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„Zaubern können wir nicht“

Viel wurde und wird seit Wochen über die Deutschförderklassen, die im September starten sollen, diskutiert: Von Lehrenden gab es Boykottankündigungen, von der Pflichtschullehrergewerkschaft zahlreiche Bedenken. Expertinnen und Experten für Deutsch als Zweitsprache bezeichneten die Pläne als Hauruckaktion.

Viel Zeit zur Vorbereitung gab es tatsächlich nicht: Erst Mitte Mai wurden die Deutschförderklassen im Nationalrat beschlossen. Ein Zeitpunkt, an dem „schon ganz viel Planung für das kommende Schuljahr passiert ist“, wie Christoph Jagg, Schulleiter an einer Vorarlberger Volksschule, sagt. Informationen seien seither nur „sehr, sehr spärlich“ an seiner Schule angekommen. „Es ist schlecht, so kurz vor Schulschluss noch so viele Fragezeichen zu haben“, so Jagg.

„Informationen aus Interviews herausgeholt“

Vieles habe er über die Medien und über Presseaussendungen erfahren, auch aus Interviews habe er sich Informationen herausgeholt. Darin sei allerdings vieles vage gewesen. Bis Anfang Juni war für Jagg nicht klar, ob an seiner Schule eine Deutschklasse eingerichtet werden muss. Voraussichtlich werden nun sieben Kinder im September mit dem Status „außerordentlich“ eingeschult. Eine Deutschförderklasse muss ab acht „außerordentlichen“ Schülerinnen und Schülern pro Standort eingerichtet werden.

Dass es nun danach aussieht, dass an seiner Schule keine Deutschförderklasse eingerichtet wird, ist für Jagg wohl eine Erleichterung. Die Schule sei „überhaupt nicht gut vorbereitet“ darauf. Die Frage der Lehrkräfte etwa sei ungeklärt: „Wir haben zwar immer wieder schulinterne Fortbildungen, speziell ausgebildet ist aber niemand.“

Schülerin in Klasse

ORF.at/Zita Klimek

Maximal vier Semester sollen Kinder eine Deutschförderklasse besuchen

Nur für Taferlklassler und Quereinsteiger

Kommt während des Schuljahres ein Quereinsteiger an die Schule, überschreitet der Standort die Grenze von acht Schülerinnen und Schülern. Besuchen müssen die Deutschklassen nur jene Kinder, die in der ersten Schulstufe aufgenommen wurden, oder gerade in Österreich angekommene Quereinsteiger ins Schulsystem. Die Möglichkeit, dass „ein schon pubertierender Viertklassler mit Sechsjährigen zusammensitzt“, sieht Jagg problematisch – „es gibt andere Möglichkeiten“.

Die Förderung von Kindern, die zum Zeitpunkt der Einschulung noch keine ausreichenden Deutschkenntnisse hatten, habe an der Schule bisher „sehr gut“ funktioniert. „Die Kinder bekommen stundenweise in Kleingruppen intensive Förderung. In den Klassen gibt es Teamteaching. Dadurch können die Kinder auch dort speziell gefördert werden. Und sie sind Teil der Klasse.“ Die Zugehörigkeit zu einer Klasse und zu einer Klassenlehrperson sei wichtig – gerade am Anfang: „Das erste Jahr in der Schule ist ein sehr prägendes Jahr.“ Als Teil der Schulgemeinschaft sollten die Kinder auch einen Platz in einer Klasse haben, so Jagg.

Musik, Turnen und Zeichnen gemeinsam

Die Deutschförderklassen sollen laut Bildungsministerium Schülerinnen und Schüler besuchen, die über „keine oder nur sehr eingeschränkte Kenntnisse der Unterrichtssprache Deutsch verfügen“ und somit als „außerordentlich“ eingestuft werden. Der Unterricht wird für diese Kinder laut Bildungsministerium im kommenden Schuljahr auf Basis der Lehrpläne für Deutsch als Zweitsprache erfolgen, ab dem Schuljahr dann 2019/20 dann auf Basis eines eigens erstellten Lehrplans. Für Fächer wie Zeichnen, Musik und Turnen werden die Kinder den normalen Regelklassen zugeteilt.

Nach jedem Semester wird in einem österreichweit einheitlichen Test überprüft, ob die Kinder dem Unterricht mittlerweile ausreichend folgen können. Ist das der Fall, können sie in die Regelklassen wechseln. Dort erhalten sie noch sechs Stunden pro Woche parallel zum Unterricht Förderung in einem Deutschförderkurs – bisher waren es elf Stunden.

„Es ist wichtig, wo anzukommen“

Für Schulleiterin Ilse Riesinger stand kurz vor den Sommerferien zumindest eines fest: Ungefähr 40 ihrer Taferlklassler werden im September eine Deutschförderklasse besuchen. Andere Punkte waren an der Volksschule in Wien-Brigittenau knappe drei Wochen vor Schulschluss allerdings noch offen, etwa ob für die Deutschförderklassen neue Lehrerinnen und Lehrer an die Schule kommen. „Und die Frage nach den Räumlichkeiten hat uns anfangs vor große Probleme gestellt“, so Riesinger. „Aber ich habe das Glück, dass in der Schule ein kleiner Raum über ist.“

Wenn viele Quereinsteiger kämen, könne eine Gruppe aber schnell zu groß werden – „und zaubern können wir nicht“. Besonders für Sechsjährige, die noch nicht gut Deutsch sprächen, sei es schwierig, immer den Raum zu wechseln. „Die Kinder werden eine Stunde am Tag in ihrer Stammklasse sein – das ist gar nichts. Für ein Flüchtlingskind, das mit einem Trauma behaftet ist, ist es wichtig, wo anzukommen und zur Ruhe kommen zu können. Dass es weiß: Ich gehe in den ersten Stock, dann nach rechts, dort ist meine Klasse und meine Lehrerin.“

Die Förderung von Kindern, die zum Zeitpunkt der Einschulung die Unterrichtssprache noch nicht ausreichend beherrschten, habe bisher an ihrer Schule gut funktioniert, so Riesinger: „Es wurde regelmäßig geschaut, wie sich der Sprachstand entwickelt. Wenn ein Kind vom außerordentlichen zum ordentlichen Schüler wurde, hat sich für das Kind am Umfeld nichts geändert.“

„Wir lernen fünf Stunden am Tag Deutsch“

An Riesingers Schule waren im zu Ende gehenden Schuljahr 133 von 350 Schülerinnen und Schülern als „außerordentlich“ eingestuft. Natürlich mache es einen Unterschied, ob zwei oder 16 Kinder in einer Klasse nicht gut Deutsch sprächen. Aber es gebe immer gute 50 Prozent in einer Klasse, die gut Deutsch könnten. „Auch bei uns können Kinder voneinander lernen“, sagt Riesinger, die den Begriff „Brennpunktschule“ nicht gerne hört: „Wir sind keine ,Brennpunktschule’, sondern eine ganz normale Schule mit besonderen Herausforderungen.“

Deutsch gelernt würde außerdem nicht nur im Deutschunterricht: „Wir lernen auch in Turnen, Mathematik und Werken Deutsch. Wir lernen fünf Stunden am Tag Deutsch.“ Kinder, die schon länger in Österreich seien, würden außerdem neuen Kindern viel zeigen und erklären, so Riesinger. Von sozialer Integration sei man mit den Deutschförderklassen Lichtjahre entfernt: „Bei drei Stunden gemeinsam Turnen in der Woche wird es sich nicht ausgehen, dass die Kinder top integriert werden.“

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