein wie im politischen Umgang miteinander.“ Als wichtiges Zukunftsthema sprach Häupl die Digitalisierung an, als „größte industrielle Revolution des neuen Jahrtausends“.

„Das Beste haben wir getan“

Die Verbesserung der Lebensqualität bedeute vor allem die Lösung der sozialen Frage, die auch die Themen Migration und Integration einschließe. Die Frage des Zuzugs in Europa sei eine europäische Angelegenheit. Wien habe als einziges Bundesland keine Außengrenze, „wie daher Rot-Grün verantwortlich sein soll für den Zuzug, erschließt sich mir nicht ganz“, so Häupl. Eine Situation wie der Höhepunkt der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 sei „zweifelsohne nicht wünschenswert“. „Das Beste, das wir machen konnten, haben wir getan“, meinte er - er wisse aber nicht, was passiert wäre, wenn die Menschen nicht weitergezogen wären. Man müsse Menschen, die nach Österreich kommen, Hilfe gewähren, ein „unkontrollierter Zuzug“ dürfe es jedoch nicht sein.

Renate Brauner macht ein Selfie mit Michael Häupl

APA/Georg Hochmuth

Häupl und die ebenfalls scheidende SPÖ-Stadträtin Renate Brauner

Der Andrang im Sitzungssaal des Wiener Gemeinderats war groß. Zahlreiche Rathaus-Mitarbeiter, Besucher, Medienvertreter und auch Angehörige des scheidenden bzw. des künftigen Stadtoberhaupts waren anwesend. Auf der Tribüne hatten unter anderen EU-Kommissar Johannes Hahn (ÖVP), der burgenländische Landeshauptmann Hans Niessl (SPÖ), der ehemalige niederösterreichische Landeschef Erwin Pröll (ÖVP) und die einstige Wiener SPÖ-Vizebürgermeisterin Grete Laska Platz genommen.

Nach 24 Jahren: Häupl tritt als Bürgermeister ab

Michael Häupl (SPÖ) übergab am Donnerstag nach 24 Jahren das Amt des Wiener Bürgermeisters an Michael Ludwig (SPÖ). In seiner Schaffenszeit hat Wien einige weitreichende Veränderungen erlebt.

„Krönungswerk des Teufels“

Zum Schluss bedankte sich Häupl unter anderem bei den Mitarbeitern der Stadt („Sie sind großartig - wenn sie wollen“), bei seinen Parteifreunden und auch beim Koalitionspartner. „Ihr habt mir sehr viele Sonnentage beschert.“ Auch der Opposition dankte er und appellierte gleichzeitig für mehr Zusammenarbeit. „Ich glaube, dass ein Mehr an Gemeinsamkeiten dieser Stadt guttun würde“, sagte Häupl, der seinem Nachfolger Ludwig schließlich alles Gute wünschte.

Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou und der designierte Wiener Bürgermeister Michael Ludwig

APA/Georg Hochmuth

Ludwig und Grünen-Chefin Maria Vassilakou

Mit einem Aphormismus unter dem Titel „Herr, erhalte mich liebenswert“, den er selbst von Leopold Gratz bekommen habe, als er Bürgermeister wurde, schloss Häupl seine Rede: Er bat darin um Geduld für die Schwächen anderer und der eigenen sowie „Erlösung“ von „der großen Leidenschaft, die Angelegenheit anderer ordnen zu wollen“. „Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass auch ich mich irren kann“, so Häupl. „Ich weiß, dass ich nicht unbedingt ein Heiliger bin, aber ein alter Griesgram, das ist das Krönungswerk des Teufels“, so Häupl, der sich schließlich bei allen Anwesenden bedankte - „und auf Wiedersehen“.

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