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Hohe Erwartungen

Kaum eine Jahreszeit ist dermaßen verklärt wie die freien Tage im Sommer. Für Therapeutinnen und Therapeuten bedeuten der Sommer und die Monate danach aber oftmals eine arbeitsintensive Zeit. Nicht allen Menschen gelingt die Entspannung im Urlaub. Und für manche führen die freien Tage gar in die Krise.

„Belastungsspitzenzeiten“ nennt Psychotherapeut Peter Stippl die Sommermonate und stellt sie auf eine Linie mit den Feiertagen rund um Weihnachten und Neujahr. Im Gespräch mit ORF.at hat der Präsident des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP) dafür auch eine Erklärung parat. Viele Menschen würden sich vom Urlaub sehr viel - bisweilen auch zu viel - erwarten. „Je stärker die Erwartungen sind, desto schwerer sind sie zu erfüllen“, sagt Stippl.

Ideal und Wirklichkeit

Gerade der Urlaub ist dafür prädestiniert: Er zieht überhöhte Vorstellungen auf sich und lässt diese dann an der Realität kaputtgehen. Wenn das Wetter über Tage hinweg nur Regen und Wolken bietet, wenn das Essen im Hotelrestaurant nicht ansatzweise wie auf der Website oder im Prospekt aussieht - vom Geschmack ganz zu schweigen -, wenn der Strand überfüllt ist und es immer ein bisschen nach totem Fisch riecht.

Unzählige Menschen am Strand von San Vito Lo Capo, Sizilien

APA/AFP/Ludovic Marin

Nicht immer löst der Urlaub das Versprechen von Idylle ein

Wenn die Wirklichkeit von der Idealvorstellung abweicht, führt das zu Spannung. Zuerst versuchen Urlauberin und Urlauber vielleicht noch, den Ärger hinunterzuschlucken. Irgendwann entlädt sich die Unzufriedenheit meistens doch an den Mitreisenden. Selbst ein großzügig bemessenes Hotelzimmer ist deutlich kleiner als eine durchschnittliche Wohnung. Einander aus dem Weg zu gehen, wird schwierig. „Die Stimmung beginnt zu kippen“, fasst Stippl die Dynamik lapidar zusammen.

Viel zu tun im September

Was im Sommer kippt, lässt sich oft bis zum Herbst nicht mehr aufrichten. Der Urlaub werde zum „Stresstest“, der „zeigt, wie brüchig etwas ist“, sagt der Psychotherapeut. Bei vielen stelle sich nach den enttäuschenden und konfliktreichen Urlaubswochen das Gefühl ein, „es geht nicht mehr, es muss Veränderung her“. Der letzte Weg führe dann oft in die psychotherapeutische Praxis. „Im September steigen die Zahlen bei den Paartherapeuten“, so Stippl.

Statistisch genaue Zahlen zu dem Phänomen gebe es zwar nicht, schränkt der ÖBVP-Obmann ein. Es handle sich um eine „qualitative Beobachtung“. Im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen im größeren Kreis, etwa in Supervisionsgruppen, würde sich die Häufung zum Ende des Sommers aber regelmäßig bestätigen.

Eine im Urlaub ausgebrochene Paarkrise muss laut Stippl noch lange nicht das Ende für eine Beziehung bedeuten. Das Wichtigste sei, über „Frust und Enttäuschung“ zu reden, sagt der Therapeut. Dabei würden oft schon Freundinnen und Freunde helfen. „Es gibt für die Psyche nichts Stabilisierenderes als gute Freundschaften“, so Stippl. Wer sich über das Erlebte und Gefühlte austausche, merke oft, dass es anderen ähnlich ergangen sei. Auch ein Therapiegespräch wird oftmals hier ansetzen. Das „Normalisieren“ sei eine der „effektivsten Interventionen in der Psychotherapie“, sagt Stippl.

Von der Gesellschaft geprägte Vorstellungen

Noch lebt in Österreich die Mehrheit der Menschen in einer Beziehung. Aber die Zahl der Singles wächst. Und vor der Krise im Urlaub sind auch sie nicht gefeit. Umso mehr, wenn sie eigentlich gar nicht alleine sein wollen: „Einsame Menschen sind genauso gefährdet“, sagt Stippl. Laut dem Psychotherapeuten gehen viele von ihnen mit nicht minder hohen Erwartungen in den Urlaub.

Paar genießt Ausblick auf das Gasteinertal

Österreich Werbung/Christof Wagner

Urlaub zu zweit - eines der Lieblingssujets der Tourismuswerbung

Die Vorstellungen würden oftmals auch durch die Gesellschaft geprägt, sagt die Unternehmensberaterin und Psychotherapeutin, Silvana Kederst. Bereits ein schneller Blick auf die Tourismuswerbung scheint ihr recht zu geben. Verliebt dreinblickende Paare gehören dort zu den Lieblingssujets. Fehlt die Partnerin oder der Partner, lassen sich solche Erwartungen von vornherein nicht erfüllen.

Wenn das Alleinsein Probleme macht

Problematisch kann es laut Kederst vor allem für Menschen werden, die sich auf Beziehungen angewiesen fühlen. Während des Arbeitsjahrs lassen sich soziale Kontakte verhältnismäßig einfach pflegen: mit Arbeitskolleginnen und -kollegen genauso wie im Freundeskreis. Die Urlaubszeit markiert dagegen - wie auch die Feiertage rund um Weihnachten und Neujahr - eine jährliche große Zäsur. Wer nicht in die Arbeit geht, sieht auch Kolleginnen und Kollegen nicht. Und Freundinnen und Freunde sind oftmals verreist oder müssen selbst arbeiten, sind also auch nicht unbegrenzt verfügbar.

Dass ihr in der Urlaubszeit plötzlich neue Klientinnen und Klienten die Tür einrennen, ist laut Kederst zwar nicht der Fall. Von ihren bestehenden Patientinnen und Patienten höre sie aber vor dem Sommer oft die besorgte Nachfrage: „Sind Sie eh da?“, erzählt die Therapeutin. Sich selbst nicht zu genügen, sei allerdings kein akutes Phänomen, sondern eine grundsätzliche Persönlichkeitsthematik, sagt Kederst. Das heißt auch: Die schnelle Lösung gibt es nicht.

Plötzliche Leere

Die Therapeutin und Unternehmensberaterin kennt aus der eigenen Praxis ein weitere Gruppe, die mit der Urlaubszeit zu kämpfen hat: Menschen, die ihr Leben ganz auf Beruf und Arbeit hin strukturiert hätten, so die Therapeutin. „Wenn die Struktur in der Urlaubszeit fehlt, dann ist da plötzlich Leere.“ Und mit der wüssten Menschen, für die Leistung und Arbeit alles ist, nichts anzufangen, sagt Kederst.

Mann arbeitet zwischen zwei Aktenstapeln auf seinem Arbeitsplatz

Fotolia/Hasselblad H5D

Arbeit, Arbeit, Arbeit - und dann plötzlich Urlaub. Das geht nicht immer gut.

Vor einigen Jahren hat sich dafür der Ausdruck Liegestuhldepression eingebürgert: Die vorgebliche Entspannung am Strand beschwört eine Krise herauf. Auch wenn es sich bei dem Phänomen genau genommen nicht um eine Depression handelt. Sehr wohl könne es sich aber um eine Vorstufe zu einer depressiven Erkrankung handeln, sagt Kederst.

Runter vom Gas

Grundsätzlich gehe es vielen Menschen so, dass sie im Urlaub erst einmal nicht abschalten könnten. Und wer sich vom Nichtstun erst einmal überfordert fühle, sei auch kein Einzelfall, sagt die Psychotherapeutin. Sie vergleicht den Urlaubsbeginn mit der Abfahrt von der Autobahn: Nach einer langen schnellen Fahrt fühlen sich 50 km/h an, als ob das Auto steht.

„Es dauert eine Zeit“, bis sich Urlaubende an den vom Arbeitsalltag losgelösten Rhythmus gewöhnt haben, sagt Kederst. „Die meisten sind in der zweiten Woche dann gut da.“ Aber eben nicht alle: Wer das Gefühl habe, ohne Arbeit nichts mit sich anfangen zu können, sollte das als Hinweis nehmen, genauer hinzuschauen, rät die Psychotherapeutin.

Nachdenken über das „Hamsterrad“

Wenn im Urlaub die Erholung ausbleibt, hat das oft gar nichts mit den freien Tagen selbst zu tun. Kederst beobachtet in der Gesellschaft zunehmend einen „Druck zu performen“. Die Arbeitswelt werde für viele zum „Hamsterrad“, in dem sie sich sieben Tage die Woche, 24 Stunden täglich abstrampelten, sagt die Unternehmensberaterin.

Wer der Krise im Urlaub entgehen will, muss also vielleicht schon weit vor den freien Tagen ansetzen - und sich über Leistungsdruck und Erwartungshaltungen in der Arbeitswelt Gedanken machen. Dafür, dass manche in ihren Jobs über ihre Grenzen hinausgehen und sich selbst übernehmen, kann der Urlaub nun wirklich nichts.

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