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Kindheit mit doppeltem Stigma

In Österreich und Deutschland sind nach dem Zweiten Weltkrieg Hunderttausende Kinder von alliierten Soldaten und einheimischen Frauen zur Welt gekommen - nach Liebesbeziehungen, kurzen Affären und „Versorgungspartnerschaften“, aber auch nach Vergewaltigungen.

Die Nachkriegsgesellschaften in Österreich und Deutschland taten sich oft schwer mit den „Besatzungskindern“. In ihrem familiären und sozialen Umfeld litten diese Kinder vielfach unter einem doppelten Stigma: Sie waren unehelich geboren und zugleich Nachwuchs der ehemaligen Feinde.

Suche nach den Wurzeln

Zudem lernten die meisten Kinder ihre leiblichen Väter nie kennen oder wurden von ihnen verlassen. Viele Betroffene sind bis heute auf der Suche nach ihren Wurzeln. Im ungebrochenen Interesse von „Besatzungskindern“ und „Besatzungsenkeln“ an der Identität ihrer Väter und Großväter spiegeln sich die Aktualität und gesellschaftliche Relevanz des Themas wider. Eine Konferenz an der Universität Leipzig widmete sich Ende Juni den zwischen 1945 und 1955 geborenen „Besatzungskindern“.

Wirtschaftliche Not und Stigmatisierung

Die Lebensbedingungen von „Besatzungskindern“ waren oft von wirtschaftlicher Not, Vaterlosigkeit und Stigmatisierung geprägt. Viele Kinder wuchsen bei Großeltern, Pflegeeltern oder in Heimen auf, wenn die Mütter für ihre Kinder nicht sorgen konnten oder die späteren Partner der Mütter die Kinder ablehnten. Unterhaltszahlungen bekamen die Mütter von den leiblichen Vätern meist nicht.

Die Kinder stießen häufig auf eine „Mauer des Schweigens“ in ihrem Umfeld, wie Betroffene sowie Forscher und Forscherinnen bei der Konferenz in Leipzig berichten. Kinder afroamerikanischer, nordafrikanischer und zentralasiatischer Soldaten waren außerdem in vielen Fällen mit rassistischer Diskriminierung konfrontiert.

Familiengründung nicht ganz ausgeschlossen

Der Großteil der „Besatzungskinder“ wurde von alleinstehenden Müttern aufgezogen, doch waren ab 1946 auch Hochzeiten zwischen britischen oder amerikanischen Soldaten und einheimischen Frauen möglich. Manche Frauen zogen als „war brides“ in die Herkunftsländer der Männer. In der französischen Armee waren Beziehungen zu deutschen Frauen zu keiner Zeit verboten. Hingegen galten Eheschließungen zwischen sowjetischen Soldaten und einheimischen Frauen de facto als ausgeschlossen.

Kind als „Kriegsschadensfall“

„Besatzungskinder“, die in Folge sexueller Gewalt zur Welt kamen, lebten in einem besonderen Spannungsfeld. Es sind Berichte von Vergewaltigungen durch Soldaten aller vier Besatzungsmächte überliefert. Doch allein beim Einmarsch der Roten Armee im Osten Deutschlands wurden Schätzungen zufolge bis zu 1,9 Millionen Frauen vergewaltigt. Kindern, die in der Folge auf die Welt kamen, fehlte meist jegliche Kenntnis über ihre biologische Herkunft.

Winfried Behlau, der als Sohn eines sowjetischen Soldaten und einer deutschen Mutter nach einer Vergewaltigung zur Welt kam, galt für die Behörden in den Nachkriegsjahren als „Kriegsschadensfall“. Jahrzehntelang glaubte er, seine Geschichte sei ein Einzelfall. Heute macht sein offener Umgang mit seiner Lebensgeschichte anderen „Besatzungskindern“ Mut. Das Sprechen über seine Kindheitserfahrungen helfe ihm, mit den psychosozialen Belastungen umzugehen, so Behlau.

Im geteilten Deutschland unterschied sich der Umgang mit den „Besatzungskindern“ entsprechend der politischen Lage während des Kalten Krieges. Dennoch: Sowohl im Osten als auch im Westen fand keine öffentliche Auseinandersetzung mit der Thematik statt.

Psychosoziale Folgen für Mütter und Kinder

Überlebende sexualisierter Gewalt während oder nach Kriegen leiden mitunter noch jahrzehntelang an den psychosozialen Folgen. Betroffene Frauen versuchen häufig, die Gräueltaten zu verdrängen. Dabei sind die Kinder für sie oft eine lebende Erinnerung an die traumatischen Erlebnisse.

Die Beziehungen zu ihren Müttern beschreiben diese Kinder oft als distanziert und konfliktbeladen. „Die Liebe, die ich von meinen Großeltern erfahren habe, sollte ich eigentlich von meiner Mutter bekommen“, wird ein „Besatzungskind“ bei der Konferenz in Leipzig zitiert. Die Kinder erfuhren oft erst spät oder nur durch Dritte, kein „Kind der Liebe“ zu sein. „Meine Mutter war wie eine Fremde für mich. Sie war nicht fähig, Gefühle zu zeigen“, berichtete eine Betroffene.

Parfümflasche

Privatsammlung Zita L.

Eine Parfumflasche als Spur zum Vater

Im Vergleich zur gleichaltrigen Allgemeinbevölkerung weisen „Besatzungskinder“ heute ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen auf, darunter somatoforme Störungen, posttraumatische Belastungsstörungen und Depressionen, wie Forschungen unter der Leitung von Heide Glaesmer an der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig zeigen.

Nur Spuren des Vaters

„Besatzungskinder“ beschäftigt oft die Frage nach den Wurzeln - die Frage nach dem Vater. Wenn keine oder nur wenige Informationen über die Beziehung zwischen den leiblichen Eltern verfügbar sind und die Mutter nicht mehr befragt werden kann, sind die Chancen einer erfolgreichen Recherche nach der Identität des Vaters gering.

Zita L. wurde im Jahr 1946 in einer Liebesbeziehung zwischen einer österreichischen Frau namens Antonia und einem britischen Besatzungssoldaten geboren. Die wenigen Informationen über den leiblichen Vater sind auf einer Parfümschachtel und auf der Hinterseite eines Fotos vermerkt: „To Toni, from Ian“ und „In Love“. Die Parfumschachtel wurde, so die Erzählung, der Mutter als Abschiedsgeschenk übergeben. Das Foto zeigt den Vater mit einem weiteren Soldaten und einem Kind, als er 1944 in Griechenland stationiert war.

Historisches Bild mit Vater und Kleinkind

Privatsammlung Zita L.

Ein vergilbtes Foto als einziges Bild des Vaters

„Befreiungskinder“ statt „Besatzungskinder“

Eleonore Dupuis kam 1946 in Folge einer Liebesbeziehung zwischen ihrer österreichischen Mutter und einem sowjetischen Soldaten in Niederösterreich zur Welt. Auch sie sucht bis heute nach ihrem leiblichen Vater: Sie lernte Russisch, trat in russischen TV-Shows auf, erzählte ihre Lebensgeschichte russischen Zeitungen und schrieb ihre Autobiografie „Befreiungskind“, die ins Russische übersetzt wurde. Mit Hilfe ihrer Kontakte unterstützt sie andere „Besatzungskinder“ bei der „Suche nach den Wurzeln“.

„Lieber würde ich den Begriff ‚Befreiungskinder‘ verwenden. Doch viele Leute wollen davon nichts hören, und ‚Besatzungskinder‘ hat sich eingebürgert“, so Dupuis. An den Diskussionen über die richtige Bezeichnung für die Nachkommen alliierter Soldaten und einheimischer Frauen beteiligen sich auch die Betroffenen selbst.

Viele sprechen von sich weder als „Besatzungskinder“ noch „Befreiungskinder“ - vor allem dann, wenn die biologische, väterliche Herkunft nicht zu jenen biografischen Eckdaten zählt, die Betroffene für sich selbst als prägend und identitätsstiftend ansehen.

Die Autorinnen und der Autor

Das von der EU geförderte Horizon-2020–Forschungsnetzwerk „Children Born of War: Past-Present-Future“ (Marie-Sklodowska-Curie-Maßnahme 642571) untersucht seit 2015 die Lebens- und Sozialisationsbedingungen von „Kindern des Krieges“. Die Autorinnen Sophie Roupetz (Uni Leipzig), Lisa Haberkern (Schlesische Universität in Katowice) und der Autor Lukas Schretter (LBI Kriegsfolgenforschung, Graz) forschen im Rahmen des Netzwerks.

Netzwerke unterstützen Betroffene

Nachdem „Besatzungskinder“ in Deutschland und Österreich jahrzehntelang aus dem kollektiven Gedächtnis der Nachkriegszeit verdrängt waren und kaum Beachtung fanden, erschienen in den letzten Jahren mehrere Studien zur Thematik. Im Jahr 2012 widmete sich in Wien erstmals eine von Barbara Stelzl-Marx vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung gemeinsam mit Silke Satjukow von der Universität Magdeburg organisierte Konferenz diesen „Kindern des Krieges“. Wissenschaftliche Studien und Veranstaltungen unterstützen die Netzwerkbildung zwischen „Besatzungskindern“.

Unterstützung bei der Vatersuche leisten die Plattformen GI Trace, Abgängig-vermisst, Russenkinder e.V. und Herzen ohne Grenzen. Eines dieser Netzwerke sind auch die Distelblüten, wie sich die Gruppe der „Russenkinder“ in Deutschland selbst nennt. Gemeinsam pflegen sie einen Austausch über ihre Kindheitserfahrungen und die Suche nach den leiblichen Vätern. Das Netzwerk hilft den Betroffenen außerdem, eine Gesprächsbasis in ihren eigenen Familien aufzubauen. In Eigenregie gelingt manchmal eine erfolgreiche Recherche nach dem leiblichen Vater und ein Treffen mit zuvor unbekannten Familienangehörigen.

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