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Ziviler Widerstand der Nadelstiche

Eine weiße Minderheit unterdrückt eine schwarze Mehrheit: In Südafrika ist die institutionelle Rassentrennung lange Zeit gesetzlich legitimiert gewesen. Erst 1994 wurde die Apartheid mit den ersten freien Wahlen offiziell abgeschafft. Doch zuvor prägte ein blutiger Widerstand gegen den Rassismus das Land. An der Spitze des Freiheitskampfes stand Nelson Mandela, der am Mittwoch 100 Jahre alt geworden wäre.

Einer, der sich sehr gut an den über Jahrzehnte ausgetragenen sozialen Protest, erinnern kann, ist Walter Sauer. Der Sozial- und Wirtschaftshistoriker der Universität Wien gehörte einer kleinen Gruppe von Aktivistinnen und Aktivisten an, die die österreichische Politik und Wirtschaft mit Boykottaktionen und Widerstand unter Druck setzten. „Österreich war während des Apartheid-Regimes bis auf wenige Ausnahmen sehr Südafrika-freundlich“, sagt Sauer im ORF.at-Gespräch. Wenn es um bilaterale Beziehungen ging, habe man den Rassismus an der afrikanischen Südspitze lange ignoriert.

Walter Sauer, Sozial- und Wirtschaftshistoriker

ORF.at/Jürgen Klatzer

Walter Sauer war jahrelang Mitglied der Anti-Apartheid-Bewegung in Österreich, die er später auch leitete

Formal gesehen hätte sich Österreich zwar den internationalen Resolutionen gegen das Regime in Südafrika angeschlossen, allerdings sei die Umsetzung „mehr schlecht als recht“ gewesen, wie Sauer anhand von historischen Dokumenten erklärt. „Firmen haben trotz Embargo Verträge mit Südafrika abgeschlossen und über Umwege Waffen ins Land geliefert. Mit unseren Kontakten zu Fachleuten in den Ministerien und im Bundeskanzleramt haben wir das aufgedeckt“, erzählt der Historiker, der in den 80er Jahren die überparteiliche Anti-Apartheid-Bewegung in Österreich leitete.

Erste Proteste und Boykottaktionen

Die ersten internationalen Proteste gegen die Apartheid kamen aber schon in den 60er Jahren nach dem Sharpeville-Massaker auf. In Großbritannien wuchs die Anti-Apartheid-Bewegung rasant an. Auch in Österreich gab es vereinzelt Demonstrationen, konzertiert waren diese aber erst Mitte der 70er Jahre, als ein Verein gegründet wurde.

TV-Hinweis

ORF widmet Nelson Mandela am Mittwoch einen Themenabend. ORF eins zeigt „Mandela - der lange Weg zur Freiheit“ um 20.15 Uhr. ORF2 zeigt ab 22.30 Uhr ein Porträt über Südafrika und über Mandela - mehr dazu in tv.ORF.at.

Anlass dafür war die brutale Niederschlagung des Aufstands in Soweto 1976. Hunderte Schülerinnen und Schüler wurden von der Polizei niedergeknüppelt und erschossen. „Es war erschreckend“, sagt Walter Stach, ein Gründungsmitglied des Vereins. Südafrika sei in Österreich lange Zeit kein Thema gewesen, „Berichte gab es kaum“, so der Künstler. Wenn überhaupt, stammten Informationen direkt von der Regierung in Pretoria oder aus der Botschaft in Wien.

Anti-Apartheid-Plakat

ORF.at/Jürgen Klatzer

Rund 100 Plakate wurden laut Walter Stach in ganz Österreich aufgehängt

„Die Lobby der Apartheid war groß. Außerdem war die Mehrheit der Österreicher ohnehin der Meinung, dass die Weißen zu Recht über die Schwarzen herrschten“, meint Stach. Dagegen und gegen die wirtschaftlichen Verflechtungen wollte man etwas tun. Zum Beispiel mit Boykottaufklebern, die der Künstler stets bei sich hatte. „Kauft keine Früchte aus Südafrika“ stand auf den Stickern. „Wenn ich im Supermarkt war, holte ich einen rot-weißen Sticker aus der Geldbörse und klebte sie auf Granny-Smith-Äpfel oder auf Dosen, die mit Früchten aus Südafrika gefüllt waren“, so Stach, der noch im Besitz eines Plakats ist, das eine Dose mit blutigen Einschusslöchern zeigt, „illustriert von Karikaturist Gerhard Haderer“, sagt er.

Ende der Apartheid

Im April 1994 fand in Südafrika die erste freie Wahl statt. Die absolute Mehrheit erzielte der African National Congress (ANC) mit Nelson Mandela an der Spitze. Die Wahl markierte das Ende der Apartheid in Südafrika.

Stach war damals grafisch für das periodisch erscheinende Bulletin verantwortlich. Darin informierte der Verein über die Situation in Südafrika und die Anti-Apartheid-Bewegung. Auch der ehemalige Bundeskanzler Bruno Kreisky erhielt eine Ausgabe. „Wir hatten eine etwa halbstündige Audienz und wollten Kreisky unsere Bleistifte verkaufen, als Spende für Solidaritätsprojekte“, erinnert sich Sauer. „Wir haben gedacht, jetzt kauft er gleich ein paar Stifte für das ganze Bundeskanzleramt. Doch Kreisky sagte nur, dass er Ärger mit dem Rechnungshof bekommt, weil unsere Bleistifte teurer waren als die, die man ohnehin schon an die Mitarbeiter verteilt.“

Geld für Mandela, aber wie?

Auch Sauers Einwand, dass Kreiskys Handschrift mit den Bleistiften vielleicht schöner werden könnte, nutzte nicht. Doch am Ende des Treffens schaute doch noch etwas raus. „Über die Entwicklungshilfe gingen elf bis zwölf Millionen Schilling nach Tansania, wo viele Anti-Apartheid-Aktivisten aus Südafrika im Exil lebten“, erklärt der Historiker. Darüber hinaus hätte Kreisky selbst noch eine Bitte an die Anti-Apartheid-Bewegung gerichtet: Wie soll er das Preisgeld des Bruno-Kreisky-Menschenrechtspreises an Mandela, der 1981 die Ehrung erhielt, aber seit 17 Jahren auf der Gefängnisinsel Robben Island einsaß, schicken? Laut Sauer ist das Geld dann an eine Stiftung von Mandela gelangt. „Wie genau, weiß ich nicht mehr.“

Walter Stach, Künstler

ORF.at/Jürgen Klatzer

Walter Stach mit einem Foto aus dem Bundeskanzleramt, wo man damals bei Bruno Kreisky vorstellig war

Allerdings waren nicht alle politischen Forderungen von Erfolg gekennzeichnet. Als zum Beispiel der damalige Ministerpräsident Südafrikas, Balthazar Johannes Vorster, Ende der 70er Jahre nach Wien kam, um mit Walter Mondale, US-Vizepräsident, über die Lage im südlichen Afrika zu sprechen, blieb die Kritik der Bewegung unerhört. Trotz Proteste marschierte Vorster, ein prononcierter NS-Sympathisant, in die Wiener Hofburg ein und aus. Laut Historiker Sauer hätte sich Österreich damals während des Kalten Kriegs und wegen seiner Neutralität als „Ort der Begegnung“ stilisiert und eben Apartheid-Politiker empfangen.

So residierte auch Vorsters Nachfolger, Pieter Willem Botha, 1984 in der Hauptstadt. Laut Gästebuch übrigens im Luxushotel Imperial Wien. Tausende Menschen gingen auf die Straße, um gegen die Politik Bothas mit „Botha raus“-Plakaten zu protestieren. In diesem Jahr tourte der Premier durch Europa und warb für die umstrittene Verfassungsreform. „Die hat er als Errungenschaft verkauft. Aber es war klar, dass sich nichts ändert. Unter ihm wurde sogar militärisch gegen politische Gegner vorgegangen“, erzählt Margit Niederhuber. Auch sie war ein zentrales Mitglied der Anti-Apartheid-Bewegung.

Demonstration 1984 in Wien gegen die Anti-Apartheid-Politik

SADOCC

Einer der größten Demonstrationen fand 1984 gegen den Wien-Besuch von Premier Botha statt

Eklat in der Bundesregierung

Wie überall, so Niederhuber, habe auch Österreich den Kalten Krieg als Blaupause für Südafrika genutzt. „Für manche Politiker galt Nelson Mandela lange Zeit als kommunistischer Terrorist, während man gleichzeitig Kontakte zum Regime pflegte, ich erwähne nur diese österreichisch-südafrikanischen Freundeskreise, die quasi Propagandaeinrichtungen waren“, sagt die Künstlerin. Einer der Sprachrohre sei auch der Politiker Mangosuthu Gatsha Buthelezi gewesen, der 1988 zum Europäischen Forum in Alpbach (Tirol) eingeladen wurde. „Er war ein Nutznießer der Rassentrennung, dem Außenminister schien das aber vollkommen egal gewesen zu sein.“

Das Außenressort leitete damals Alois Mock (ÖVP), der für einen kleinen Eklat in der Regierung sorgte. Denn nach Kritik der Anti-Apartheid-Bewegung verweigerte Innenminister Karl Blecha (SPÖ) Buthelezi die Einreise nach Österreich. Allerdings setzte sich Mock darüber hinweg und der Chief Minister von KwaZulu konnte am Forum teilnehmen. Finanzminister Ferdinand Lacina (SPÖ), der die Eröffnungsrede hätte halten sollen, sagte seinen Besuch ab. Der Verfassungsdienst des Bundeskanzleramts hatte schon zuvor die Vorgangsweise von Außenminister Mock als rechtswidrig eingestuft.

Margit Niederhuber, Künstlerin

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Margit Niederhuber pflegte Kontakte zu Unterstützern und Unterstützerinnen von Nelson Mandela

Niederhuber weilte in den 80er Jahren mehrmals in Maputo, die Hauptstadt von Mosambik, wo sich zu viele Mitglieder des African National Congress (ANC) aufhielten. „Sie lebten ständig in Gefahr, weil die Regierung in Pretoria sie suchte und Anschläge verübte“, sagt die Künstlerin, die 1994 zu einem Empfang von Mandela in Maputo eingeladen wurde (Staatsbesuch Mandelas als Präsident). Auf einem alten Schwar-Weiß-Foto ist Niederhuber auch mit Jacob Zuma zu sehen. Damals war der spätere ANC-Vorsitzende und Präsident Südafrikas noch ein politisch verfolgter Flüchtling.

„Politisch frei geworden“

Aber nicht nur im Ausland traf sie auf ANC-Mitglieder. Auch ihre Wohnung in Wien war eine Art „ANC-Hotel“, wie sie heute sagt. Viele Vertreter, die in ganz Europa Verbündete gegen das Apartheid-Regime suchten, besuchten Österreich. „Einmal sind wir quer durch das Land gefahren, um Geld zu sammeln“, erzählt Niederhuber, die Benefizveranstaltungen organisiert hat. „Wir haben uns freilich immer gefreut, wenn Leute gekommen sind. Egal, ob zu den Demos oder Konzerten. Als kleine Bewegung war das ja nicht einfach.“

Anti-Apartheid-Aufkleber

ORF.at/Jürgen Klatzer

„Kauft keine Früchte aus Südafrika“ stand auf den Boykottaufklebern

Dem stimmt Stach zu. „Es mag pathetisch klingen, aber wir haben wohl einen mikroskopisch kleinen Teil dazu beigetragen, dass Südafrika zumindest politisch frei geworden ist“, sagt er. Man habe halt das gemacht, was möglich war. Als Mandela letztlich nach 27 Jahren aus dem Gefängnis entlassen wurde, war die Freude in der Bewegung groß. „Man wusste ja damals ja nicht einmal, wie Mandela aussah“, so Niederhuber. „Emotional war das unglaublich“, meint auch Sauer. Er habe zu Hause eine Flasche Sekt aufgemacht.

Veranstaltungshinweis

In Wien findet am 18. Juli um 18 Uhr eine politische Wanderung zum Nelson-Mandela-Platz in der Seestadt statt. Unter anderem wird die Autorin Chris Lohner Mandelas Gefängnisrede halten. Treffpunkt ist der Hannah-Arendt-Platz.

Mit dem politischen Umbruch in Südafrika und dem langsamen Ende der rassistischen Herrschaft der weißen Minderheit war aber auch das Ende der landesweiten Anti-Apartheid-Bewegung in Österreich besiegelt. 1993 wurde der Verein bei seiner letzten Sitzung aufgelöst. „Durchaus mit Freude und Stolz“, wie Stach betont, der Vereinszweck sei erreicht worden. Dass die Bewegung dann noch als Ehrengast zur Angelobung Mandelas zum Präsidenten in Pretoria eingeladen wurde, ist laut den ehemaligen Aktivisten und Aktivistinnen noch eine „Geste der Würdigung“ gewesen.

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